Armenisch-apostolische Kirche und Staat liegen über Kreuz

Zoff im ältesten christlichen Land der Welt

Es geht um politische Ränkespiele, russische Einflussnahme und persönliche Netzwerke. In Armenien spitzt sich der Konflikt zwischen Staat und Kirche zu. Wer auf welcher Seite steht, ist nicht immer klar. Eine Einordnung.

Autor/in:
Joachim Heinz
Die Kathedrale Etschmiadsin am 29. September 2024 in Etschmiadsin (Armenien)
 / © Daniel Pelz (KNA)
Die Kathedrale Etschmiadsin am 29. September 2024 in Etschmiadsin (Armenien) / © Daniel Pelz ( KNA )

Er fehlte beim Spitzentreffen von gut 25 Bischöfen der Armenisch-apostolischen Kirche in der österreichischen Stadt St. Pölten. Das Oberhaupt der christlichen Kirche, Katholikos Karekin II., konnte nicht zu der bis Donnerstag andauernden Versammlung anreisen. Die Behörden in Armenien hatten ein Strafverfahren gegen Karekin II. eingeleitet - was zum Ausreiseverbot führte. Der Patriarch eröffnete das Treffen stattdessen online.

Papst Leo XIV. empfängt Katholikos Karekin II. (m.), Patriarch der Armenischen Apostolischen Kirche, am 16. September 2025 in Castel Gandolfo / © Vatican Media/Romano Siciliani (KNA)
Papst Leo XIV. empfängt Katholikos Karekin II. (m.), Patriarch der Armenischen Apostolischen Kirche, am 16. September 2025 in Castel Gandolfo / © Vatican Media/Romano Siciliani ( KNA )

Neben dem Katholikos mussten laut österreichischer Nachrichtenagentur Kathpress zahlreiche weitere Bischöfe passen. Lediglich zwei Oberhirten aus Armenien sei die Ausreise gestattet worden. Die übrigen Kirchenführer kamen demnach aus den Patriarchaten Konstantinopel und Jerusalem sowie aus anderen Teilen der Welt. Auf der Tagesordnung des Treffens stand vor allem ein Punkt, so Kathpress: Wege aus der aktuellen kirchenpolitischen Krise in Armenien zu suchen.

Hat Putin seine Finger im Spiel?

Die Lage im ältesten christlichen Land der Welt - seit 301 ist das Christentum in Armenien Staatsreligion - ist verworren. Sie hat vor allem zu tun mit dem Zerfall der Sowjetunion. Russlands Präsident Wladimir Putin bezeichnete diesen Zerfall einmal als "größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts" und versucht nicht nur mit seinem Krieg in der Ukraine, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Als ehemalige Sowjetrepublik ist offenbar auch Armenien ins Visier der Russen geraten.

Konflikt in Berg-Karabach:  Ein Soldat aus Russland bewacht ein armenisches Kloster / © Emrah Gurel/AP (dpa)
Konflikt in Berg-Karabach: Ein Soldat aus Russland bewacht ein armenisches Kloster / © Emrah Gurel/AP ( dpa )

Zusätzlich Öl ins Feuer gossen die jahrzehntelangen Spannungen mit dem islamisch dominierten Nachbarstaat Aserbaidschan um Berg-Karabach. Dabei handelt es sich um eine bis vor kurzem vor allem von Armeniern bewohnte Region im Kaukasus auf aserbaidschanischem Staatsgebiet. In diesem Konflikt mit mehreren zehntausend Toten zog Armenien 2023 schließlich den Kürzeren.

Katholikos Karekin II. machte laut Kathpress den armenischen Ministerpräsidenten Nikol Paschinjan für die anschließende Vertreibung von mehr als 100.000 Armeniern aus Berg-Karabach verantwortlich. Paschinjan wiederum werfe dem Kirchenoberhaupt ebenfalls Landesverrat, eine ungerechtfertigte Einmischung in die Politik sowie zu enge Beziehungen zu Russland vor. Während der Premier sich schrittweise von Moskau distanziere und die Annäherung an die EU suche, verschärften kremlnahe Akteure den Ton, sagt der Politologe Jakob Wöllenstein.

Ethnische Armenier fliehen aus Berg-Karabach  / © Vasily Krestyaninov/AP (dpa)
Ethnische Armenier fliehen aus Berg-Karabach / © Vasily Krestyaninov/AP ( dpa )

"Vor diesem Hintergrund geraten die engen historischen und zum Teil institutionellen Verbindungen der armenischen Kirche nach Russland verstärkt in den Blick - auch persönliche Netzwerke, etwa im Umfeld von Karekin II." Dessen Bruder, Erzbischof Yezras Nersisyan, leite die armenische Diözese in Russland und gelte als gut vernetzt im kirchlichen und politischen Establishment in Moskau, erläutert der Leiter der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung im Südkaukasus.

Über diese Konstellation entstehe zumindest der Eindruck enger Kommunikationskanäle zwischen kirchlicher Führung in Etschmiadzin, dem "armenischen Vatikan", und russischen Kreisen, so Wöllenstein. Zudem sei die Armenisch-apostolische Kirche historisch stark in Russland präsent. Dort lebe eine große armenische Diaspora. "Aus anderen Ländern ist dokumentiert, dass Moskau kirchliche Strukturen als Resonanzraum für politische Einflussnahme nutzt, insbesondere um gewählte Regierungen zu delegitimieren."

Machtkampf hinterlässt Spuren

Ob und in welchem Ausmaß sich dieses Muster in Armenien konkret wiederholt, sei umstritten, betont Wöllenstein. "Doch die offene Unterstützung einzelner Kirchenvertreter für regierungsfeindliche Mobilisierung verschärft den Eindruck einer strategischen Überlagerung von Innenpolitik und geopolitischem Machtkampf." 

Papst Franziskus wird auf seiner Armenien-Reise vom Oberhaupt der armenisch-apostolischen Kirche Katholikos Karekin II. begrüßt. Der Papst besuchte die armenisch-apostolische Kathedrale von Etschmiadzin bei Eriwan am 24. Juni 2016 zum Gebet. (KNA)
Papst Franziskus wird auf seiner Armenien-Reise vom Oberhaupt der armenisch-apostolischen Kirche Katholikos Karekin II. begrüßt. Der Papst besuchte die armenisch-apostolische Kathedrale von Etschmiadzin bei Eriwan am 24. Juni 2016 zum Gebet. / ( KNA )

Das Armdrücken zwischen der Kirche, die ein hohes Ansehen genießt und zu der sich bis zu 92 Prozent der rund 2,5 Millionen Einwohner Armeniens bekennen, und dem Staat manifestierte sich zuletzt in dem juristischen Streit, der Karekin II. an der Ausreise hinderte.

Vorausgegangen war Berichten zufolge die Absetzung des Bischofs von Masyatsotn, Gevorg Saroyan, durch die armenische Kirchenleitung. Diesen Schritt habe ein staatliches Gericht für nichtig erklärt, was Karekin II. bislang ignorierte. Für die Staatsanwaltschaft Grund, ein Strafverfahren einzuleiten. Bis auf Weiteres scheint die Situation verfahren.

Sorge vor Kirchenspaltung

"Derzeit deutet wenig darauf hin, dass Regierung und Kirchenführung rhetorisch abrüsten oder aktiv aufeinander zugehen", sagt Politologe Wöllenstein. Manche Beobachter warnten gar vor einer möglichen Kirchenspaltung, da sich einzelne Geistliche offen hinter Premier Paschinjan stellten. "Zugleich ist festzuhalten, dass der Regierungschef in der Vergangenheit selbst Grenzen überschritten hat, indem er sich öffentlich in innerkirchliche Fragen einmischte, was verfassungsrechtlich problematisch ist."

Vielleicht trägt das Bischofstreffen im österreichischen St. Pölten dazu bei, Druck aus dem Kessel zu nehmen. Verbindliche kirchenrechtliche Beschlüsse fällen konnten die Teilnehmer laut Kathpress allerdings nicht. Dazu fehlten zu viele Bischöfe. 

Armenisch-apostolische Kirche

Mit mehr als 1.700 Jahren Tradition als Staatsreligion ist Armenien die erste christliche Nation in der Geschichte. Im Jahr 301 ließ der armenische König Trdat III. sich und seine Untertanen taufen. Die Kirche wurde zu einem Eckpfeiler armenischen Bewusstseins, als Armenien unter aufeinanderfolgenden Territorialherrschaften aufgeteilt wurde.

König Trdat III. und der heilige Gregor der Erleuchter (Krikor Lusarowitsch) am Ortseingang von Etschmiadsin am 1. Oktober 2017. / © Alexander Brüggemann (KNA)
König Trdat III. und der heilige Gregor der Erleuchter (Krikor Lusarowitsch) am Ortseingang von Etschmiadsin am 1. Oktober 2017. / © Alexander Brüggemann ( KNA )
Quelle:
KNA