"Kirche muss Freude machen. Man muss gerne hingehen wollen. Dabei sollte auch das Pastoralteam sichtlich Spaß an seiner Arbeit haben und das auch ausstrahlen." Oder: "Ein Zusammenschluss kann eine Bereicherung sein. Gemeinschaft ist immer wichtig. Jeder muss an dem Ort, an dem er steht, sein Mögliches dafür tun. Denn neue Orte werden neue Hoffnung schenken." Eltern, die für die Weitergabe des Glaubens verantwortlich seien, sollten nicht aus dem Blick verloren werden. Aber auch außerhalb kirchlicher Räume komme es auf authentische Glaubenszeugen an.
Veronika Bräu vom Fachbereich Evangelisierung und Thorsten Giertz, Fachbereichsleiter Entwicklung Pastorale Einheiten im Erzbischöflichen Generalvikariat, lesen am Ende im Plenum vor, was in Kleingruppengesprächen zusammengetragen und als Stichworte unter der Maßgabe "Das nehme ich mit" oder "Das hat mich bewegt" festgehalten wurde. Dabei hatte Moderatorin Tabea Wiemer, die den Fachbereich Evangelisierung leitet, zuvor Impulsfragen gestellt, die mit eigenen Glaubenserfahrungen und -prägungen zu tun haben oder auch erahnen lassen sollten, was Menschen brauchen, um sich in einer Pfarrei willkommen und wohl zu fühlen.
Der Austausch im Pfarrsaal von St. Martin war bewusst so angelegt, dass alle Teilnehmer gleichberechtigt zu Wort kommen sollten. Jeder bekam anderthalb Minuten Redezeit zugeteilt, ohne dass jemand anderes das Gesagte kommentierte, und im Anschluss folgten 15 Sekunden Stille. Diese Methode – nach Ignatius von Loyola auch "Gespräch im Heiligen Geist" genannt – nämlich zunächst einander aufmerksam zuzuhören und erst dann miteinander zu sprechen, erläuterte Wiemer, sei der Weltsynode entlehnt und habe sich nicht zuletzt in den römischen Konsistorien und damit als Gesprächsformat unter den Kardinälen bewährt.
Kardinal besucht frisch fusionierte Gemeinden
Eingeladen zu diesem "Glaubensgespräch zur geistlichen Vision der Kirche von Köln" hatten das Erzbistum und Pfarrer Tobias Hopmann. Denn zum 1. Januar sind – wie in anderen Teilen der Diözese auch – 16 ehemals eigenständige Pfarreien in Euskirchen zu einer neu gegründeten Pfarrei St. Martin fusioniert. Doch das ist nur der formale Schritt. Von nun an wird es um einen Priorisierungsprozess gehen, was in Zukunft das Profil dieser Großpfarrei ausmacht, und – nach Wunsch von Kardinal Woelki – vor allem auch um die Entwicklung einer geistlichen Vision – für ihn ein "Herzensanliegen", wie er sagt – auf dessen Grundlage alle weiteren Weichenstellungen getroffen werden: Gebäudemanagement, Gottesdienstschwerpunkte oder der Einsatz finanzieller und personeller Mittel.
Dafür besucht der Kölner Erzbischof gerade reihum solche frisch fusionierten Gemeinden, wobei ihm dabei besonders wichtig der persönliche Kontakt mit den Gläubigen ist. Schließlich will er sie mit ins Boot holen und setzt dabei vorrangig auf Dialog. Eine gelungene Idee, wie sich schnell zeigte. Denn mit großer Ernsthaftigkeit steckten alle Teilnehmer die Köpfe zusammen und vertieften sich in die ihnen gestellte Aufgabe.
"Die Begegnung mit dem Kardinal hat mich echt bewegt", erzählt später sichtlich beeindruckt Helga Bötzelen, nachdem sich der Erzbischof in einer Gesprächspause für eine Weile zu der 89-Jährigen und ihrem Mann gesetzt hatte. Warum sie heute hier sei? "Ich lebe in dieser Pfarrei, daher will ich, dass es gut weitergeht." Natürlich sei die Person des Kardinals für eine solche Informationsveranstaltung ein wichtiges Zugpferd, findet Jan Gerdemann aus dem benachbarten Rheinbach, der wie viele andere Messbesucher auch nach dem Sonntagsgottesdienst den Weg zu dieser Versammlung gefunden hat, sodass angesichts des großen Interesses noch einige zusätzliche Stühle aufgestellt werden müssen. "Viel spannender aber als über meinen eigenen Glauben zu sprechen, ist für mich die Überlegung, wie wir all das, was hier heute an Input kam, ganz praktisch auf die neue Gemeinde herunterbrechen", meint er. Dazu seien doch noch viele strukturelle Überlegungen und regelmäßige Treffen notwendig.
Andere erleben den Ansatz, stattdessen einmal den eigenen Glauben ins Zentrum zu stellen, eher als großen Motivationsschub, sich weiterhin kirchlich zu engagieren. So sprechen Marie-Therese und Philipp von Loe von einem "neuen Geist", den sie bei diesem Forum wahrgenommen hätten. Sie würden in der Tat bestärkt nach Hause gehen, sagen sie. "Dass wir als Kirche größer werden können und nicht nur schrumpfen, wie der Kardinal an Beispielen verdeutlicht hat, macht uns neuen Mut." Ihn selbst hätten sie in der persönlichen Begegnung als "nahbar, locker, sympathisch und liebenswürdig" erlebt.
Ihr habe das Prinzip der Augenhöhe gefallen, jeder habe offen und ehrlich etwas aus seinem Glaubensleben beigetragen, resümiert Erzieherin Ute Rohhoff. Über Gastgeber Woelki sagt sie: "Bei unserem Gespräch in der Kleingruppe war er einer von uns. Dass er der Kardinal ist, hat überhaupt keine Rolle gespielt." Er sei ein aufmerksamer Zuhörer gewesen. "Und er hat freiwillig das Protokoll übernommen", fügt sie lachend noch hinzu.
Gemeinsamer geistlicher Aufbruch
Mit dem neuen Format "Ein Sonntag mit dem Kardinal", zu dem die Feier eines Gottesdienstes mit anschließender Begegnung gehört, setzt das Erzbistum sehr gezielt auf einen gemeinsamen geistlichen Aufbruch in den gerade fusionierten Pfarreien und ermutigt dazu, miteinander neue Wege zu gehen. Denn der Kölner Erzbischof hat das erklärte Ziel, die Kirche von Köln in den kommenden Jahren zukunftsfähig zu machen. "Ich lade Sie herzlich ein", sagt Kardinal Woelki, "diese geistliche Vision mit Inhalt und Leben zu füllen, ihr ein Gesicht zu geben und sie damit zu unserer gemeinsamen geistlichen Vision zu machen, indem wir uns gemeinschaftlich darauf einlassen, Gott immer wieder neu kennenzulernen, Glaubensorte zu schaffen und unsere Christusbeziehung wachsen zu lassen." Eine geistliche Vision zu entwickeln diene dazu, dass das Leben Tiefe, Halt und Orientierung habe.
"Wir dürfen sicher sein, auf einem gemeinsamen Boden zu stehen, wenn wir an den ganz unterschiedlichen Stellen und in unseren ganz verschiedenen Verantwortlichkeiten nach Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit suchen." Es gehe darum, sich nicht von weniger Pastoral angesichts schwindender personeller und finanzieller Ressourcen treiben zu lassen, sondern aktiv zu gestalten und nach dem spezifischen Auftrag von Kirche zu fragen; nach dem, was eben nur sie könne. Wörtlich formuliert Woelki: "Wir müssen uns fragen: Was können nur wir? Wofür stehen wir? Wo sind wir unersetzbar?" Wobei jede Gemeinde, jedes Gremium, jeder Verband und jede Ordensgemeinschaft diese gemeinschaftliche Vision auf ihre je individuelle Situation herunterbrechen solle, um so die Nachfolge Jesu zu leben. Eine geistliche Vision bedeute, die Dinge mit Jesus Christus zu denken, so Woelki. "Das trägt dazu bei, dass etwas zusammenwächst, was divers erscheint. Und es macht uns als Christen erkennbar."
Weiter stellt der Erzbischof fest, dass es dabei auch um Wachstum gehe und darum, Glaubenszeugen und missionarische Kirche zu sein. "Wer nicht wächst, ist tot. Ganz einfach", erklärt er. Daher sei es ein ermutigendes Zeichen, dass gerade in Düsseldorf, Wuppertal, Köln und Brühl neue Gemeinden gegründet worden seien und die Resonanz darauf groß sei. Schon die Apostel, berichtet Woelki, seien weit gereist, um christliche Gemeinden zu gründen und zu wachsen. "Wachstum ist uns Christen eingestiftet." Doch dafür müsse zunächst jeder in seinem Glauben, in seiner Gottesbeziehung und Christusfreundschaft wachsen, die dann auf andere ausstrahle und damit zur Evangelisierung beitrage.
In der Taufe ist Freundschaftsbeziehung zu Gott grundgelegt
In seiner Predigt hatte der Gast aus Köln der in der Euskirchener Innenstadtkirche Herz Jesu versammelten Gemeinde ausdrücklich für ihr vielfältiges Engagement in der Vergangenheit und die Bereitschaft, in ihrer Kirche am Ort Verantwortung zu übernehmen und Christus zu den Menschen zu tragen, gedankt. "Nichts war umsonst, alles war gut in seiner Zeit", unterstrich Woelki und fügte hinzu: "Eine Fusion ist mehr als die Fusion des Bestehenden. Wir richten uns neu aus auf den, der unser Grund ist, auf dem wir stehen." Bereits in der Taufe sei die Freundschaftsbeziehung – mehr noch die Liebesbeziehung – mit Gott grundgelegt, "in der der eine um den anderen weiß, mit ihm Zeit verbringen und im ständigen Austausch sein will". Echte Liebe ende nie. Sie halte ein ganzes Leben. "Jesus sehnt sich danach, dass wir ihm unser Leben übergeben. Seine Liebe entzündet in uns die Sehnsucht nach dem Wahren, Schönen und Guten, und sie macht uns das Schweigen unmöglich, so dass wir gar nicht anders können, als ihn zu verkündigen", erklärte der Kardinal. Nichts anderes bedeute Evangelisierung: die Frohe Botschaft in die Welt zu tragen, andere am eigenen Glauben teilnehmen zu lassen, sich als Gemeinde um Jesus Christus zu scharen sowie geschwisterlich miteinander zu leben.