Prälat Jüsten reflektiert Leben der verstorbenen Rita Süssmuth

"Ein unerschrockener freier Christenmensch"

An diesem Dienstag verabschiedet sich die Berliner Politik mit einem Trauergottesdienst und einem Staatsakt von Rita Süssmuth: Eine überzeugte Katholikin, die die Nächstenliebe lebte. Prälat Karl Jüsten erinnert sich an sie.

Autor/in:
Ina Rottscheidt
Rita Süssmuth, deutsche CDU-Politikerin, im Interview am 10. Februar 2017 in Berlin / © Markus Nowak (KNA)
Rita Süssmuth, deutsche CDU-Politikerin, im Interview am 10. Februar 2017 in Berlin / © Markus Nowak ( KNA )

DOMRADIO.DE: Sie kannten Rita Süssmuth persönlich: Was machte sie aus?

Prälat Karl Jüsten (Leiter des Katholischen Büros in Berlin): Frau Süssmuth war den Menschen immer sehr zugewandt. Sie ging sehr offen auf sie zu und vermittelte demjenigen, der gerade mit ihr sprach, dass sie ganz bei dem ist, was sie sagt. Das hat sie ausgezeichnet, vor allem bei den vielen und hohen Ämtern, die sie ausfüllte: Dass sie dabei einfach Mensch geblieben ist.

Rita Süssmuth am 04.09.25 beim Augustinus Forum in Neuss  / © Henning Schoon (Kirchenzeitung Koeln)
Rita Süssmuth am 04.09.25 beim Augustinus Forum in Neuss / © Henning Schoon ( Kirchenzeitung Koeln )

DOMRADIO.DE: An welche Begegnungen mit ihr erinnern Sie sich besonders?

Jüsten: Wir trafen uns bisweilen bei besonderen Gedenkfeiern zum Holocaust und wie sehr sie diese Erinnerung auch bis heute geprägt hat, das ist mir als Vertreter der jüngeren Generation sehr erinnerlich geblieben. Immer dann, wenn es um Menschen ging, denen ein Schicksal oder Unrecht widerfahren ist, war sie sehr empathisch auf ihrer Seite.

DOMRADIO.DE: Rita Süssmuth war alles andere als eine Taufscheinkatholikin. Sie hat ihren Glauben im Alltag praktiziert und sich in der Politik von ihren christlichen Werten leiten lassen. Woran denken Sie da?

Jüsten: Ja, sie hat sich tatsächlich sehr engagiert. Sie war Vizepräsidentin des Familienbundes. Sie war über zwölf Jahre lang Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken und sie war fest verwurzelt in ihrer Heimatgemeinde in Neuss.

Sie hat im Grunde genommen aus den christlichen Wurzeln heraus Politik betrieben. Nicht immer zur Freude der Bischöfe, manchmal eckte sie auch an, etwa im Kampf gegen Aids, als sie für Kondome plädierte, dem die Bischöfe damals unmöglich zustimmen konnten.

Aber da war sie unerschrocken, sie war ein freier Christenmensch. Das ist auch etwas Besonderes in einer Zeit, in der Frauen in der Kirche noch nicht diese Bedeutung hatten wie heute.

Karl Jüsten

"Sie hat im Grunde genommen aus den christlichen Wurzeln heraus Politik betrieben. Nicht immer zur Freude der Bischöfe"

DOMRADIO.DE: Hat sie nicht der Kirche auch den Spiegel vorgehalten, als sie Partei für AIDS-Kranke ergriff und im Grunde auch zu Barmherzigkeit aufrief?

Jüsten: Diese Barmherzigkeit ist wirklich ein christliches Ethos. Kardinal Kasper hat das aufgegriffen und auch Papst Franziskus, es war eines seiner Leitmotive. Für sie waren die Kranken wichtiger als die Krankheit. Es ging ihr nicht um die Bekämpfung der Kranken, sondern um die Bekämpfung der Krankheit. Das ist ein ganz altes Leitmotiv der christlichen Caritas. Das finden Sie auch bei Vincenz von Paul, der heiligen Elisabeth und vielen anderen.

Diese Personen sind natürlich immer bei der Institution angeeckt, weil die Institution schon mal dazu neigt, die Normen wichtiger zu nehmen als die Menschen.

Prälat Karl Jüsten spricht beim ökumenischen Gottesdienst vor der konstituierenden Sitzung des neuen Bundestags / © Jens Schlueter (dpa)
Prälat Karl Jüsten spricht beim ökumenischen Gottesdienst vor der konstituierenden Sitzung des neuen Bundestags / © Jens Schlueter ( dpa )

DOMRADIO.DE: Von 1985 bis 1988 war sie Bundesfamilien- und Gesundheitsministerin. 1986 wurde das Ressort um die Zuständigkeit für Frauen erweitert. Worin sehen Sie ihr größtes politisches Verdienst?

Jüsten: Vor allen Dingen als Familienpolitikerin hat sie wirklich sehr viel für die Besserstellung von Familien getan. Sie hat Dinge vorangetrieben, die auch heute noch, insbesondere für die Stellung der Frau, bedeutend sind. Die Elternzeit, die wir heute haben, die geht auf sie zurück. Da sind ganz tiefe Spuren in der Familienpolitik. Die werden auch bleiben.

Und dann wird natürlich mit ihr immer die Verhüllung des Reichstags erinnert werden: Sie war Präsidentin des Deutschen Bundestages, als der Regierungsumzug war, als die Sanierung des Reichstagsgebäudes anstand.

Das war ein unvorstellbares Ereignis. Da hat sie einfach durch diese Kunstaktion die Geschichte des Reichstags sozusagen verhüllt, aber nicht unvergessen sein lassen. Sie sagte: "Jetzt machen wir etwas Neues!" Und das ist auch etwas, was bleibend von ihr in Erinnerung sein wird: Dass sie immer Neues begann.

Karl Jüsten

"Sie ist ein Vorbild in ihrer Unerschrockenheit, in ihrem Kampfeswillen, in ihrer Einsatzbereitschaft, in ihrer gelebten Nächstenliebe"

DOMRADIO.DE: Bundestagspräsidentin Julia Klöckner sagte, Süssmuths Haltung sei durchweg von Nächstenliebe geprägt gewesen. Gibt es diesen Politikertypus heute noch?

Julia Klöckner / © Kay Nietfeld (dpa)
Julia Klöckner / © Kay Nietfeld ( dpa )

Jüsten: Natürlich, viele Politikerinnen und Politiker sehen sie heute noch als Vorbild, weit über das christdemokratische Parteienspektrum hinaus. Sie ist ein Vorbild in ihrer Unerschrockenheit, in ihrem Kampfeswillen, in ihrer Einsatzbereitschaft oder wie Frau Klöckner es ausdrückt, in ihrer gelebten Nächstenliebe. Und daran orientieren sich heute noch viele Politikerinnen und Politiker, die aus dem gleichen Motiv heraus handeln. 

Das Interview führte Ina Rottscheidt.

Rita Süssmuth

1937 in Wuppertal geboren, wurde die Katholikin mit 34 Jahren Professorin für Erziehungswissenschaft.

Süssmuth leitete die Kommission "Ehe und Familie" beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken und amtierte von 1980 bis 1985 als Vizepräsidentin des Familienbundes der Katholiken.

1985 berief Helmut Kohl sie als Familien- und Gesundheitsministerin ins Kabinett, 1986 wurde sie auch erste Frauenministerin.

Rita Süssmuth / © Markus Nowak (KNA)
Rita Süssmuth / © Markus Nowak ( KNA )
Quelle:
KNA