Kölner Dogmatiker verteidigt Marienweihe im Ukraine-Krieg

"Heilsame Fremdheit in säkularer Welt"

Papst Franziskus will zusammen mit den Bischöfen in aller Welt die Menschheit und vor allem Russland und die Ukraine dem unbefleckten Herzen der Gottesmutter Maria weihen. Manuel Schlögl erläutert, was es damit auf sich hat.

Papst Franziskus berührt eine Figur von der Muttergottes mit dem Jesuskind / © Paul Haring (KNA)
Papst Franziskus berührt eine Figur von der Muttergottes mit dem Jesuskind / © Paul Haring ( KNA )

DOMRADIO.DE: Was genau ist mit dem unbefleckten Herzen Mariens gemeint?

Dr. Manuel Schlögl (Lehrstuhlverwalter Dogmatik und Ökumenischer Dialog an der Kölner Hochschule für Katholische Theologie): In diesem Motiv des unbefleckten Herzens verbinden sich zwei Linien. Zum einen wird in der ganzen Bibel das Herz "pars pro toto" als Ort der Personmitte des Menschen gesehen. Dort fällt er seine Urteile. Er hört auf sein Gewissen und das Herz ist auch das Organ für seine Kommunikation mit Gott, könnte man sagen.

Auch von Maria sagt das Neue Testament, dass sie alles, was mit Jesus geschieht, in ihrem Herzen bewahrt. Dieses Adjektiv "unbefleckt" ist ein dogmatisches Wort. Es bezieht sich auf das Dogma der Unbefleckten Empfängnis Mariens. Maria ist ganz frei von Sünde und damit auch ganz offen für Gott, für seinen Willen, ihn zu erkennen, ihn zu tun. Deswegen ist sie auch für alle Christen ein Vorbild und eine Fürsprecherin.

DOMRADIO.DE: Was soll dann so eine Weihe an das unbefleckte Herz Mariens zum Ausdruck bringen? Und was hat der Wallfahrtsort Fatima damit zu tun, wo Kardinal Krajewski zeitgleich zu Papst Franziskus in Rom dann die Weihe vornimmt?

Schlögl: Eine Weihe ist zunächst einfach ein besonderer Akt der Verehrung, ein intensives Gebet, ein sich Anvertrauen. Das zeigt, dass für uns Christen Maria nicht nur ein Vorbild ist, sondern auch ein Ansprechpartner, eine Fürsprecherin, eine Beschützerin aller Glaubenden.

Diese Weihe an das unbefleckte Herz Mariens hat eine Tradition, die sehr eng mit Fatima zusammenhängt. Dort hat 1917 die Gottesmutter den Hirtenkindern den direkten Auftrag gegeben, damals schon Russland ihrem unbefleckten Herzen zu weihen. Es war die Zeit der bevorstehenden Revolution, der Erste Weltkrieg, also auch eine Zeit des Krieges, der Unruhe.

Da haben sich damals schon viele diesem Wunsch der Gottesmutter angeschlossen. Darum passt es, dass in Fatima heute auch dieses Gebet erneuert wird.

DOMRADIO.DE: Hat es denn einen bestimmten Grund, dass solche Weihen vor allem dann in Kriegs- und Krisenzeiten durchgeführt werden?

Schlögl: Zum einen sind solche Weihen auch in anderen Zeiten möglich und üblich. Ich habe einige junge Menschen begleitet, die für sich persönlich so eine Marienweihe in einer bestimmten Lebenssituation abgelegt haben, weil sie nach ihrer Berufung gesucht haben.

Aber natürlich gilt das alte Sprichwort "Die Not lehrt beten", dass Menschen irgendwie zurzeit merken, dass wir allein mit Friedensappellen nicht weiterkommen. Wir stoßen an unsere Grenzen. Und so fragt man neu nach Gott.

Es ist ja auch ein Zeichen, dass sich heute nicht nur Bischöfe, sondern auch viele Christen weltweit zusammenschließen und dieses positive Gebet um Frieden in die Welt senden.

DOMRADIO.DE: Ist das ein Zeichen? Das fragen sich sicherlich auch einige Katholiken, ob nicht ein einfacher Appell zum Frieden ausgereicht hätte und ob eine solche Marienweihe nicht vielleicht auch etwas seltsam magisch auf die säkulare Welt wirken kann. Wie sehen Sie das als Wissenschaftler?

Dr. Manuel Schlögl

"Es ist kein Automatismus damit gemeint, sondern einfach eine Bitte um Hilfe, um Kraft, in dieser schwierigen Zeit das Richtige zu tun."

Schlögl: So eine Marienweihe hat eine heilsame Fremdheit in unserer säkularen Welt, weil sie uns einfach wieder daran erinnert, dass die sichtbare Welt nicht alles ist. Natürlich könnte man es auch magisch missverstehen, so als würden wir da Gebete nach oben senden und dann würde Gott das sofort umsetzen.

Ich habe ja schon gesagt, eigentlich geht es darum, dass wir uns persönlich Maria als Gottesmutter anvertrauen. Damit ist zugleich verbunden, dass wir Betende selbst mitwirken, indem wir für den Frieden eintreten, indem wir den Flüchtlingen helfen. Es ist auch kein Automatismus damit gemeint, sondern einfach eine Bitte um Hilfe, um Kraft, in dieser schwierigen Zeit das Richtige zu tun.

Brief des Papstes zur Weihe an das Unbefleckte Herz Marias

In einem Bußgottesdienst am Freitag im Petersdom bittet Papst Franziskus noch einmal um Frieden in der Ukraine. Mit einem besonderen Gebet möchte er die Menschheit und vor allem Russland und die Ukraine der Gottesmutter Maria weihen. Dazu bittet der Papst alle katholischen Bischöfe weltweit, sich mit ihrer Diözese dieser Aktion anzuschließen. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) dokumentiert den Brief im offiziellen Wortlaut.

"Schreiben von Papst Franziskus zum Akt der Weihe an das Unbefleckte Herz Marias

Lieber Bruder,

Papst Franziskus am Schreibtisch / © Vatican Media/Romano Siciliani (KNA)

DOMRADIO.DE: Der Kölner Erzbischof hat sich, wie viele andere Bischöfe weltweit auch, dem Wunsch des Papstes angeschlossen und wird am späten Nachmittag hier im Kölner Dom einen Gottesdienst feiern, um dann auch die Weihe des Erzbistums Köln zu erneuern. Warum muss eine solche Weihe denn überhaupt erneuert werden?

Schlögl: Zunächst finde ich interessant, dass Köln schon einmal, nämlich 1954, eine wichtige Rolle bei so einem Weiheakt gespielt hat. Damals hat Kardinal Frings stellvertretend für alle deutschen Bischöfe Deutschland der Gottesmutter Maria geweiht.

Es war die Zeit, wo noch viele in russischer Kriegsgefangenschaft waren. Man hat für die Wiedervereinigung Deutschlands gebetet und man sieht, dass unser Glaube geschichtlich ist.

In immer neuen geschichtlichen Situationen müssen wir uns darauf besinnen, was das Richtige ist und die Hilfe Gottes erbitten. Man kann auch sagen, Gott lässt den Menschen nie allein. Er ist immer für uns ansprechbar und greifbar. Und die Gemeinschaft der Glaubenden erstreckt sich eben über die sichtbare Welt hinaus.

Ich würde mir auch vorstellen, dass wir heute in diesem gemeinsamen Gebet auch Kirche, diese Gemeinschaft, den Glauben noch einmal neu erfahren können.

Das Interview führte Florian Helbig.

Information der Redaktion: DOMRADIO.DE überträgt am Freitag, 25.03.2022, um 17.00 Uhr die Weihe von Russland, Ukraine und des Erzbistums Köln an das Unbefleckte Herz Mariens live im Internet. Ebenso überträgt DOMRADIO.DE ab 17.00 aus dem Vatikan die Bußfeier im Petersdom mit der Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens im Internet live.

Quelle:
DR
Mehr zum Thema