Ein Bischof spielt Boccia auf dem Katholikentag

Traum oder Wirklichkeit?

Am ersten Abend des Katholikentags hat DOMRADIO.DE-Reporter Johannes Schröer schon viel erlebt: Einen Bischof, der Boccia spielt, eine Frau, die das patriarchale System herausfordert und einen "heiligen" Bürgermeister.

Autor/in:
Johannes Schröer
Blick auf den Kiliansdom beim Abend der Begegnung am 13. Mai 2026 während des 104. Katholikentags in Würzburg. / © Harald Oppitz (KNA)
Blick auf den Kiliansdom beim Abend der Begegnung am 13. Mai 2026 während des 104. Katholikentags in Würzburg. / © Harald Oppitz ( KNA )

Alles nur geträumt - oder nicht? Frühmorgens, am Tag zwei des Katholikentags, reibe ich mir die Augen und schüttele mich noch schlaftrunken. Was sind das für Bilder und Sätze, die da in meinem Kopf nachhallen? Das können doch nur Traumbilder sein: ein Ministerpräsident mit einer Wild-Card für den Himmel, ein Bischof, der Boccia spielt, eine Frau, die das patriarchale System herausfordert und ein Bürgermeister, der Heilig heißt und ein Fass Bier anzapft. Ich atme tief durch - das muss ich jetzt ordnen, aufklären, also eins nach dem anderen.

"Haben sie schon einmal einen Engel gesehen?" Das möchte Markus Söder (evangelisch) von einem katholischen Bischof wissen. Im traumhaft schönen Kaisersaal der Würzburger Residenz erzählt der bayerische Ministerpräsident launig aus seinem Glaubensleben. Er schwärmt von seiner katholischen Mutter, die ihm das Beten beigebracht hat und von seinen Appellen als JU-Jungspund für die Einführung des Schulgebetes. 

Der Himmel in der Würzburger Residenz / © Johannes Schröer (DR)
Der Himmel in der Würzburger Residenz / © Johannes Schröer ( DR )

Der damalige römische Kurienkardinal Ratzinger habe ihm dafür auf einer Postkarte gedankt - und die Postkarte halte er in allen Ehren. "Meine Wild-Card für den Himmel", sagt er. Und er erzählt von seinen Gesprächen mit "seinen" bayerischen Bischöfen. Wie lästig es für ihn häufig sei, alltagspolitische Themen durchzukauen. "Viel lieber würde ich die Bischöfe fragen, ob sie schon einmal einen Engel gesehen haben? Was glauben wir denn? Darüber sollten wir reden", fordert Söder.

Das Setting ist wohl gewählt - für ein Glaubensbekenntnis. Am Eröffnungsabend des Katholikentags treffen sich geladene Gäste auf Einladung der Konrad-Adenauer- und der Hanns-Seidel-Stiftung in der prächtigen Würzburger Residenz und hören zu, wie Markus Söder Anekdoten aus seinem Leben aneinanderreiht.

Heiner Wilmer, designierter Bischof von Münster / © Rolf Vennenbernd (dpa)
Heiner Wilmer, designierter Bischof von Münster / © Rolf Vennenbernd ( dpa )

Vorher hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer, über das "ikonische Bild Boccia" gesprochen. Die Lieblingssportart von Konrad Adenauer. Fasziniert schwärmt Wilmer von der großen Bedeutung, die die kleine weiße Kugel hat. "Die Wahrheit liegt häufig in der Betrachtung des Kleinen, Unscheinbaren", erklärt Bischof Wilmer und plädiert für das genaue Hinsehen, für Entschleunigung, für eine sensible Betrachtung der Welt. 

Zu den hochmögenden Gastrednern gehört auch NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst, der den Kirchen Mut macht. "Die Kirchen sind die tragenden Säulen einer starken Gesellschaft", sagt er. Dafür bekommt er viel Applaus. Danach gibt es ein Get-together im schmucken Foyer der Residenz mit Wein und Bier - doch Halt, das Bier ist alkoholfrei. Wie kann es sein, dass Söder mit seiner Vorliebe für das Herzhafte und Zünftige und das einzig wahre bayerische Bier da zugreift? Diese Unstimmigkeit könnte darauf hinweisen, dass ich das alles doch nur geträumt habe?

Bühnenwechsel. Im Würzburger Hofbräukeller steht auch ein Fass Bier. Der Oberbürgermeister der Stadt, Martin Heilig, bindet sich eine Brauerei-Schürze um und greift zum Holzhammer. Drei, vier Schläge braucht er, bis das Fass angezapft ist: Freibier, Würzburger Helles für alle.

Bürgermeister von Würzburg Martin Heilig / © Johannes Schröer (DR)
Bürgermeister von Würzburg Martin Heilig / © Johannes Schröer ( DR )

Die Grünen haben eingeladen - an diesem bedeutenden Tag, wie Katrin Göring-Eckardt feststellt. Sie freut sich, dass an diesem Mittwoch der zweite grüne Ministerpräsident seine Vereidigung im Baden-Württembergischen Landtag mit der Gottesformel beendet hat. Und das, obwohl Cem Özdemir sich selbst als säkularer Muslim bezeichnet. Mit dem ersten grünen Oberbürgermeister in Bayern, Martin Heilig, stößt sie darauf an.

Irme Stetter-Karp / © Johannes Schröer (DR)
Irme Stetter-Karp / © Johannes Schröer ( DR )

Und dann, zu fortgeschrittener Zeit, kommt die große Stunde für die Vorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Irme Stetter-Karp. Sie hat einen langen Tag hinter sich - mit Sitzungen, Interviews, Ansprachen und Pressekonferenzen. Und immer hat sie sich Mühe gegeben, diplomatisch zu bleiben. Denn natürlich wurden ihr auch kritische Fragen gestellt. Wie geht es nun weiter mit dem Synodalen Weg? Wird der Heilige Stuhl in Rom in seiner "recognitio", also in seiner Überpüfung, grünes Licht für den deutschen Synodalen Weg geben? Und wie sieht es mit den Weiheämtern für Frauen aus? Tut sich da endlich was? 

Stetter-Karp erklärt, dass sie häufig bei den Gesprächen im Vatikan mit dreimal angezogener Handbremse am Stuhl fahren müsse, um zuversichtlich weitergehen zu können. Und dann gönnt sie sich einen Moment für ein offenes Wort, es platzt förmlich aus ihr heraus: "Wir haben das patriarchale System satt - und zwar Oberkante", ruft sie.

Das sind die Worte und Bilder, die nach einem langen Abend auf den Empfängen des Katholikentags nachhallen. Nein, ich habe nicht geträumt, obwohl das Setting, die Menschen in der Residenz und im Hofbräukeller viel dafür hergeben. Wenn ich nun doch weiterträumen würde, sähe ich Markus Söder, Hendrik Wüst und Bischof Wilmer Boccia spielen, Irme Stetter-Karp würde derweil die Geschicke in der bayerischen Staatskanzlei lenken und nebenbei die Bischofskonferenz in eine vielversprechende Zukunft führen. 

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 (DR)
Quelle:
DR

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