Theologe hält Schisma wegen der Piusbrüder für möglich

"Worst-Case-Szenario für den Papst"

Die Piusbrüder lehnen einen theologischen Dialog mit dem Vatikan ab und beharren auf eigenen Bischofsweihen. Was nun? Der Theologe Jan-Heiner Tück beschreibt drei mögliche Szenarien, die in nächster Zeit eintreten könnten.

Autor/in:
Mathias Peter
Priesterweihe der Piusbruderschaft / © Jean-Matthieu Gautier (KNA)
Priesterweihe der Piusbruderschaft / © Jean-Matthieu Gautier ( KNA )

DOMRADIO.DE: Die Piusbrüder wollen nun doch nicht in einen theologischen Dialog mit dem Vatikan eintreten, weil sie nicht an eine Einigung glauben und sich an drohenden Strafmaßnahmen stoßen. Die negative Antwort kam recht zügig nach einem Gespräch der Piusbruderschaft und dem Vatikan. Hat Sie die Schnelligkeit und Deutlichkeit der Absage überrascht? 

Prof. Dr. Jan-Heiner Tück (Professor für Dogmatik, Fachbereichsvorstand Dogmatik und Dogmengeschichte und stv. Vorstand des Instituts für Systematische Theologie und Ethik in Wien): Ja, ich hätte jetzt schon gedacht, dass nach der Offerte von Kardinal Fernández noch mal ein Reflexionsprozess innerhalb des Rates der Piusbruderschaft stattfinden würde. Immerhin hat Kardinal Fernández das Instrument der abgestuften Zustimmung zu den Konzilsdokumenten ins Gespräch gebracht. Aber das scheint den Piusbrüdern nicht hinreichend zu sein, sodass sie von weiteren theologischen Klärungen absehen wollen. Das ist schon erstaunlich. 

Victor Kardinal Fernandez posiert für Fotografen mit einem Exemplar eines Buches von Papst Franziskus mit dem Titel "Viva la Poesia" / © Gregorio Borgia (dpa)
Victor Kardinal Fernandez posiert für Fotografen mit einem Exemplar eines Buches von Papst Franziskus mit dem Titel "Viva la Poesia" / © Gregorio Borgia ( dpa )

DOMRADIO.DE: Die Piusbruderschaft erwartet nicht, dass ein Austausch über theologischer Streitpunkte etwas bringen wird. Ist es nicht auch ehrlich, dass man vom Vatikan her sagt, wer das Zweite Vatikanische Konzil nicht akzeptiert, mit dem lohnt diese Diskussion nicht? 

Tück: Ja, in der Tat sind bereits jahrelange Diskussionen geführt worden, ohne ein Ergebnis. Meines Erachtens gibt es jetzt drei Szenarien, wie es weitergehen kann. Zum einen könnte es sein, dass die Piusbruderschaft am 1. Juli 2026 tatsächlich die Bischofsweihen ohne Erlaubnis des Papstes vornimmt und sich die Akteure dadurch automatisch die Exkommunikation zuziehen. Das wäre der Weg ins Schisma. Zweitens wäre es möglich, dass der Papst die Gesprächsbedingungen doch noch ermäßigt, um ein Schisma abzuwenden und eine lehrmäßige Einigung herbeizuführen. Da wäre die schon erwähnte abgestufte Zustimmung zu den Konzilsdokumenten ein Weg. Meines Erachtens wäre der Preis allerdings zu hoch. 

Jan-Heiner Tück

"Zum einen könnte es sein, dass die Piusbruderschaft am 1. Juli 2026 die Bischofswahlen ohne Erlaubnis des Papstes vornimmt. Das wäre der Weg ins Schisma"

Und drittens wäre es auch vorstellbar, dass Papst Leo die pastoral-elastische Haltung von Papst Franziskus verlängert und die Piusbruderschaft weiter in einer irregulären Grauzone agieren lässt, um das Schisma zu verhindern.

Man muss sich klarmachen: Ein Papst hat als Worst-Case-Szenario immer ein Schisma vor Augen. Er ist der Brückenbauer, er muss die Einheit der Kirche garantieren. Das ist, glaube ich, der Grund, warum man so viel Geduld mit den Piusbrüdern trotz der hartnäckigen Reformverweigerung gehabt hat und immer noch hat. Aber irgendwann muss auch mal Klarheit sein, deswegen würde ich, wenn sich die Wunde nicht heilen lässt, ohne größere Wunden aufzureißen, für klare Verhältnisse votieren.

"Mythenbildung" um Benedikt XVI. / © Martin Gardeazabal (shutterstock)
"Mythenbildung" um Benedikt XVI. / © Martin Gardeazabal ( shutterstock )
Benedikt XVI.

DOMRADIO.DE: Dennoch muss man sagen, dass der Vatikan bislang einen hohen Preis gezahlt hat. Papst Benedikt hat eine Geste des guten Willens gezeigt, hat die Exkommunikation von vier Bischöfen zurückgenommen vor fast 20 Jahren. Das ist ihm übel auf die Füße gefallen, weil darunter ein Holocaustleugner war. Auch Franziskus ist den Piusbrüdern entgegengekommen. Zahlt der Vatikan nicht schon viel zu lange einen viel zu hohen Preis für eine dann doch relativ kleine Gruppe? 

Tück: Ich würde zwischen den Dialogstrategien von Papst Benedikt und Papst Franziskus unterscheiden. Benedikt hat zwar mit der Rücknahme der Exkommunikation der vier Traditionalistenbischöfe 2009 eine Geste des Entgegenkommens gezeigt, die insofern erstaunlich war, als sie nicht an die Anerkennung der theologischen Weichenstellungen des Konzils gebunden war. Aber immerhin hat er darauf Wert gelegt, dass man auch in theologischen, also doktrinalen Fragen eine Einheit erzielt.

Papst Franziskus hingegen hat eher auf einer pastoralen Ebene agiert und scheint darauf gesetzt zu haben, dass sich quasi im Wärmestrom der Barmherzigkeit das eingefrorene Traditionsverständnis der Piusbrüder kommunikativ verflüssigen lasse. Er hat den Gläubigen erlaubt, die Beichte gültig bei Priestern der Piusbruderschaft zu empfangen. Auch hat er die Eheassistenz durch traditionalistische Geistliche zugestanden.

Jan-Heiner Tück

"Deswegen würde ich, wie Benedikt, darauf beharren wollen, dass vor einer vollen Eingliederung der Piusbruderschaft eine theologische Klärung erfolgen muss."

Aber der Preis ist tatsächlich sehr hoch, weil die Piusbrüder die ökumenische Öffnung, das neue Verhältnis zum Judentum, den interreligiösen Dialog, aber eben auch ein liberales Demokratieverständnis ganz entschieden ablehnen. Das kann man etwa in der Schrift "Die Zeitbomben des Zweiten Vatikanischen Konzils" von P. Franz Schmidberger nachlesen. Nichtkatholiken sind "Häretiker und Schismatiker", die Juden werden auch nach dem Zivilisationsbruch der Shoah als "Gottesmörder" tituliert und ein katholischer Staat à la Franco oder Pinochet gutgeheißen. 

Würde man diese Positionen unwidersprochen akzeptieren, dann gäbe unter dem Dach der katholischen Kirche nicht nur ungleichzeitige, sondern auch widersprüchliche Positionen. Deswegen würde ich auf der Linie von Benedikt XVI. darauf beharren wollen, dass vor einer vollen Eingliederung der Piusbruderschaft eine theologische Klärung erfolgen muss. Wenn das nicht möglich ist, dann soll die "Nachhut der Nachhut" (Hermann J. Pottmeyer) den Weg ins Schisma antreten.

DOMRADIO.DE: Sie haben eben angedeutet, dass Papst Benedikt XVI. im Umgang mit den Piusbrüdern durchaus streng war und darauf beharrt hat, das Zweite Vatikanische Konzil absolut anzuerkennen. Warum ist er da so deutlich gewesen? 

Tück: In seiner Weihnachtsansprache von 2005 hat er sich mit der Frage der Interpretation des II. Vatikanischen Konzils beschäftigt. Hier hat er Deutungen des Konzils abgelehnt, die er als Lesarten des Bruchs oder der Diskontinuität angesehen hat. Was viele seiner Kritiker überlesen, hat er nicht für eine "Hermeneutik der Kontinuität" votiert, sondern für eine "Hermeneutik der Reform", die sich durch ein Zusammenspiel von Kontinuität und Diskontinuität auf unterschiedlichen Ebenen auszeichnet. Vor und nach dem Konzil ist es dieselbe Kirche, die aber auf gewandelte historische Umstände durch Reformen reagieren muss. Das mag abstrakt klingen.

Machen wir es konkret an einem der strittigen Punkte, der Religions- und Gewissensfreiheit. Benedikt hebt darauf ab, dass das, was die Päpste des 19. Jahrhunderts verurteilt haben, keineswegs identisch ist mit dem, was im 20. Jahrhundert durch das Zweite Vatikanum anerkannt wurde. Im 19. Jahrhundert ging es um einen laizistischen, religionsfeindlichen Liberalismus, der meinte, die Gottesfrage aus dem öffentlichen Raum eliminieren zu sollen.

Zweites Vatikanisches Konzil (KNA)
Zweites Vatikanisches Konzil / ( KNA )

Dem Konzil aber geht es um die Anerkennung des liberalen Rechtsstaates, der den gesetzlichen Rahmen garantiert, so dass sich religiöse Überzeugungen so lange frei entfalten können, als sie nicht dem Gesetz widersprechen. Das Konzil hat mit der Erklärung "Dignitatis humanae" diese Religions- und Gewissensfreiheit anerkannt. Übrigens auch in Entsprechung zum Offenbarungsverständnis in der Dogmatischen Konstitution "Dei Verbum", wo eben Offenbarung nicht mehr instruktionstheoretisch als gehorsam aufzunehmende Weisung verstanden wird, sondern als freie Selbsterschließung Gottes, die eben die Freiheit des potentiellen Adressaten voraussetzt, sodass Offenbarungsverständnis und Religionsfreiheit hier eine Korrespondenz eingehen.

Dies darf nicht als unverbindliche, bloß pastorale Lehre relativiert werden, um den Piusbrüdern entgegenzukommen. Eine Verzerrung der Religionsfreiheit im Rahmen eines katholischen Staates, der andere religiöse Überzeugungen einschränkt oder verbietet, das widerspricht nicht nur dem liberalen demokratischen Rechtstaat, sondern steht auch in Spannung zum kommunikationstheoretischen Offenbarungsverständnis, das "Dei Verbum" grundgelegt hat.

Papst Leo XIV. beim Angelusgebet / © Vatican Media/Romano Siciliani/KNA (KNA)
Papst Leo XIV. beim Angelusgebet / © Vatican Media/Romano Siciliani/KNA ( KNA )

DOMRADIO.DE: Papst Leo ist Kirchenrechtler von der Ausbildung her. Das waren die drei Vorgänger vor ihm nicht. Glauben Sie, dass die Piusbrüder den noch relativ neuen Papst testen wollen, wie weit sie gehen können? 

Tück: Der Generalobere der Piusbruderschaft, Davide Pagliarani, hat die Kommunikationsverhältnisse offengelegt. Er hat zunächst an Papst Leo geschrieben, aber keine Antwort erhalten. Dann noch einmal an Kardinal Fernández, den Leiter des Dikasteriums für die Glaubenslehre. Da steckt eine gewisse Enttäuschung drin, nicht sofort beachtet worden zu sein. Erst mit der Androhung, am 1. Juli Bischofsweihen vornehmen zu wollen, ist der Heilige Stuhl umgehend aktiv geworden, weil hier das Gespenst des Schismas droht.

Piusbrüder  / © dpa (dpa)
Piusbrüder / © dpa ( dpa )

Papst Leo ist unter Druck gesetzt worden. Aber durch die Antwort gestern (19. Februar, Anm. d. Red.), dass die Piusbruderschaft keine Chance sieht, die Lehrdifferenzen zu klären, und sie milde darum bittet, dass der Papst die Bischofsweihen dulden möge, ist zumindest die Erwartung klar. Die Piusbruderschaft möchte die Bischofsweihen vornehmen können, ohne den Weg ins Schisma zu beschreiten - und sie macht darauf aufmerksam, dass ihre Geistlichen im eucharistischen Hochgebet den Namen des Papstes und des jeweiligen Ortsbischofs nach wie vor erwähnen. Das scheint mir allerdings eine eher kosmetische Sache zu sein, wenn man bedenkt, dass sie in Lehrfragen keinen Millimeter Entgegenkommen zeigen. 

Jan-Heiner Tück

"Sie zielen eine Verlängerung der Grauzone an, die unter Papst Franziskus schon mehr oder weniger eingekehrt ist."

Die Piusbruderschaft, so scheint es, zielt eine Verlängerung der Grauzone an, die unter Papst Franziskus schon mehr oder weniger eingekehrt ist. Meines Erachtens müsste Papst Leo hier disziplinarisch für Klarheit sorgen. Falls es im Juli 2026 tatsächlich dazu kommt, dass die Piusbrüder ohne päpstliches Mandat Bischöfe weihen, sie sich durch den Akt selbst exkommunizieren und dadurch den Weg ins Schisma antreten, dieses Schisma auch vom Heiligen Stuhl formell als solches qualifiziert wird, dann wäre vorstellbar, wie 1988 auch geschehen, dass ein nicht unerheblicher Teil der Piusbruderschaft in die Petrusbruderschaft übergeht. Denn vielen innerhalb der Piusbruderschaft ist der Weg ins Schisma nicht genehm. Sie wollen unter dem Dach der katholischen Kirche bleiben.

DOMRADIO.DE: Die Petrusbruderschaft ist auch sehr traditionell orientiert, ist aber dennoch, wie Sie sagen, unter dem Dach der katholischen Kirche. Ist die Duldung von Bischofsweihen durch den Papst ein realistisches Szenario? 

Tück: Nein, ich halte das für ein problematisches Szenario. Mit den Bischofswahlen, ohne päpstliches Mandat, ziehen sich die Spender und die Geweihten nach dem geltenden Kirchenrecht (c. 1382 CIC/1983) automatisch die Exkommunikation zu. Das muss dann, finde ich, auch Konsequenzen haben, wie übrigens im Jahre 1988 auch, als Erzbischof Lefebvre die vier Bischofe geweiht hat. Vom irregulären Status würde die Piusbruderschaft in den schismatischen Status übergehen. 

Was 2009 durch Benedikt geschehen ist, die Rücknahme der Exkommunikation, würde dann wieder zurückgenommen, und das Schisma ist da. Dann sollte man, so schmerzlich es für alle ist, die sich um die Einheit der Kirche sorgen, klare Verhältnisse schaffen.

Das Gespräch führte Mathias Peter.

Piusbruderschaft

Die traditionalistische Priesterbruderschaft St. Pius X. wurde 1969 vom französischen Erzbischof Marcel Lefebvre (1905-1991) gegründet. Sie lehnt viele Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) ab. Streitpunkte sind vor allem Liturgie, Religionsfreiheit und Ökumene. Die Konzilslehren hätten die Tradition der Kirche zerstört, so Lefebvre, der selbst als Ordensoberer am Konzil teilnahm. Die Piusbruderschaft sieht sich als Bewahrerin der Tradition der "Heiligen Römischen Kirche".

Priesterweihe der Piusbruderschaft / © Jean-Matthieu Gautier (KNA)
Priesterweihe der Piusbruderschaft / © Jean-Matthieu Gautier ( KNA )
Quelle:
DR

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