Prälat Dr. Karl Jüsten (Leiter des Katholischen Büros in Berlin): Frau Süssmuth war eine leidenschaftliche Demokratin und leidenschaftliche Katholikin. Bei unserer letzten Begegnung hat sie mir aufgetragen: "Wir, und die Kirche besonders, müssen für die Demokratie kämpfen!"
Ich nehme diesen Aufruf von ihr sehr ernst, denn die Demokratie ist in unseren Zeiten auf verschiedene Weise gefährdet – von innen, aber auch von außen. Sie ermutigt uns Christen, die Demokratie zu verteidigen und zu stärken.
Als Christen sind wir in einer Weltgemeinschaft miteinander verbunden. Das hat Rita Süssmuth immer so verstanden und immer so gelebt. Der Migrant, Ausländer oder Zugezogene ist kein Fremder, sondern ist die Schwester oder der Bruder im Herrn. In Bezug auf das heutige Evangelium werde ich von der Nächstenliebe predigen. Rita Süssmuth hat verstanden, was Nächstenliebe bedeutet. Das, glaube ich, macht ihre Menschlichkeit aus.
Julia Klöckner (Bundestagspräsidentin, CDU): Die Kampagne "Gib AIDS keine Chance" entstammt ihrer politischen Handschrift. Sie rettete unzähligen Menschen das Leben. Rita Süssmuths liberale Haltung wurzelte in der Katholischen Soziallehre: Individualität, Freiheit und Eigenverantwortung – das waren für sie Schlüsselbegriffe.
In ihrem letzten Buch schrieb sie: "Mein Vertrauen in die Tatkraft des Menschen ist stärker als meine Kritik an seiner Unvernunft." Christin und Christdemokratin zu sein – das war für sie nicht bloß Tradition. Sie war interessiert an Theologie, setzte sich mit den kirchlichen Debatten ihrer Zeit auseinander. Ihr Glaube trug sie. Er war eine Quelle ihrer Kraft und ihres Durchhaltevermögens.
Einmal wurde Rita Süssmuth gefragt, was sie den Menschen mitgeben wolle. Ihre Antwort: sich von Niederlagen nicht niedermachen lassen.
Kirsten Fehrs (Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, EKD): Rita Süssmuth ist eine sehr empathische Persönlichkeit gewesen – eine Christin durch und durch. Sie hat ihre Überzeugungen mit einer ganz deutlichen Menschenfreundlichkeit in der Politik präsentiert. Das braucht Politik: empathisch sein, auch bei allen schwierigen Entscheidungen, die sie mit zu treffen hatte.
Bei allem, was sie auch nach der Deutschen Einheit versucht hat, wollte sie immer wieder die Menschen zusammenzuführen, sodass in der Politik Verständigung gesucht wird. Sie hat sich für jede Art von Gleichberechtigung eingesetzt und war für viele Frauen ein wirkliches Vorbild. Denn sie war auf der einen Seite sehr klar und positioniert und konnte auf der anderen Seite eines besonders gut, nämlich zuhören. Sie hat Menschen zugehört und sich denen zugewandt, die es schwer hatten. Sie hat immer statt Ausgrenzung gesagt: Integration, Verbindung und Gespräch.
Friedrich Merz (Bundeskanzler, CDU): In vielen Fragen – vielleicht in den meisten – hat die Geschichte ihr Recht gegeben. Sie war ihrer Zeit in mancher Hinsicht voraus. In ihrem Beharren auf eine moderne Familienpolitik, auf eine Arbeitsmarktpolitik, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie stärkt. In ihrer wegweisenden Aids-Politik.
Sie war mit Leib und Seele Christdemokratin. Und damit meine ich: Ihr Ethos des Politikmachens war im vollsten Sinne des Wortes christdemokratisch. Für sie standen die Würde des Menschen und die Verletzlichkeit des Menschen im Zentrum, aber genauso die Begabung des Menschen, Begabung zur Selbstentfaltung und zum gemeinsamen Guten.
Sie war unerschütterlich optimistisch. Keine Romantikerin. Aber eine Idealistin in dem Sinne, in dem wir alle als Demokratinnen und Demokraten verpflichtet sind, Idealistinnen und Idealisten zu sein.
Hermann Gröhe (Bundesgesundheitsminister a.D. und langjähriger Weggefährte von Rita Süssmuth): Die Kombination aus Hartnäckigkeit und Menschenfreundlichkeit verbinde ich mit Rita Süssmuth. Hartnäckigkeit, sich von Misserfolgen nicht entmutigen zu lassen und beharrlich zu streiten, machte sie aus.
"Wer nicht kämpft, hat schon verloren", hat sie gesagt. Rita Süssmuth zeichnete gleichzeitig eine tiefe auch in Gottvertrauen wurzelnde Zuneigung zu den Menschen aus, die sie vor Verhärtung und Ideologie schützte.