DOMRADIO.DE: Sie haben gestern in Ihrem Grußwort gesagt, dass Sie es bedauerlich und bedenklich finden, dass jedes Jahr Hunderttausende aus der Kirche austreten. Was muss die Kirche tun, um diesen Trend zu stoppen?
Joachim Herrmann (CSU-Politiker und Bayerischer Innenminister): Wir müssen mit einem gewissen Bedauern feststellen, dass das ja nicht überall auf der Welt so ist, sondern dass es eine besondere deutsche Entwicklung ist. Da müssen wir wieder ein bisschen nach vorne kommen.
Es gab Probleme, vor allen Dingen die lange Missbrauchsdebatte, in der sicherlich vieles schiefgelaufen ist. Aber das kann ja nichts daran ändern, dass wir den Glauben an Gott für richtig halten und ihn auch einer jungen Generation weitergeben wollen.
Daran hakt es im Moment vor allen Dingen, wenn ich sehe, wie wenige Taufen wir haben und wie wenige an der Erstkommunion teilnehmen. Das sind Dinge, die müssen uns jetzt schon herausfordern, da müssen wir einen neuen Anlauf nehmen, um wieder mehr für den christlichen Glauben in unserer Gesellschaft zu werben. Unsere Gesellschaft braucht Religion, unsere Gesellschaft braucht auch die Fortführung der großartigen christlichen Tradition unseres Landes, und da müssen jetzt alle anpacken.
DOMRADIO.DE: Ein großes Thema auf dem Katholikentag ist auch die drohende Krise der Demokratie und die Frage, wie weit die Kirche sich einmischen darf. Wir blicken jetzt mit Sorge in den Osten, wo radikale Parteien immer stärker werden. Hat die Kirche da auch den Auftrag, politisch Stellung zu beziehen?
Herrmann: Die Kirche hat einen mehrfachen Auftrag. Zum einen geht es darum, dass wir, wenn Gruppierungen mit Hass und Hetze unterwegs sind, schon im Kern unseres christlichen Auftrages dagegenhalten müssen und deutlich machen: Wir wollen für ein friedliches Zusammenleben werben. Wir wollen gerade auf der Grundlage unseres christlichen Menschenbildes mit Respekt voreinander in unserem Land unterwegs sein.
Das andere große Thema ist natürlich, dass die AfD gerade in Sachsen-Anhalt ankündigt, dass sie die Kirchen beschneiden will und ihnen weniger finanziellen Spielraum geben will.
Das bedeutet, dass über die Fragen zu unserem christlichen Glauben hinaus auch die Institution Kirche, die katholische wie die evangelische Kirche, massiv durch die AfD angegriffen wird. Natürlich ist es da das gute Recht, ja, es ist geradezu notwendig, dass sich die großen christlichen Kirchen dagegen wehren.
DOMRADIO.DE: Eine Mitgliedschaft in der AfD und eine Mitgliedschaft in der katholischen Kirche – geht das zusammen?
Herrmann: Bei dem, was führende Funktionäre der AfD gerade in Ostdeutschland verbreiten, halte ich das für kaum vereinbar. Aber es geht mir jetzt nicht darum, irgendwelche förmlichen Unvereinbarkeitsbeschlüsse in den Raum zu stellen, sondern wir müssen die Diskussionen in der Gesellschaft führen. Wir müssen hier für die Positionen des christlichen Glaubens und der christlichen Kirchen in der Bevölkerung werben, sie den Menschen nahebringen und deutlich machen, dass die Positionen der AfD da grundfalsch sind.
Wir müssen daran erinnern, dass solche Positionen – auch diese kirchenfeindlichen Positionen – schon einmal Deutschland in eine Katastrophe geführt haben.
DOMRADIO.DE: Nun wird hier viel diskutiert: Über Segnungsfeiern, über die Synodalität, über Weiheämter für Frauen. Wie nehmen Sie diese Diskussion oder Bewegung in der Kirche als Politiker wahr?
Herrmann: Ich bin überzeugter katholischer Christ und nehme am normalen Kirchenleben intensiv teil. Das sind Themen, die viele Kirchenmitglieder bewegen und in denen wir auch sicherlich Reformen weiter voranbringen wollen.
Aber ich glaube, dass diese Grundfragen, die unsere Gesellschaft insgesamt zur Zeit betreffen, also die Polarisierung in der Gesellschaft oder die Angriffe auf das Christentum in unserem Land, schon noch fundamentaler sind und dass wir die nicht hintanstellen dürfen, nur um Zeit für diese rein innerkirchlich organisatorischen Fragen zu haben.
Das Interview führte Johannes Schröer.