Kardinal Woelki erläutert Ausstieg vom Synodalen Weg

"Grundlegend unterschiedliche Auffassungen von Synodalität"

Nach drei Jahren findet diese Woche die 6. Synodalversammlung statt. Kardinal Woelki nimmt daran nicht teil. Trotzdem zeigt er Respekt für die Arbeit und Ziele des Gremiums. Wie er Synodalität versteht, erklärt er im Interview.

Kardinal Rainer Maria Woelki (m.), Erzbischof von Köln, im Sitzungssaal bei der fünften Synodalversammlung am 10. März 2023 in Frankfurt / © Julia Steinbrecht (KNA)
Kardinal Rainer Maria Woelki (m.), Erzbischof von Köln, im Sitzungssaal bei der fünften Synodalversammlung am 10. März 2023 in Frankfurt / © Julia Steinbrecht ( KNA )

DOMRADIO.DE: In Stuttgart tagt die 6. Synodalversammlung des Synodalen Weges, die drei Jahre nach der letzten Versammlung angesetzt wurde, um den Reformprozess zu evaluieren. Sie nehmen an dieser Sitzung nicht teil. Warum?

Rainer Maria Kardinal Woelki (Erzbischof von Köln): Für mich ist der Synodale Weg abgeschlossen. Ursprünglich war vereinbart worden, dass es fünf Sitzungen geben sollte und an diesen habe ich auch teilgenommen. Während einer Sitzung der Deutschen Bischofskonferenz ist noch einmal darüber gesprochen worden, dass der Prozess evaluiert werden solle. Ich habe damals bereits innerhalb der Konferenz gesagt, dass ich daran nicht teilnehmen werde, weil der Synodale Weg für mich zu Ende gegangen ist.

Meiner Ansicht nach hat dieses Gremium zudem nicht den Auftrag zu evaluieren, was ein einzelner Ortsbischof oder eine einzelne Diözese von den Beschlüssen des Synodalen Weges umgesetzt hat oder nicht. 

DOMRADIO.DE: An den bisherigen fünf Synodalversammlungen haben Sie teilgenommen und mit abgestimmt. Wie fällt Ihre Bewertung dieses Reformprozesses unterm Strich aus?

Kardinal Woelki: Ich finde, dass dort wichtige Fragen behandelt worden sind, etwa die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs. Das war ja der eigentliche Ausgangspunkt. Auch Fragen nach dem Umgang mit Macht und Verantwortung sind bearbeitet worden. Das ist ja auch sehr richtig und ich bin überzeugt, dass hier noch mehr geschehen muss. Für das Erzbistum Köln habe ich schon 2023 dafür entscheidende Weichen gestellt: Wir haben heute die nach meiner Auffassung modernste und effizienteste Verwaltungsorganisation im Vergleich zu allen deutschen Diözesen. In einer großen Reorganisation ist die Verantwortung – Sie können auch sagen: die Macht – nach Kompetenzen geteilt worden: der Generalvikar kümmert sich um Pastoral und Strategie, der Amtsleiter um die ganze Verwaltung und der Ökonom verantwortet Finanzen und Vermögen.

Aber andere wichtige Fragen sind während des Synodalen Weges eben auch nicht angegangen worden, zum Beispiel die Frage der Evangelisierung, die uns Papst Franziskus in seinem Brief "an das Pilgernde Volk Gottes in Deutschland" 2019 ins Stammbuch geschrieben hat. Darin sehe ich einen großen Mangel dieser fünf Vollversammlungen.

DOMRADIO.DE: Also sehen Sie durchaus einen Wert und Erfolge des Synodalen Weges. Es war nicht alles schlecht? 

Rainer Maria Woelki bei Synodalversammlung / © Harald Oppitz (KNA)
Rainer Maria Woelki bei Synodalversammlung / © Harald Oppitz ( KNA )
Kardinal Woelki bei einer Synodalversammlung

Kardinal Woelki: Nein. Ich würde sagen, dass wichtige Themen bearbeitet und behandelt worden sind, hinter denen ich auch stehe und bei denen ich deshalb auch im Erzbistum Köln schon während des Synodalen Weges entschiedene Schritte gesetzt habe. Nehmen Sie das Beispiel Missbrauch, das ja – wie gesagt – ein wesentlicher Ausgangspunkt für den Synodalen Weg war: Für mich ist neben der konsequenten Aufarbeitung die Prävention dabei eines der ganz zentralen Themen, damit Missbrauch so schwer wie möglich gemacht wird und am besten gar nicht mehr passiert. Selbstverständlich arbeiten wir alle Fälle gründlich auf, Strukturen wurden angepasst und die Intervention personell deutlich gestärkt. Vor allem aber haben wir dafür gesorgt, dass wirklich jede und jeder, der bei uns arbeitet oder sich ehrenamtlich engagiert, in jeder Pfarrei, in unseren Schulen und KITAs in Prävention geschult und für das Thema sensibilisiert wird.

Das Problem ist für mich vor allem die Art und Weise, wie die Arbeit auf dem Synodalen Weg gestaltet wurde. Es wurde nicht Synodalität in dem Sinne gelebt, wie sie aus meiner Perspektive Papst Franziskus – und jetzt auch Papst Leo – verstehen und wie beide sie immer wieder für die Weltkirche einfordern und auch selbst praktizieren. Dies durfte ich ja auch jüngst aus nächster Nähe beim Konsistorium, der Versammlung der Kardinäle mit dem Papst in Rom erleben.

Synodaler Weg

Der Begriff "Synodaler Weg" verweist auf das griechische Wort Synode. Es bedeutet wörtlich "Weggemeinschaft"; im kirchlichen Sprachgebrauch bezeichnet Synode eine Versammlung von Bischöfen oder von Geistlichen und Laien.

Der Reformdialog Synodaler Weg dauerte von Ende 2019 bis Frühjahr 2023. Dabei berieten die deutschen katholischen Bischöfe und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) zusammen mit weiteren Delegierten über die Zukunft kirchlichen Lebens in Deutschland.

Das gelochte Metallkreuz und Teile des Schriftzugs Synodaler Weg  / © Julia Steinbrecht (KNA)
Das gelochte Metallkreuz und Teile des Schriftzugs Synodaler Weg / © Julia Steinbrecht ( KNA )

DOMRADIO.DE: Das heißt? Wie sähe das besser aus?

Kardinal Woelki: Synodalität heißt für mich: gut aufeinander hören, jeder kann seine Sicht einbringen. Und vor allem: gemeinsam auf das hören, was der Heilige Geist uns sagt, gemeinsam beraten und unterscheiden. Die Entscheidung aber trifft am Ende derjenige, der das Amt dafür übertragen bekommen hat und der sich vor allem dem Glauben der Kirche verpflichtet wissen muss – idealerweise einmütig, nachdem wirklich aufeinander und auf Gott gehört worden ist.

Rainer Maria Kardinal Woelki

"Synodalität heißt für mich: gut aufeinander hören, jeder kann seine Sicht einbringen."

DOMRADIO.DE: Als Folge des Synodalen Weges streben Bischofskonferenz und Zentralkomitee der deutschen Katholiken nun an, ein gemeinsames synodales Gremium auf Bundesebene zu etablieren, in dem Bischöfe mit Laien gemeinsam entscheiden sollen. Die Satzung dieser sogenannten Synodalkonferenz muss aber noch von den Bischöfen und vom Vatikan abgesegnet werden. Sollte der Heilige Stuhl seinen Stempel drunter setzen, würden Sie sich dann an diesem Gremium beteiligen?

Kardinal Woelki: Wir müssen abwarten, was Rom tatsächlich sagt. Wir müssen auch abwarten, ob die Bischofskonferenz bei ihrer Vollversammlung im Februar die Satzung wirklich in der vorliegenden Form für gutheißt. Insofern möchte ich mich nicht an Spekulationen beteiligen.

Ich kann nur sagen, dass ich mich meinen Weiheversprechen gegenüber zu verantworten habe. Ich habe versprochen, den Glauben der Kirche zu schützen und in Einheit mit dem Papst den Weg in meiner Diözese zu gehen. Das möchte ich auch in Zukunft für mich in Anspruch nehmen.

Deutsche Bischofskonferenz verabschiedet Sieben-Punkte-Plan / © Arne Dedert (dpa)
Deutsche Bischofskonferenz verabschiedet Sieben-Punkte-Plan / © Arne Dedert ( dpa )
Die Deutsche Bischofskonferenz ist der Zusammenschluss der katholischen Bischöfe in Deutschland.

DOMRADIO.DE: Erklären Sie bitte noch mal, warum Sie das Gremium einer Synodalkonferenz von Bischöfen und Laien nicht mittragen können. 

Kardinal Woelki: Wir leben als Katholiken in einer hierarchisch-sakramental verfassten Kirche. Das ist nicht einfach eine Frage der Organisation, sondern eine Frage des Wesens der Kirche. Und das ist die Basis, auf der wir einen gemeinsamen synodalen Weg gehen müssen. In dieser Kirche hat der Bischof für sein Bistum in letzter Instanz eine Entscheidungsgewalt, die ihm von Christus selbst übertragen ist. Insofern tue ich mich schwer mit dem Gedanken, Teil eines Gremiums zu sein, in dem 27 Diözesanbischöfe, 27 Mitglieder des ZdK und weitere 27 Mitglieder, die noch gewählt werden müssen, gemeinsam beraten und entscheiden. Und darum geht es ja letztlich, auch wenn versucht wird, dies mit anderen Worten zu umschreiben.

Damit wir uns nicht falsch verstehen - ich bin sehr für Beteiligung. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir einen Weg der synodalen, aber eben auch der missionarischen Erneuerung der Kirche gehen müssen. In unserer Diözese haben wir unsere Gremien synodal aufgestellt. Wir haben alle Konferenzen – vom Diözesanpastoralrat über die Diözesankonferenz der Pfarrer bis hin zur Erzbischöflichen Beratungskonferenz – in eine synodale Form des Miteinanders gebracht. 2024 haben wir den Diözesanpastoralrat beispielsweise neu zusammengestellt: viel mehr Frauen, junge Menschen und Engagierte aus unseren Pfarreien bringen die Lebenswirklichkeit unseres Erzbistums in unsere Beratungen ein. Diese werden alle geistlich begleitet, wir üben das Gespräch im Heiligen Geist und lernen so ein echtes synodales Miteinander. Und dies alles, ohne die sakramentale Ordnung der Kirche deswegen in Frage zu stellen. 

Rainer Maria Kardinal Woelki

"Das, was beraten und vorgeschlagen wird, muss im Einklang mit dem apostolischen Erbe und dem Glauben der Kirche stehen."

DOMRADIO.DE: Aber der Bischof, das Magisterium, hat am Ende trotzdem immer das letzte Wort. Spielen Laien dann überhaupt keine Rolle mehr bei der Entscheidung? 

Kardinal Woelki: Aber ganz im Gegenteil! "Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ." Wir sind gemeinsam auf dem Weg in der Nachfolge Jesu. Gemeinsam leben und verwirklichen wir unser Christsein. Deshalb beraten wir gemeinsam den Weg, wie wir heute Kirche sein wollen und können – aus dem heraus, was wir von Christus verstanden und gehört haben.

Das ist ein gemeinschaftliches Miteinander. Die Aufgabe des Bischofs ist es dann, das gemeinsam Erkannte umzusetzen und zur Grundlage unseres kirchlichen Lebens zu machen. Aber das, was beraten und vorgeschlagen wird, muss im Einklang mit dem apostolischen Erbe und dem Glauben der Kirche stehen. Das ist entscheidend. Darauf zu achten ist ja gerade die besondere Verantwortung des Bischofs.

DOMRADIO.DE: Noch mal konkret: Warum ist es wichtig, Laien auf synodale Art und Weise in diesen Prozess einzubinden?

Rainer Maria Kardinal Woelki

"Wir können nicht darüber abstimmen, ob Jesus von den Toten auferstanden ist. Wenn (...) ich das als Bischof akzeptieren müsste, wäre das für mich ausgeschlossen."

Kardinal Woelki: Weil jeder getaufte und gefirmte Christ eine Beziehung zu Gott und zu Christus hat und als Glied des Volkes Gottes Verantwortung trägt. Jeder hat Rechte und Pflichten. All das gilt es wahrzunehmen und miteinander zu bedenken.
Die Aufgabe des Bischofs ist es, dafür Sorge zu tragen, dass dies in Gemeinschaft mit dem Papst und dem Bischofskollegium geschieht – in Einheit, in Communio.

Wir können dabei aber nicht über alles ergebnisoffen diskutieren. Um einmal ein bewusst abwegiges Beispiel zu nennen: Wir können nicht darüber abstimmen, ob Jesus von den Toten auferstanden ist. Wenn am Ende eine Mehrheit zu der Überzeugung käme, dass er es nicht ist, und ich das als Bischof akzeptieren müsste, wäre das für mich ausgeschlossen.

DOMRADIO.DE: Heißt das: Das Problem am Synodalen Weg ist für Sie nicht die Beratung und Debatte an sich, sondern ein falsches Verständnis davon, was Kirche ist und wie sie Verantwortung ausübt?

Kardinal Woelki: Ich glaube, es bestehen grundlegend unterschiedliche Auffassungen davon, was Synodalität bedeutet. Papst Franziskus – wie auch Papst Leo – betonen immer wieder, dass Synodalität ein geistliches Geschehen ist, ein Werkzeug zur Evangelisierung. Synodalität ohne Evangelisierung ist gar nicht denkbar, wenn man Papst Franziskus und Papst Leo folgt.

Herzliches Wiedersehen: Kardinal Woelki traf in Rom auf Papst Leo XIV. / © Vatican Media/Romano Siciliani (KNA)
Herzliches Wiedersehen: Kardinal Woelki traf in Rom auf Papst Leo XIV. / © Vatican Media/Romano Siciliani ( KNA )

Ich habe den Eindruck, dass es auf dem Synodalen Weg in Deutschland ab einem bestimmten Punkt vor allem darum ging, bestimmte kirchenpolitische Positionen umzusetzen.

DOMRADIO.DE: Braucht es dann vielleicht alternative synodale Gesprächsforen auf Bundesebene? 

Kardinal Woelki: Beim letzten Konsistorium haben die Kardinäle mit dem Heiligen Vater über Synodalität diskutiert. Eine Bitte war, eine Studienkommission einzusetzen, um theologisch zu klären, was Synodalität bedeutet und wie sie in einer hierarchisch-sakramental verfassten Kirche gelebt werden kann.

Ich halte das für zentral wichtig und würde sehr dafür plädieren, das abzuwarten. Es braucht ein gemeinsames weltkirchliches Verständnis als Grundlage für die Wege der Teilkirchen. Es kann nicht sein, dass wir in Deutschland ein eigenes, parlamentarisch geprägtes Verständnis von Synodalität entwickeln, dass sich abkoppelt, von der Gemeinschaft der Weltkirche. Genau das war die Befürchtung von Papst Franziskus und so, wie ich Papst Leo verstanden habe, beurteilt er das ähnlich. Die Vielfalt der Formen, die Papst Leo bei der Ausgestaltung von Synodalität als legitim bezeichnet hat, muss doch dennoch durch die Anerkennung und Wahrung der sakramental-hierarchischen Verfassung der Kirche zusammengehalten werden. Ich glaube im Übrigen auch nicht, dass wir immer neue Gremien und Strukturen brauchen, sondern vielmehr eine echte synodale und missionarische Erneuerung unserer vielen bestehenden Strukturen.

Rainer Maria Kardinal Woelki

"Es kann nicht sein, dass wir in Deutschland ein eigenes, parlamentarisch geprägtes Verständnis von Synodalität entwickeln."

DOMRADIO.DE: Warum ist es so schwierig, beim Begriff Synodalität zu einem gemeinsamen Verständnis zu kommen?

Kardinal Woelki: Hier ist eine theologische Klärung dringend notwendig. Ich bin wirklich davon überzeugt, dass alle Beteiligten – auch die des Synodalen Weges - letztlich das Gute für die Kirche wollen. Aber der Weg dorthin wird unterschiedlich gesehen.

Meine große Sorge ist, dass derzeit in Deutschland der schleichende Versuch unternommen wird, eine neue Ekklesiologie und eine neue Anthropologie zu implementieren, die nicht mehr mit dem Glauben und der Lehre der Weltkirche im Einklang stehen.

DOMRADIO.DE: In Deutschland wird der Synodale Weg oft als liberal und fortschrittlich wahrgenommen, mit Rom als Gegenpol oder sogar Bremser. Dabei gibt es selbst Bischöfe und Kardinale, die das Synodalitätsverständnis von Papst Franziskus und Papst Leo als zu links und liberal betrachten. Wenn man ein Spektrum aufbaut: Auf dieser kritischen Seite steht zum Beispiel Kardinal Zen aus Hongkong, in der Mitte Papst Leo und auf der anderen Seite der Synodale Weg in Deutschland. Wo würden Sie sich da positionieren?

Kardinal Woelki: Immer an der Seite des Papstes – und damit in der Mitte. Der Weg, den uns Papst Franziskus eröffnet hat und den Papst Leo weitergeht, ist ein geistlicher Weg. Wir stellen uns – vom Papst über die Bischöfe bis zum ganzen Volk Gottes – unter das Wort und die Autorität Gottes. Er ist der Herr der Kirche. 

DOMRADIO.DE: Seit dem Ende des Synodalen Weges ist eine zunehmende Polarisierung spürbar – auch in der Bischofskonferenz. Wie fühlen Sie sich damit?

Kardinal Woelki: Diese Situation ist belastend. Die Spannungen bedrücken mich, weil ich niemandem unterstellen möchte, nicht das Gute zu wollen.

Unterschiedliche Auffassungen gab es schon immer, auch in der frühen Kirche, etwa beim Apostelkonzil. Aber am Ende hat man sich auf das verständigt, was Petrus als Garant der Einheit festgelegt hat. Dass dies heute nicht mehr selbstverständlich ist, scheint mir eine der Ursachen unserer aktuellen Schwierigkeiten zu sein.

DOMRADIO.DE: Sehen Sie eine Möglichkeit, wieder zusammenzufinden?

Kardinal Woelki: Im Gespräch zu bleiben ist entscheidend. Aber die gemeinsame Basis muss klar sein: der Glaube und die Lehre der Kirche, die Einheit mit dem Papst und das Kirchenbild des Zweiten Vatikanischen Konzils, insbesondere von Lumen Gentium.

Rainer Maria Kardinal Woelki

"Wir müssen uns wieder auf eine gemeinsame Wertebasis verständigen."

DOMRADIO.DE: Was muss gesellschaftlich passieren, damit trotz unterschiedlicher Ansichten Respekt und Zusammenhalt möglich bleiben?

Kardinal Woelki: Wir müssen uns wieder auf eine gemeinsame Wertebasis verständigen: Dialog statt Gewalt, Verlässlichkeit, Schutz der Schwachen, Solidarität und Gerechtigkeit.

Wir erleben das ja gerade in der Weltpolitik: Wo wieder das Recht des Stärkeren gilt, verrohen Gesellschaft und Sitten. Die Würde des Menschen wird verletzt, Persönlichkeitsrechte werden missachtet. Das führt zu einer entmenschlichten Gesellschaft – und das kann nicht unser Ziel sein.

DOMRADIO.DE: Wie setzen Sie Ihr Verständnis von Synodalität im Erzbistum Köln um?

Kardinal Woelki: Ich habe ja schon von verschiedenen Beispielen gesprochen, wo wir auch Themen und Anliegen des Synodalen Weges aufgegriffen und im Erzbistum Köln umgesetzt haben: die Stärkung von Prävention und Aufarbeitung, die Teilung von Macht und Verantwortung. Darüber hinaus machen wir in einem großen Transformationsprogramm unsere Strukturen fit für die Zukunft. Nicht als Selbstzweck, sondern aus Verantwortung für die Generationen nach uns und damit wir verlässliche Rahmenbedingungen für eine lebendige Kirche schaffen.

Und dann haben wir natürlich vor allem die Impulse der Weltsynode in Rom aufgegriffen. Über die synodale Umgestaltung unserer Konferenzen habe ich bereits gesprochen. Aber das zweite und für mich gewissermaßen entscheidende Thema, ist die Evangelisierung: 

Wir haben einen eigenen Fachbereich mit einer ganzen Reihe von jungen und engagierten Leuten eingerichtet, die sich "Evangelisierung" auf die Fahne geschrieben haben. Wir haben versucht, umzusetzen, was Papst Franziskus in seinem Brief an die Kirche in Deutschland gefordert hat. Es geht zukünftig nicht mehr nur um das Bewahren des Bestehenden, sondern wir wollen alles unter den Gedanken der Evangelisierung stellen, so wie Papst Franziskus dies in "Evangelii Gaudium" gefordert hat. Wir haben dafür mit "kommt & seht", einem eucharistischen Glaubensfestival, einen echten Akzent gesetzt, an dem schon beim ersten Mal tausend Menschen teilgenommen haben. 

DOMRADIO.DE: Da dies auch eine wichtige Frage beim Synodalen Weg gewesen ist: Wie stehen Sie zu Frauen in kirchlichen Verantwortungspositionen?

Kardinal Woelki: Der Frauenanteil in Führungspositionen liegt bei uns im Generalvikariat derzeit mit 36 Prozent z.B. klar über dem Unternehmensdurchschnitt von 24 Prozent. Dass wir uns hier im Erzbistum der Förderung von Frauen – insbesondere in leitenden und verantwortlichen Aufgaben – stellen und widmen ist mir wichtig, ist uns wichtig. Deshalb sprechen wir nicht nur, sondern handeln entsprechend.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

Synodaler Prozess

Was bedeutet Synodalität?

Synodalität bezeichnet den besonderen Stil, der das Leben und die Sendung der Kirche kennzeichnet und ihr Wesen als Volk Gottes zum Ausdruck bringt, das gemeinsam unterwegs ist und sich versammelt, berufen vom Herrn Jesus in der Kraft des Heiligen Geistes, das Evangelium zu verkünden. Die Synodalität sollte in der gewöhnlichen Lebens- und Arbeitsweise der Kirche zum Ausdruck kommen.

Symbolbild Hände / © Rawpixel.com (shutterstock)
Quelle:
DR

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