"Da wird nächste Woche ’ne Bombe platzen", hieß es Anfang April 2016 aus Kreisen des Vatikans. Eigentlich war für den 8. April nichts Weltbewegendes angesetzt. "Amoris laetitia" war keine Enzyklika, kein Schreiben über große und kontroverse Themen, sondern einfach ein sogenanntes "postsynodales" Schreiben "über die Liebe in der Familie". Trotzdem löste dieses Dokument ein innerkirchliches Erdbeben aus, dessen Nachwirkungen wir bis heute spüren. Der Anlass dafür war eine Fußnote. Um das zu verstehen, müssen wir einen Schritt zurückgehen.
Drei Jahre zuvor, am 13. März 2013, ist mit Papst Franziskus erstmals ein Argentinier und erstmals ein Jesuit zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt worden. Vom ersten Moment an war die Aufregung groß. Dieser Papst ging andere Wege als alle seine Vorgänger. Er wohnte nicht im päpstlichen Palast, sondern im Gästehaus des Vatikans, ging selbst zum Optiker und zahlte selbst als Papst seine eigene Hotelrechnung lieber persönlich. Sein Engagement für die Armen und Ausgegrenzten prägte sich der Öffentlichkeit ein, so seine erste Reise, die ihn wenige Monate nach seiner Wahl auf die Flüchtlingsinsel Lampedusa führte.
Kritik hinter vorgehaltener Hand
So gewaltig die Euphorie in der Welt war, begann in der Kirche selbst bald ein wenig Unmut zu brodeln. So sehr man Franziskus’ Engagement würdigte und auch wertschätzte, dass er neue Wege der Seelsorge ging, gab es gerade aus Kreisen, die Wert auf Tradition und Lehre der Kirche legen, erste besorgte Stimmen. Natürlich nur hinter vorgehaltener Hand und nicht öffentlich, da zur Lehramtstreue auch der Gehorsam gegenüber dem Papst gehört.
Das änderte sich vor zehn Jahren an diesem 8. April 2016. "Amoris laetitia" wurde im Nachgang der Familiensynode veröffentlicht, für die im Herbst 2015 Bischöfe und Experten aus aller Welt über die katholische Haltung zu Ehe und Familie diskutiert hatten. "Amoris laetitia" bildete diese Diskussionen gut ab und machte am ersten Tag keine bemerkenswerten Wellen. Die größte Schlagzeile am Veröffentlichungstag war, dass Franziskus im Text über seinen Lieblingsfilm "Babettes Fest" schrieb – nichts Kontroverses oder kirchenpolitisch Brisantes.
Die berüchtigte Fußnote
Erst Tage danach fiel der Blick der Journalisten auf die Fußnoten des Dokuments, besonders auf Fußnote 351. "In gewissen Fällen" sei es für die Kirche vertretbar, die Kommunion auch Menschen zu spenden, die in ihrem Leben nicht im vollen Einklang mit der Lehre der Kirche stehen – Stichwort: wiederverheiratete Geschiedene, die sich nach katholischer Lehre in einem andauernden Zustand der schweren Sünde befänden. Da sie das Sakrament der Ehe missachteten, seien diese Ehepaare nicht zur Kommunion zugelassen. Nach dem Katechismus ist die Ehe ein lebenslanger, unauflöslicher Bund zwischen Mann und Frau, der die Liebe Gottes zu den Menschen abbildet.
Franziskus änderte an dieser Lehre nichts, stellte aber mit der Fußnote den seelsorglichen Umgang im Einzelfall über eine strikte Auslegung der lehramtlichen Regeln. Der Empfang der Eucharistie sei "nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen".
Obwohl dieser Schritt nur wenige Katholiken persönlich betraf, war auf einmal die innerkirchliche Regierungslinie von Franziskus klar. Nichts an der Lehre verändern, aber die Seelsorge im Einzelfall über den Wortlaut der Gesetze stellen. Dafür waren Fußnoten ganz nützlich. Dieser Moment war der Anlass für den ersten großen Bruch kirchlicher Würdenträger mit der Amtsführung von Franziskus.
Die Dubia-Kardinäle
Vier Kardinäle, darunter der damals bereits emeritierte Kölner Erzbischof Joachim Meisner, richteten im September 2016 eine sogenannte "Dubia"-Anfrage an Franziskus, in der sie fünf kritische Nachfragen zur Vereinbarkeit von "Amoris laetitia" mit der katholischen Lehre aufwarfen. Obwohl sie dem Papst ihre Treue geschworen hatten, wiege für sie die Treue zum Lehramt noch schwerer, weshalb sie ihre "brüderliche" Anfrage an den Papst stellten – öffentlich und in allen katholischen Medien nachlesbar.
Damit war in gewissem Sinne der Damm gebrochen. Kritik am Papst war nun nichts Unerhörtes mehr. Die "Flitterwochen" des neuen Pontifikats waren ab diesem Moment zumindest innerkirchlich zu Ende. Einige kühnere Beobachter begannen ab diesem Zeitpunkt, von Spaltung bis hin zu einem "Bürgerkrieg" in der Kirche zu sprechen. Was damals übertrieben schien, verfestigte sich in den folgenden neun Jahren des Franziskus-Pontifikats zu einem prägenden Bild.
Spaltung und Polarisierung
Dubia-Anfragen gab es in dieser Zeit noch weitere, unter anderem zur Weltsynode 2023, bei der erstmals Laien mit Stimmrecht an einer Synode im Vatikan teilnehmen durften. Große Schlagzeilen machte auch ein Buch von Kardinal Robert Sarah mit Vorwort des emeritierten Papstes Benedikt XVI., in dem sich die beiden für eine Stärkung des priesterlichen Zölibats aussprachen und damit einen Konflikt mit der Amtsausübung von Franziskus andeuteten. Der wohl deutlichste Moment der Kritik kam dann nach dem Tod von Benedikt XVI. mit dem Buch "Nichts als die Wahrheit" von Benedikts Privatsekretär Erzbischof Georg Gänswein, der als Präfekt des Päpstlichen Hauses auch eng mit Franziskus zusammenarbeitete. Seine persönlichen Konflikte mit dem Kirchenoberhaupt machte Gänswein in diesem Buch mehr als deutlich – auch das ein Schritt, der früher für einen hohen Kurienmitarbeiter schwer vorstellbar war.
So wie sich in Gesellschaft und Politik in den vergangenen zehn Jahren eine immer stärkere Polarisierung und Spaltung gezeigt hat, erleben wir das auch im Vatikan und in der katholischen Kirche. Papst Franziskus war dafür sicher nicht die Ursache; sein Dokument "Amoris laetitia" war allerdings ein zentraler Auslöser für innerkirchliche Kritik, die die Fronten seitdem eher verhärtet hat.
Große Zeichen gegen diese Spaltung setzt seit einem knappen Jahr Franziskus’ Nachfolger Leo XIV., der trotz seines Engagements für Mitbestimmung und Synodalität sehr darauf achtet, auch an die Tradition seiner Vor-Vorgänger anzuknüpfen. Leo trägt wieder die rote Mozetta, er wohnt im Apostolischen Palast und zieht auch seine Kardinäle wieder stärker zu Rate als sein Vorgänger. Kritik wird auf diese Weise sicher diskreter geäußert werden können als über öffentlich verbreitete "Dubia"-Noten.