Caritas Berlin startet Spendenaktion für Obdachlose

Erst Corona und jetzt noch die Kälte

Seit Beginn der Pandemie gibt es nur noch ein reduziertes Angebot für Obdachlose in Berlin. Einrichtungen wurden geschlossen. Die Spenden "im Vorübergehen" reduzierten sich. Jetzt kommt die Kälte dazu. Die Caritas in der Hauptstadt bittet um Hilfe.

Caritas Berlin startet Spendenaktion für Obdachlose / © Apiwan Borrikonratchata (shutterstock)
Caritas Berlin startet Spendenaktion für Obdachlose / © Apiwan Borrikonratchata ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Wie hat sich dieses Corona-Jahr bislang auf die Wohnungslosen ausgewirkt?

Prof. Ulrike Kostka (Direktorin des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin e.V. und Vorsitzende der Katholischen Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe): Für die wohnungslosen Menschen ist das wirklich eine harte Zeit, weil ja nicht nur viele Angebote, sondern auch viele Einnahmequellen weggefallen sind, wie zum Beispiel das Sammeln von Pfandflaschen. Es gibt viel weniger Veranstaltungen und es sind dementsprechend viel weniger Leute unterwegs, die dann auch mal was geben können. Daher ist das schon eine sehr schwierige Situation.

Auf der anderen Seite sind wir auch begeistert, wie sehr sich die Einrichtungen und natürlich auch ganz viele Ehrenamtliche engagieren. Das ist wirklich prima.

DOMRADIO.DE: Was ist denn gerade die größte Herausforderung für die Wohnungslosenhilfe der Caritas in Zeiten von Corona?

Kostka: Eine der größten Herausforderungen besteht darin, dass wir aus Platzgründen einfach weniger Leute in unsere Einrichtungen und Dienste lassen können. Wir müssen ja die Abstände wahren.

Wir machen uns auch Gedanken darüber, wo sich die Menschen tagsüber aufhalten können. Es ist so, dass viele Tagesstätten schließen mussten oder nur wenige Leute aufnehmen können. So müssen sich die Menschen sehr viel in der Kälte aufhalten. Deswegen gucken wir, was möglich ist und welche Räume wir haben, um den Leuten den ganzen 24 Stunden am Tag Möglichkeiten geben zu können, sich im Warmen aufzuhalten.

DOMRADIO.DE: Wie geht es denn den Wohnungslosen und Obdachlosen in Berlin gesundheitlich? Haben Sie da einen Überblick?

Kostka: Wir merken schon, dass wir einen starken Zulauf bei unseren medizinischen Projekten haben. Natürlich sind sie sehr herausgefordert. Prima ist aber, dass auch der Senat viele Angebote zur Verfügung gestellt hat. Neben den praktischen Themen wie sie an Einnahmen kommen und wo sie sich aufhalten können, haben auch viele wohnungslose Menschen einfach Angst, dass sie sich anstecken könnten. Teilweise meiden sie auch deshalb die großen Massenunterkünfte.

DOMRADIO.DE: Gibt es denn eine Möglichkeit für die wohnungslosen und obdachlosen Menschen, sich auf Covid-19 testen zu lassen?

Kostka: Sie können natürlich Teststellen aufsuchen. Aber es muss dann auch einen Anlass geben. Wir versuchen das über unsere Stellen, auch über die medizinischen Projekte unserer Ambulanz zu regeln. Wenn jemand beispielsweise ein erhöhtes Risiko hat, soll er dann auch getestet werden.

In diesem Zusammenhang ist es sehr gut, dass die Kältehilfeeinrichtungen über den Senat auch Schnelltests zur Verfügung bekommen sollen. Das hilft natürlich. Allerdings haben wir da das Problem, dass wir keine Pflegekräfte zur Verfügung haben und noch die Frage offen ist, wie die Testungen durchgeführt werden können.

Außerdem haben sich mobile Angebote sehr bewährt. Wir haben zum Beispiel unseren Caritas-Foodtruck, der jetzt durch Berlin fährt und Suppenküchen unterstützt sowie an der Bahnhofsmission steht, um Essen auszugeben. Denn aufgrund der kleinen Räumlichkeiten kann das drinnen nicht so passieren. Ganz besonders wichtig sind warme Mahlzeiten, denn die können teilweise nicht mehr so gut angeboten werden. Über den Foodtruck geben wir teilweise 150 Mahlzeiten am Tag aus. Wir sind so räumlich sehr flexibel, weil wir überall hinfahren können.

DOMRADIO.DE: Die Caritas hilft den Obdachlosen seit mehr als 40 Jahren mit ihren Einrichtungen und Diensten in Berlin. Schließen Sie da eigentlich eine Lücke im System, um die die Politik sich eigentlich kümmern müsste?

Kostka: Das sehe ich anders. Wir arbeiten mit der Politik eng zusammen. In den letzten Jahren bestand eine unserer wichtigsten Aufgaben darin, die Politik immer wieder auf Themen aufmerksam zu machen und vor allen Dingen das Hilfenetz gemeinsam mit der Politik und allen Akteuren systematisch zu koordinieren und auszurichten.

Deswegen haben wir uns vor mehreren Jahren sehr stark für eine "Strategiekonferenz Wohnungslosenhilfe" hier in Berlin eingesetzt. Die gibt es jetzt auch seit mehreren Jahren. Das hat sich sehr bewährt, weil so die Hilfen untereinander abgesprochen werden. Und es werden auch Lücken im System aufgedeckt. Im Laufe der Jahre wurden auch schon deutlich mehr Gelder zur Verfügung gestellt. Aber das ist immer noch nicht ausreichend. Wir haben nach wie vor große Lücken.

Ein großes Problem ist nach wie vor die medizinische Versorgung von obdachlosen Menschen, denn sie haben oftmals wenig Zugang zum Regelsystem. Unsere medizinischen Projekte werden zwar stärker unterstützt, aber viele Leute sind schlecht medizinisch versorgt.

DOMRADIO.DE: Es gibt jetzt die Weihnachts-Spendenaktion "Lichter der Hoffnung Obdachlosenhilfe 2020" in Berlin, Brandenburg und Vorpommern. Wie kann man da helfen?

Kostka: Man kann ganz konkret helfen, indem man uns - wer kann - Geld zur Verfügung stellt, aber wirklich nur wer kann. Wir wissen ja, dass viele Menschen jetzt selber in Not gekommen sind. Was uns auch hilft, ist die ganz konkrete Unterstützung mit Schlafsäcken, mit Spenden, die wir für die Einrichtung gebrauchen können. Da kann man auch immer gerne mit uns Kontakt aufnehmen, damit wir sagen können, was wir und natürlich auch die anderen Einrichtungen, wie zum Beispiel die vom Sozialdienst katholischer Frauen und von den Gemeinden, jetzt ganz konkret brauchen. Da sind wir immer Ansprechpartner.

Das andere, was wir dringend brauchen, sind Pflegekräfte oder Menschen mit medizinischer Ausbildung. Wir haben eine große Not in unserer Caritas-Ambulanz sowie in der Krankenstation für Obdachlose. Da herrscht echter Pflegenotstand. Da wären wir wirklich froh, wenn wir Unterstützung bekämen.

Und wir brauchen auch noch Ehrenamtliche. Also einfach mit uns Kontakt aufnehmen über info@caritas-berlin.de. Da sind wir immer erreichbar und dann können wir gucken, was wir gemeinsam machen können.

Das Interview führte Carsten Döpp.

Ulrike Kostka / © Maurice Weiss (Caritasverband für das Erzbistum Berlin)
Essensausgabe des Foodtrucks in Berlin / © Jens Kalaene (dpa)
Essensausgabe des Foodtrucks in Berlin / © Jens Kalaene ( dpa )
Quelle:
DR
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