Die katholische Kirche in Deutschland erlebt seit Jahren einen tiefgreifenden Umbruch. Sinkende Mitgliederzahlen, ein schwindender Einfluss im öffentlichen Diskurs und veränderte religiöse Biografien. In dieser Situation rückt für Kardinal Rainer Maria Woelki ein Begriff in den Mittelpunkt: Evangelisierung. Für ihn entscheidet sich an ihr, ob die Kirche ihren Auftrag erfüllt oder nicht.
Der Kölner Erzbischof versteht Evangelisierung nicht als ein Programm unter vielen, sondern als Wesenskern der Kirche, wie er gegenüber DOMRADIO.DE betont. Maßgeblich ist für ihn der Satz aus Evangelii Nuntiandi. "Die Evangelisierung ist […] die Gnade und ureigene Berufung der Kirche, ihre tiefste Identität. Sie existiert, um zu evangelisieren." Daraus leite sich ab, so Kardinal Woelki, warum Kirche existiere. Es folge ein persönlicher Auftrag für alle Getauften. "Jede Christin und jeder Christ ist aufgerufen, durch das Zeugnis des eigenen Lebens Christus zu verkündigen."
Zentrales Thema auch für Papst Leo
Dass Evangelisierung neu an Bedeutung gewinnt, verbindet Kardinal Woelki eng mit dem neuen Papst. Papst Leo wisse aus eigener pastoraler Erfahrung, "wie dringend die Welt die Botschaft Jesu braucht“. Deshalb, so Kardinal Woelki, ist dem Papst die Evangelisierung ein großes Anliegen. Daraus leitet der Kölner Erzbischof eine klare Erwartung ab. "Ich glaube, dass die Evangelisierung das bestimmende Thema seines Pontifikats werden wird."
Dabei haben sich die gesellschaftlichen Voraussetzungen nach Woelkis Einschätzung tiefgreifend verändert. "Viele Menschen haben scheinbar keinen Zugang mehr zu Fragen des Glaubens". Realität sei, dass der christliche Glaube bereits weitgehend aus dem öffentlichen Leben verschwunden sei.
Gott in einer säkularen Welt erfahrbar machen
Gleichzeitig bleibe eine Grundkonstante bestehen, zeigt der Kölner Erzbischof sich überzeugt: die Grundsehnsucht des Menschen nach Liebe, Sinn und Verbundenheit. Menschen erwarteten von der Kirche Antworten auf diese Sehnsucht. Leeres und unverfängliches Geschwätz genüge nicht, um diesen Hunger zu stillen.
So sei die Evangelisierung vor allem eine geistliche Aufgabe. "In der Kirche ist Gott selbst gegenwärtig", besonders in der Feier der Sakramente. In der Eucharistie sei Gott sogar unter uns gegenwärtig, so der 69-Jährige.
Umso mehr kritisiert er eine gewisse Zurückhaltung in der Kirche. "Ich glaube, wir haben als Kirche oft zu wenig Mut, diesen Glauben fröhlich und mit voller Überzeugung in unserem Leben sichtbar zu machen." Evangelisierung sei kein Automatismus, sondern verlange geistliche Tiefe und persönliches Zeugnis.
Evangelisierung im Erzbistum Köln
Kardinal Woelki betont, dass Evangelisierung auch verantwortungsvolle Planung brauche. Demnach liege es in unserer Verantwortung, das was uns anvertraut ist, klug zu verwenden. Dazu gehörten materielle Ressourcen sowie Vertrauen und Engagement, aber auch die Erkenntnisse der modernen Wissenschaften.
Gleichzeitig warnt er davor, das Ziel aus den Augen zu verlieren. Vor lauter Optimierung und der ständig von uns geforderten Aktualisierungen nach den Erfordernissen unserer Zeit dürfe man nicht das eigentliche Ziel aus den Augen verlieren. Dies sei, Jesus Christus durch den Dienst der Kirche sichtbar zu machen und alle Menschen in seine Nähe einzuladen.
Kardinal Woelki spricht bewusst, wie er sagt, nicht von "Neu-Evangelisierung" sondern rein von "Evangelisierung". Das solle deutlich machen, dass nicht alles überholt sei, was bisher zur Verbreitung des Evangeliums unternommen wurde.
Zugleich müsse die Kirche heute neue Antworten finden, wie man Christus zu den Menschen bringen könne. Evangelisierung sei dabei mehr als einzelne Projekte. Vielmehr zeige sie sich im alltäglichen kirchlichen Leben.
Hoffnung trotz kleiner werdender Kirche
Auch wenn die Kirche schrumpft, sieht Kardinal Woelki eine bleibende Grundlage. "Die Sehnsucht nach Gott ist so tief im Menschen verankert, dass wir immer Anknüpfungspunkte haben werden."
Daher sieht er den Auftrag der Kirche darin, Christus sichtbar zu machen und Menschen einzuladen – unabhängig davon, wie groß oder klein die Kirche ist.