Ein Drittel aller Corona-Toten in Alteneinrichtungen

Flächenbrand in Pflegeheimen

Die Hiobsbotschaften häufen sich. In immer mehr Altenheimen in Deutschland gibt es Corona-Infektionen und Tote. Die Rede ist von einem Flächenbrand. Die tatsächlichen Zahlen dürften dabei sogar noch um einiges höher liegen.

Nachdenklich: Ein Mann in einem Seniorenheim / © Joanna Nottebrock (KNA)
Nachdenklich: Ein Mann in einem Seniorenheim / © Joanna Nottebrock ( KNA )

"Es brennt lichterloh." Schon lange haben Patientenschützer Eugen Brysch und Pflegeverbände vor einem Flächenbrand in Alten- und Pflegeheimen gewarnt. Eine neue Statistik bestätigt das: Etwa 4.600 Menschen sind in Deutschland bislang infolge des Corona-Virus gestorben. Davon lebten mindestens 1.491 in Alten- und Pflegeheimen sowie anderen Betreuungseinrichtungen.

Das entspricht etwa einem Drittel aller gemeldeten Todesfälle, wie das Robert-Koch-Institut auf Anfrage von NDR Info mitteilte. 17 Prozent aller infizierten Bewohner sind gestorben, also fast jeder fünfte.  

Todesfälle unter Pflegenden

Die Zahlen dürften allerdings erheblich höher liegen, da bei 41 Prozent aller Todesfall-Meldungen Angaben fehlten, in welchen Einrichtungen die Infektionen festgestellt wurden. 966 der 4.600 Todesfälle können nicht zugeordnet werden.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz wies zudem darauf hin, dass auch diejenigen Todesfälle nicht mitgezählt wurden, bei denen Altenheimbewohner in Krankenhäusern starben. Außerdem haben sich mit Stand vom Dienstag 5.832 Beschäftigte in diesen Einrichtungen mit dem Virus infiziert. 19 von ihnen sind gestorben und damit mehr als beim Personal im Gesundheitswesen. 

Waren es zunächst eher jüngere Bundesbürger, die sich bei Karnevalsfeiern oder Skiurlauben infiziert hatten, so mehren sich seit einigen Wochen die Hiobsbotschaften aus Heimen. Allein in Niedersachsen wurde das Virus in rund 80 Senioreneinrichtungen nachgewiesen. 

Mangelnde Schutzausrüstung

Die Heime als Zeitbomben: Seit Wochen hatten Patientenschützer und Pflegeverbände gewarnt, dass die Politik sich zwar intensiv um Krankenhäuser und Medizin kümmere, die besonders gefährdeten Menschen in Heimen und häuslicher Pflege und ihre 600.000 Pflegekräfte aber allein lasse. "Dort, wo potenzielle Krankenhausfälle verhindert werden können - in der ambulanten und stationären Langzeitpflege - lässt man die Pflegenden allein und ohne ausreichende Schutzausstattung", kritisierte etwa der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK). "Der Schwerpunkt des Nachschubs für Schutzausrüstung lag offenbar bisher bei den Krankenhäusern und Arztpraxen."

Es fehle weiter an Atemschutzmasken, Desinfektionsmittel und Schutzkleidung, sagte auch Patientenschützer Brysch. Insofern seien Pflegeheime "ein hochgefährlicher Ort" für Mitarbeiter und Bewohner. Mehrfach forderte er vom Bundesgesundheitsminister, zusammen mit dem Robert Koch Institut Schutzpläne für Alten- und Pflegeheime zu verabschieden. Wenn es in der Pflege zu einem Flächenbrand komme, könne auch die Intensivmedizin die vielen betroffenen Menschen nicht mehr retten. Notwendig seien auch Taskforce-Einheiten aus Krankenhausärzten, niedergelassenen Medizinern und Pflegekräften vor Ort, die schnell reagieren könnten. 

Präventive Tests in Pflegeheimen

Dass die Politik die Heime stärker in den Blick nehmen will, zeigte sich am Dienstag. Spahn teilte mit, dass die Bundesregierung ein zweites Anti-Corona-Gesetzespaket auf den Weg bringen will, das auch präventive Tests in Pflegeheimen und Behinderteneinrichtungen vorsieht. Sie sollen demnach künftig von den Krankenkassen finanziert werden, auch wenn Patienten keine Symptome einer Covid-19-Erkrankung zeigen. Spahn sagte dazu dem "Spiegel": "Gerade Pflegebedürftige und deren Umfeld wollen wir besonders schützen. Dafür sind regelmäßige Tests von Heimbewohnern und Pflegekräften notwendig."  

Ende März hatten Bundestag und Bundesrat bereits ein Corona-Hilfspaket verabschiedet. Danach soll die Pflegeversicherung etwa den zusätzlichen Aufwand der Pflegeheime durch die Isolierung von Menschen, das Einrichten von Schleusen und für mehr Desinfektionen zu 100 Prozent übernehmen. Dies gilt etwa auch für zusätzliche Personalkosten, wenn bei einem Pflegedienst mehrere Mitarbeiter an Corona erkranken und der Normalbetrieb nicht aufrechtzuerhalten ist. 

Fraglich bleibt aber, ob etwa Pflegeheime überhaupt über Räume verfügen, um Erkrankte zu isolieren, ob sie Schutzkleidung erhalten und ob sie Arbeitskräfte finden, die erkranktes Personal ersetzen können. Die Märkte sind leergefegt.

Autor/in:
Von Christoph Arens
Quelle:
KNA
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