Zehn Jahre nach Veröffentlichung des nachsynodalen Schreibens "Amoris laetitia" hat Kardinal Christoph Schönborn das Dokument von Papst Franziskus als "Durchbruch" für die Kirche gewürdigt und Kritik zurückgewiesen. Das Schreiben hatte im April 2016 eine breite Debatte ausgelöst, insbesondere über den Umgang mit geschiedenen Wiederverheirateten.
Franziskus hatte in "Amoris laetitia" festgehalten, dass Wiederverheiratete nicht mehr grundsätzlich vom Zugang zu Beichte und Kommunion ausgeschlossen sein sollten; Seelsorger können seither im Einzelfall entscheiden. Weder sei damit die Lehre relativiert worden, noch gebe es "Sakramente zum Nulltarif", betonte der emeritierte Wiener Erzbischof im Kathpress-Interview.
Das Schreiben habe für viele ein "riesiges Aufatmen" bedeutet: "Nicht, weil der Papst irgendetwas an der Lehre der Kirche geändert hat, sondern weil er vom Leben spricht". Persönlich bewege ihn das Dokument bis heute: Wenn er es aus seinem Bücherschrank nehme, "dann kommen mir immer noch die Tränen".
Wichtiger Perspektivwechsel
Zentral sei der Perspektivwechsel hin zu den Lebensrealitäten von Familien. "Diese Menschen darf man nicht knebeln und nach rigorosen Kriterien bemessen, sondern man muss ihre Heldenhaftigkeit sehen, unter welchen Umständen sie Kinder bekommen und großziehen, unter welchen schwierigen Lebensverhältnissen sie eine Partnerschaft zu leben versuchen", sagte Schönborn.
Einen Widerspruch zum Schreiben "Familiaris consortio" (1981) von Papst Johannes Paul II. sieht der Kardinal nicht. Dessen Anliegen – Unauflöslichkeit und Heiligkeit der Ehe – bleibe grundlegend. Allerdings habe der frühere Text die konkreten Lebensumstände weniger berücksichtigt. "Amoris laetitia" sei daher ein neuer "Lektüre-Schlüssel".
Die Debatte um die umstrittene Fußnote zur Kommunion für Wiederverheiratete greife zu kurz, so Schönborn. Man dürfe das Dokument "nicht vom achten Kapitel her lesen". Franziskus habe keine neue Lehre formuliert, sondern zu genauerem Hinschauen, Unterscheiden und Einfühlen aufgerufen. Dass die Frage nur in einer Fußnote behandelt werde, habe ihn "unglaublich berührt".
Schönborn resümierte: "Franziskus hat im achten Kapitel nicht die Sakramente zu verbilligten Preisen auf den Markt gebracht. Er hat uns alle eine Gewissenserforschung aufgetragen."