Es könnte die erste Bewährungsprobe für Papst Leo XIV. werden: Die Piusbrüder gehen aufs Ganze und fordern den Vatikan heraus. Denn am 1. Juli wollen die Traditionalisten neue Bischöfe für ihre Gemeinschaft weihen. Damit gehen sie ein großes Risiko ein – denn die Bischofsweihen wurden von Rom nicht genehmigt. Doch das ist kirchenrechtlich eigentlich notwendig. Der Generalobere der Priesterbruderschaft St. Pius X., Davide Pagliarani, gab Anfang der Woche bekannt, dass er in den vergangenen Monaten mehrmals im Vatikan um die Genehmigung für die Bischofsweihen gebeten habe. Vom Heiligen Stuhl habe er jedoch nur eine Rückmeldung erhalten, die "unseren Forderungen in keiner Weise entspricht", so Pagliarani.
Dass die Piusbrüder trotz des Verbots aus Rom dennoch neue Bischöfe weihen lassen wollen, hängt damit zusammen, dass sie glauben, sich in einer Notlage zu befinden: Bereits 1988 hatte der Gründer der traditionalistischen Gemeinschaft, Erzbischof Marcel Lefebvre, mit einem weiteren Bischof unerlaubt vier neue Oberhirten für die Priesterbruderschaft geweiht. Damit wollte der damals 82-Jährige das Fortbestehen der Piusbrüder für die Zeit nach seinem Tod sichern. Auch 1988 hatte es zuvor Gespräche mit dem Vatikan gegeben, der sich letztlich gegen die Weihen aussprach.
Bischöfe für Priesterweihen benötigt
Von den vier damals Geweihten leben heute nur noch zwei Bischöfe. Die beiden anderen sind letztes bzw. vorletztes Jahr gestorben. Deshalb sieht die Piusbruderschaft nun Handlungsbedarf und will neue Bischöfe weihen. Diese benötigen sie, um auch mittelfristig Priesterweihen durchführen zu können. Denn nur gültig geweihte Oberhirten, die in der sogenannten apostolischen Sukzession stehen – sich also in einer Weihelinie sehen, die bis zu den Aposteln und damit zu Jesus Christus zurückreicht –, können gültig Weihehandlungen vornehmen. Ohne Bischöfe also keine Priester und ohne Priester keine Sakramente für die Gläubigen der Gemeinschaft. Für die Priesterbruderschaft geht es also ums Überleben.
Die Piusbrüder wissen jedoch aus ihrer Geschichte, was die angekündigten unerlaubten Bischofsweihen bedeuten würden: Schon 1988 wurden Erzbischof Lefebvre, der weihende Bischof und die vier Geweihten exkommuniziert – so wie es das Kirchenrecht vorschreibt. Die Exkommunikation ist der Ausschluss aus der kirchlichen Gemeinschaft und die höchste Strafe im Kirchenrecht. Sie ist im Fall unerlaubter Bischofsweihen eine Tatstrafe, tritt also unmittelbar mit dem Begehen der verbotenen Handlung ein und kann nur vom Papst aufgehoben werden. Lefebvres unerlaubte Weihen wurden damals von Papst Johannes Paul II. zudem als schismatischer Akt verurteilt.
Unerlaubt aber gültig
Der Vatikan rief daraufhin die Gläubigen auf, den Priestern der Piusbrüder nicht mehr zu folgen und dort keine Sakramente mehr zu empfangen. Die unerlaubten Bischofsweihen waren jedoch sakramental gültig, weil sie mit Blick auf den Ritus der Weihe und die apostolische Nachfolge korrekt gespendet wurden. Das unauslöschliche Prägemal, das den Kandidaten nach kirchlicher Lehre mit der Weihe eingeprägt wurde, ist trotz der Illegitimität vorhanden.
2009 hob Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation der Bischöfe der Piusbruderschaft auf, um eine Annäherung der Gemeinschaft an die katholische Kirche zu ermöglichen. Die daraufhin einsetzenden Gespräche waren jedoch nur von kurzer Dauer. Zu einer vollen Wiedereingliederung der Piusbrüder in die Kirche kam es trotz weitreichender Zugeständnisse an die Bruderschaft und einer Befürwortung durch den damaligen Generaloberen, Bischof Bernard Fellay, nicht.
Bedeutende Mitglieder der Bruderschaft und die sie durch Spenden finanzierende Anhängerschaft sprachen sich gegen eine Annäherung an die katholische Kirche aus. Seitdem liegen die Einigungsbemühungen brach und der kirchenrechtliche Status der Piusbrüder ist nicht genau geklärt: Er befindet sich irgendwo zwischen Schisma und stillschweigender Akzeptanz durch die Kirche.
Treffen zwischen Piusbrüdern und Vatikan geplant
Diese ohnehin schon schlechten Beziehungen zwischen der Gemeinschaft und dem Vatikan könnten sich durch die angekündigten Weihen wieder stark verschlechtern. In Rom wollen der Papst und seine Mitarbeiter diesen Fall anscheinend verhindern. Leo XIV. traf sich nun außer der Reihe mit der Spitze des auch für die Piusbrüder zuständigen Ordensdikasteriums. Vatikansprecher Matteo Bruni erklärte zudem, dass man versuche, die Kontakte zur traditionalistischen Gemeinschaft fortzusetzen.
Dadurch wolle man "Brüche oder einseitige Lösungen in Bezug auf die aufgetretenen Probleme" vermeiden. In der kommenden Woche soll es zu einem Treffen zwischen dem Präfekten des Glaubensdikasteriums, Kardinal Víctor Manuel Fernández, und dem Generaloberen der Piusbrüder kommen. Immerhin: Die Bereitschaft zum Dialog scheint zu bestehen.
Für den Papst stellt sich angesichts der angekündigten Bischofsweihen die Frage, wie er mit den Piusbrüdern umgehen soll. Das theologisch nicht gelöste Grundproblem der Beziehung zwischen der Bruderschaft und der katholischen Kirche ist die Ablehnung des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) durch die Traditionalisten, die genau aus diesem Grund 1970 von Lefebvre ins Leben gerufen wurde.
Wie steht Papst Leo zur "Alten Messe"?
Besonders den Lehren der Kirchenversammlung zur Ökumene, zum Judentum, zur Religionsfreiheit und der Beziehung zu anderen Religionen stellen sich die Piusbrüder kategorisch entgegen. Nicht umsonst sind sie in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder durch antijudaistische Äußerungen aufgefallen. Den Höhepunkt bildet dabei sicherlich der Skandal um Bischof Richard Williamson der Bruderschaft, der während des Pontifikats von Benedikt 2009 öffentlich den Holocaust leugnete.
Die Neuordnung der Liturgie sind die Piusbrüder ebenso nicht mitgegangen und feiern die sogenannte "Alte Messe", also die römische Liturgie von 1962. Die traditionalistischen Kreise spekulieren seit Beginn des Pontifikats von Leo darüber, wie er zur "Alten Messe" steht. Sein Vorgänger Franziskus schränkte ihre Feier 2021 weitgehend ein, nachdem Benedikt XVI. sie 2007 wieder erlaubt hatte. Die sich nun anbahnende Krise mit der Piusbruderschaft könnte den Papst dazu bringen, sich in diesem Konflikt zu positionieren. Und der Pontifex muss sich die unangenehme Frage stellen, ob eine Annäherung an die Piusbruderschaft überhaupt möglich ist, weil die Traditionalisten die Lehren des II. Vaticanums ablehnen.