DOMRADIO.DE: Venezuela sorgt gerade für Schlagzeilen: US-Soldaten entführten Präsident Nicolás Maduro. Zwar hat der Papst zu Frieden aufgerufen, aber der Vatikan ist nicht direkt betroffen in der Geschichte. Das war aber schonmal anders, 1989 in Panama. Was war damals los?
Ulrich Nersinger (Vatikanexperte): Das ist eine Geschichte, die eigentlich das Zeug zu einem Hollywood-Blockbuster hätte. Die USA marschierten in Panama ein, aus eigenen Interessen heraus, völkerrechtswidrig – und wollten den damaligen Machthaber, General Manuel Noriega, festsetzen. Noriega konnte jedoch fliehen, blieb aber im Land. Er wählte einen strategisch klugen Zufluchtsort: die Apostolische Nuntiatur, also die diplomatische Vertretung des Heiligen Stuhls.
Und dann passierte etwas, womit er, und wohl auch die Welt, nicht gerechnet hatte: Die Amerikaner ließen das nicht gelten. Sie begannen, die Nuntiatur regelrecht zu belagern. Unter anderem stellten sie große Lautsprecher auf und beschallten das Gelände mit Musik – gezielt provokativ. Sie spielten Titel wie "Welcome to the Jungle", "Crying in the Chapel" oder sogar "Go to Hell" – teils durchaus als blasphemisch zu bezeichnen.
Außerdem schossen US-Soldaten sämtliche Laternen und Lampen rund um das Nuntiaturgebäude kaputt. Die Situation war entsprechend dramatisch.
DOMRADIO.DE: Wie reagierte der Heilige Stuhl?
Nersinger: Der Vatikan ließ sich im Grunde nicht einschüchtern. Er stellte klar: Man werde Manuel Noriega nicht an die USA ausliefern. Die Apostolische Nuntiatur sei diplomatisch geschütztes Gelände – und eine Auslieferung komme nicht infrage.
Die Amerikaner gingen allerdings sehr weit. Der Apostolische Nuntius berichtete später, die beiden verantwortlichen US-Generäle hätten massiven Druck ausgeübt und ihn zur Herausgabe Noriegas drängen wollen. Das ist schon bemerkenswert – wenn ein Nuntius so etwas sagt, bedeutet das einiges.
Am Ende war es Noriega selbst, der nach zehn Tagen die Nuntiatur freiwillig verließ.
DOMRADIO.DE: Bei der Entführung von Präsident Maduro und seiner Frau sollen rund 80 Menschen ums Leben gekommen sein. Die vatikanische Nuntiatur blieb diesmal außen vor. Vor einigen Jahren ist ein Vertreter des Heiligen Stuhls in Venezuela aber in eine bedrohliche Lage geraten. Was war da los?
Nersinger: Das war noch unter dem früheren Staatschef Hugo Chávez. Er stand für Demagogie und Unterdrückung – keine besonders sympathische Figur. Der Vatikan und die katholische Kirche widersetzten sich dem deutlich und traten für Menschenrechte ein.
Im Januar 2009 drangen militante Anhänger von Chávez in die Nuntiatur ein, ebenfalls ein klarer Verstoß gegen das Völkerrecht. Nach Berichten zündeten die Chávez-Anhänger im Gebäude Feuer und warfen mindestens sechs Tränengasgranaten. Es drohte eine Eskalation. Das war eine sehr gefährliche Situation für den Apostolischen Nuntius – und zeigt, wie riskant diese Arbeit sein kann.
DOMRADIO.DE: Welche Stellung haben der Botschafter des Heiligen Stuhls und die katholische Kirche heute in Venezuela?
Nersinger: Es gab auch unter Maduro heftige Angriffe auf die katholische Kirche und ihre Amtsträger – teils mit brutalen Methoden. Entscheidend ist aber, wie der Vatikan grundsätzlich agiert. Der Apostolische Nuntius in Deutschland, Nikola Eterović, hat 2023 ein Buch über die Diplomatie des Heiligen Stuhls veröffentlicht, mit dem Titel "Die leise Macht". Und genau das ist das Schlüsselwort.
Der Vatikan reagiert und wird tätig, aber nicht laut und öffentlichkeitswirksam, sondern meist still und diplomatisch. Eine "leise Macht", die sehr effektiv sein kann. Inzwischen hört man zudem, dass der Vatikan in der aktuellen Lage offenbar bereit sein könnte zu vermitteln. Wir werden sehen, wie sich das entwickelt.
Das Interview führte Lara Burghardt.