Nahost-Experte Kopp befürchtet Christen-Exodus aus dem Heiligen Land

"Die Gefahr ist gegeben"

Trümmerteile in Jerusalem und Luftalarm an christlichen Stätten in Israel sind keine Seltenheit mehr. Matthias Kopp, Archäologe, Nahost-Experte und Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, befürchtet eine Abwanderung der Christen.

Die Spuren einer abgefangenen Luftabwehrrakete sind über der Altstadt von Jerusalem zu sehen / © Mahmoud Illean/AP (dpa)
Die Spuren einer abgefangenen Luftabwehrrakete sind über der Altstadt von Jerusalem zu sehen / © Mahmoud Illean/AP ( dpa )

DOMRADIO.DE: Lange hieß es im Nahostkonflikt, religiöse Extremisten würden niemals ihre eigenen heiligen Stätten gefährden. Inwiefern ist denn die Lage aktuell im Krieg anders als das, was wir sonst bei den Auseinandersetzungen erlebt haben?

Matthias Kopp / © Julia Steinbrecht (KNA)
Matthias Kopp / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Dr. Matthias Kopp (Archäologe, Nahost-Experte und Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz): Die Situation ist deshalb anders, weil durch die verschiedenen Luftangriffe – ob Richtung Nordisrael oder in Zentralisrael, Jerusalem, Tel Aviv und dem Iran – die Leute oftmals in Schutzräumen sein müssen. 

Das ist anders als im normalen Alltag, in dem es vielleicht eine gewisse Unsicherheit gibt, aber man sich nicht in Schutzbunkern aufhalten muss. Das ist sehr belastend für die Menschen vor Ort. Die Trümmerteile in Jerusalem sind ein Beispiel. Das "Theologische Studienjahr" musste evakuiert werden. Das zeigt, dass die Anspannung erheblich ist. 

DOMRADIO.DE: Vor ein paar Jahren zerstörte der Islamische Staat die historische Stätte Palmyra in Syrien. Spielt für das Regime im Iran die Rücksicht auf historische Heiligtümer eine ähnlich geringe Rolle im Kriegsgeschehen? 

Kopp: Nein, das ist eine andere Situation als bei Palmyra. Damals wollte man die kulturelle Identität eines Landes auslöschen. Jetzt wird der Iran die Heilige Stadt, die im Arabischen Ūršalīm al-Quds heißt, nicht weiter angreifen wollen. 

Der Haram al-Sharif, der uns als Tempelberg mit dem Felsendom und der Al-Aqsa-Moschee bekannt ist, ist ein heiliger Ort des gesamten Islams. Auch wenn die Schiiten dort keine Präsenz haben, ist dieser wichtige Ort in der Geschichte Mohameds auch dem Regime in Teheran heilig. 

Deshalb glaube ich nicht, dass Jerusalem größere Angriffe befürchten muss. Blindgänger gibt es aber immer und deswegen bleibt diese Unsicherheit, dass der Krieg plötzlich auch über die Religion hinauswächst und eine Gefährdung darstellen kann.

Menschenleerer Tempelberg / © Andrea Krogmann (KNA)
Menschenleerer Tempelberg / © Andrea Krogmann ( KNA )

DOMRADIO.DE: Heißt das, die Trümmerteile auf dem Tempelberg sind eher Kollateralschäden als ein in Kauf genommenes Risiko für die heiligen Stätten?

Kopp: Ich glaube, man kann beides sagen. Es ist ein Kollateralschaden und ein Risiko, das in Kauf genommen wurde, aber kein gezielter Angriff. Die gezielten Angriffe beziehen sich auf den Norden Israels beziehungsweise auf den Großraum Tel Aviv, um den Staat Israel zu schwächen. 

Ich bin vor wenigen Tagen aus Kairo zurückgekommen. Obwohl das Land sehr nah an diesem Konflikt ist, wiegen sich die Menschen in Sicherheit und vor allem die Christen in Kairo hoffen, dass sich dieser Konflikt nicht auf sie auswirken wird. Denn dort kann man sich tatsächlich noch frei aufhalten.

Matthias Kopp

"Egal ob wir an Tabgha denken, Nazareth oder viele andere christliche Stätten in Nordisrael - die Gefahr ist groß."

DOMRADIO.DE: Neben den muslimischen liegen auch christliche Stätten im Kriegsgebiet, so zum Beispiel Tabgha, die Brotvermehrungskirche. Sehen Sie Gefahr, dass die heiligen Stätten des Christentums zu Schaden kommen? 

Kopp: Ja, denn die Angriffe, die die Hisbollah aus dem Libanon gegen Israel führt, sind eine große Gefahr für Nordisrael und ebenso die Angriffe aus dem Iran. Egal ob wir an Tabgha denken, Nazareth oder viele andere christliche Stätten in Nordisrael – die Gefahr ist groß. 

Wir können nur hoffen, dass bald ein Waffenstillstand eintritt, wie Papst Leo XIV. am vergangenen Wochenende gefordert hat. Nur ein Waffenstillstand kann eine Grundsicherheit für die Bevölkerung ermöglichen.

DOMRADIO.DE: Die Situation hat sich in den letzten Jahrzehnten immer weiter verschärft. Immer mehr Christen wandern ab, besonders die gut Ausgebildeten. Geraten die verbleibenden Christen in dieser Auseinandersetzung zwischen die Fronten?

Kopp: Genauso wird es sein. Die Gefahr eines weiteren, schleichenden oder sogar eklatanten Christen-Exodus ist gegeben. Was ich gut verstehen kann, denn wenn ich in dieser Gefahrensituation bin und abhauen könnte, würde ich es wahrscheinlich tun. 

Daher der große Respekt für die Christinnen und Christen, die im Land bleiben. Sie hoffen, dass sie am Aufbau der Zivilgesellschaft in Israel, Palästina, Syrien, Jordanien und im Libanon mitwirken können. Trotzdem ist die Gefahr, zwischen die Fronten zu geraten, größer denn je. 

Mitte Januar war ich noch mit Erzbischof Bentz in Israel. Damals wirkte es so, als würde der Pilger-Tourismus nach dem Waffenstillstand zwischen der Hamas und Israel wieder anfangen können. Nur zwei Wochen später ist das Gegenteil der Fall. Wir sind wieder am Anfang, wir müssen den Frieden wieder neu aufbauen und bis das Pilgerwesen sich in Israel überhaupt reaktivieren kann, wird es Monate dauern. 

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

Christen im Heiligen Land

Die Christen sind im Heiligen Land eine kleine Minderheit. Genaue Zahlen sind schwer zu benennen, auch angesichts des Wegzugs vieler Christen in den vergangenen Jahren. In Israel sind es rund zwei Prozent von rund 8,7 Millionen Bürgern; viele von ihnen sind Araber.

Ordensschwestern in Jerusalem / © Andrea Krogmann (KNA)
Ordensschwestern in Jerusalem / © Andrea Krogmann ( KNA )
Quelle:
DR

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