Kölner Hochschulgemeinde beteiligte sich an Spendenaktion

"Wer Hunger hat, kann nicht studieren"

Studentenjob weg, Mietvertrag gekündigt, ungültiges Visum: Viele Studierenden treibt die Pandemie in eine finanzielle Notlage. Erst recht junge Leute aus Afrika, deren Familien sich schon vor Corona für ein Studium in Deutschland verschuldet haben.

Studenten in einem Hörsaal / © Uwe Anspach (dpa)
Studenten in einem Hörsaal / © Uwe Anspach ( dpa )

Iyas Qwaider ist verzweifelt. „Eigentlich wäre ich mit meinem Studium längst fertig. Aber alles hat sich verzögert, und nun habe ich Angst um meine Zukunft.“ Der 27-Jährige stammt aus Gaza in Palästina und hat bis Ende Februar an der Technischen Hochschule Köln Bauingenieurwesen studiert. Zum Verhängnis geworden ist dem jungen Mann, dass er zum Semester-Ende für drei Wochen in die Heimat gereist ist. Fünf Jahre lang hatte er seine Familie nicht gesehen und dem Wiedersehen nach so langer Trennung entgegengefiebert. Doch mitten in dieser Ferienzeit daheim trifft ihn der weltweite Lockdown. „Plötzlich war alles geschlossen. Es war kein Denken daran, absehbar wieder nach Deutschland zurückzukehren.“ 

Aus den geplanten drei Wochen in Gaza werden unfreiwillige sieben Monate. „Das war eine stressige Zeit voller Unsicherheit, ob ich überhaupt je wieder nach Deutschland einreisen kann. Immerhin verliert man nach so langer Pause seinen Anspruch auf einen Aufenthalt im Ausland“, berichtet der Student rückblickend. Zusätzliches Pech: Nach einem Umzug aus dem Bergischen Overath nach Köln kommt seine Akte bei der Ausländerbehörde nicht an, was bedeutet: keine notwendigen Nachweise und in der Konsequenz nun auch kein gültiges Aufenthaltsdokument. Ein Studenten-Visum wiederum ist erforderlich, um auch weiterhin seinen Status in Deutschland zu legitimieren und Voraussetzung, um einem Nebenjob nachgehen zu können. Und für Iyas Qwaider ist dieser die Grundlage, um überhaupt sein Auslandsstudium finanzieren zu können. Vor Corona hatte er eine bezahlte Arbeit im EDV-Raum seiner Uni. Doch mittlerweile ist dieser Studentenjob weg, weil er keinen geltenden Aufenthaltstitel für ein Präsenzstudium vorweisen konnte und das eine nun mal das andere bedingt.

Studierende aus Afrika stehen finanziell oft unter Druck

„Dabei fehlt mir nur noch meine Bachelorarbeit, an der ich bis Ausbruch der Krise geschrieben habe.“ Coronabedingt habe er jetzt nicht nur ein ganzes Semester verloren. Auch der Verlust des für ihn existenziell so wichtigen Jobs sowie der Stress mit den Behörden um seine Aufenthaltsgenehmigung belasten den Palästinenser sehr. „Eigentlich ist das katastrophal“, klagt er. „Ein kleiner Fehler der Ausländerbehörde bringt mich nun um meine Berufschancen.“ Wie schon sein Vater, der damals in Darmstadt Bauingenieurwesen studiert hat und danach nach Palästina zurückgekehrt ist, träumt Iyas nämlich davon, mit seiner in Deutschland erworbenen Qualifikation zuhause Krankenhäuser, Altenheime und Schulen zu bauen. „Doch in Gaza gibt es zur Zeit keine Arbeit. Ich stehe gerade bei Null und muss nun ganz neu überlegen, wie es weitergehen kann“, schildert der Student völlig niedergeschlagen.

Zum Studieren fehlen Wohnung und Laptop

Wie belastend sich die Corona-Krise auf die eigene Lebensplanung auswirken kann, erlebt gerade auch Paulin Baraka Bose. Der Kongolese, der bereits im Nachbarland Uganda seinen Bachelor in „Computer Networks and Systems administration“ gemacht hat, bevor das Virus auch dort ausbrach, hatte sich bereits vor Monaten beim Kölner Institut für Afrikanistik und Ägyptologie für den Studiengang „Culture and Environment in Africa“ beworben, aber erst Anfang September die Einreisegenehmigung für Deutschland erhalten. Das ursprüngliche Reisedatum war der 30. März gewesen, dann aber wegen der globalen Reisebeschränkungen auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Der worse case für jemanden, der keine Zeit zu verschenken hat, zumal viele afrikanische Studenten darauf angewiesen sind, dass sich ihre Familie innerhalb der Verwandtschaft die 6000 Euro, die in Deutschland für Studierende aus Nicht-EU-Ländern Voraussetzung für ein Visum sind, zusammenleihen muss und überhaupt ein solches Studium – je länger es dauert – im Einzelfall eine enorme wirtschaftliche Anstrengung bedeutet. Und großen Druck.

Dabei ist Paulin noch priviligiert und zudem auch hochmotiviert. Im Vergleich zu vielen Landsleuten, die kaum über die nötigen finanziellen Mittel verfügen, weil ihre Väter in der Corona-Krise arbeitslos geworden sind und die junge Generation aus prekären Milieus mangels Perspektive schnell in die Kriminalität abrutscht, konnte er in den letzten Jahren mit der Unterstützung seiner Familie ein englischsprachiges Studium in Uganda absolvieren. Mit dieser international anerkannten Expertise rechnet er sich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt aus als mit einem vergleichbaren Studium in seiner französischsprachigen Heimat. Nun ist sein Ziel ein Master-Abschluss in Köln. „Auch wenn sich meine Familie dafür verschuldet – ein Auslandsstudium in Deutschland bedeutet für uns Afrikaner eine große Chance“, erklärt der 30-Jährige.

Ein Studentenjob würde helfen

Dafür bringt er eigentlich auch beste Voraussetzungen mit. Akademische Veröffentlichungen belegen, dass Paulin nicht nur fleißig ist, sondern auch ambitioniert eine wissenschaftliche Laufbahn verfolgt. Doch im Moment weiß er nicht annähernd, wie er sich am neuen Studienort Köln über Wasser halten soll. Ohne Wohnung und ohne Geld fühlt er sich in der unvertrauten Umgebung hilflos. Bei einer Bekannten kann er vorübergehend auf einer Matratze schlafen, aber schon für eine Mahlzeit in der Mensa reicht es nicht mehr.

Mithilfe eines Smartphones, das ihm ein Freund aus Burundi zur Verfügung stellt, weil er in Uganda Opfer eines Raubüberfalls geworden ist, bei dem ihm seine gesamte Computertechnik gestohlen wurde, versucht er, den Online-Seminaren und -vorlesungen – soweit möglich – zu folgen und auf diese Weise irgendwie mitzuhalten. Das Geld, das er für sein notdürftiges Überleben als Student benötigt und das ihn – ebenfalls wegen Corona – von zuhause nicht rechtzeitig zum Studienstart erreicht hat, leihen ihm Kommilitonen. Ein Studentenjob würde helfen, zumindest die dringendsten Ausgaben selbst stemmen zu können, und ein bislang fehlender Laptop, um in Corona-Zeiten digital vollwertig am Unterricht des Wintersemesters teilnehmen zu können.

Rassismus nimmt in Corona-Zeiten eher noch zu

„Die Not dieser Studenten ist groß“, bringt es Sara Zavaree, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Afrikanistik und Ägyptologie, auf den Punkt. Sie habe in letzter Zeit viele solcher zu Herzen gehenden Geschichten gehört. Aus Erfahrung weiß sie, dass gerade Studierende aus Afrika viele, vor allem auch bürokratische Hürden bewältigen müssen und ziemlich auf sich gestellt bleiben. „Kein Job, kein Mietvertrag, ein geplatztes Stipendium und unter Umständen auch ein abgelaufenes Visum verschärfen für viele Studierenden ihre ohnehin schon schwierige Situation, in der auch Rassismus eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt – von den üblichen Sprachschwierigkeiten ganz zu schweigen“, stellt die Doktorandin fest. Wenn obendrein noch das technische Equipment fehle, um fachlich auch nur ansatzweise auf dem Laufenden zu bleiben, seien hier Solidarität und konkrete Hilfestellung gefordert.

Das Kölner Afrikanistik-Institut jedenfalls geht über die Probleme seiner Studenten nicht achtlos hinweg. „Wir müssen uns, sollen diese etwas lernen und erfolgreich sein, auch um deren Background kümmern, um ihnen soziale Teilhabe und Mobilität zu ermöglichen“, beteuert die gebürtige Iranerin mit Entschiedenheit. „Die Studierfähigkeit – ganz basal – ist absolute Voraussetzung. Dafür muss man aber doch den ganzen Menschen sehen. Und viele befinden sich derzeit einfach in einer existenziell bedrohlichen Situation.“

Globale Ungerechtigkeitsverhältnisse

Gemeinsam mit Pfarrer Klaus Thranberend, dem Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde Köln, hat das Institut daher im Sommer eine Spendenkampagne ins Leben gerufen, um zunächst die allerakuteste Not zu lindern. Große Beträge, so das Fazit der beiden, seien dabei zwar nicht zusammengekommen. Aber untätig bleiben wollten sie auch nicht. Schließlich steht auch der Hochschulseelsorger viel in Kontakt mit Studierenden, die wegen Corona in wirtschaftliche Not geraten und froh sind, wenn sie sich ihre Sorgen einmal von der Seele reden können. Dabei ist für Thranberend zweitrangig, ob es sich um Christen oder Mitglieder einer anderen Religion handelt. „Als Kirche müssen wir unsere Ressourcen und Mittel denen zur Verfügung stellen, die sie gerade am dringendsten brauchen“, findet er.

„Ausländische Studierende fallen einfach durch jedes Raster. Von den staatlichen Corona-Soforthilfen waren sie lange ausgeschlossen. Aufgrund der Verdienstausfälle der Familien in den Heimatländern gibt es derzeit auch von dort wenig Unterstützung“, analysiert die Afrikanistin Zavaree nüchtern. „Niemand scheitert hier an Intelligenz, sondern an mangelnden Ressourcen wie zum Beispiel bezahlbarem Wohnraum.“ Daher sei Eigeninitiative gefragt. „Wenn wir im Kollegium feststellen, dass jemand aus finanziellen Gründen nicht studierfähig ist, müssen wir eben privat ein Netzwerk von Hilfen auf die Beine stellen.“ Letztlich gehe es um globale Ungerechtigkeitsverhältnisse. Und die betreffe eine nicht unbeachtliche Zahl an Studierenden – vor allem aus dem Ausland.

Afrikaner müssen mehr Hindernisse überwinden als Einheimische

Universitäre Gremien seien schnell damit überfordert. Wenn aber gewollt sei, dass Studenten aus anderen Kontinenten ihren Abschluss in Deutschland machten, müsse auch genau geschaut werden, ob die Bedingungen dafür stimmten. „Denn Partizipation ist wichtig. Dafür brauchen Studierende zuallererst aber ein Obdach, einen Computer und ausreichend zu essen“, fordert die 38-Jährige unmissverständlich. „Denn wer Hunger hat, kann nicht studieren.“

Studierende aus Afrika müssten in Deutschland hart arbeiten und mehr Hindernisse überwinden als einheimische Studierende. Darin sieht Zavaree per se eine „strukturelle Benachteiligung“. „Die eigentliche Studienleistung“, ergänzt Hochschulpfarrer Thranberend, „besteht für ausländisch Studierende daher nicht allein in der Erstellung einer Hausarbeit.“

Sara Zavaree, Paulin Baraka Bose aus dem Kongo und Hochschulseelsorger Klaus Thranberend. / © Beatrice Tomasetti  (DR)
Sara Zavaree, Paulin Baraka Bose aus dem Kongo und Hochschulseelsorger Klaus Thranberend. / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Die Kirche als geistliches Zentrum liegt neben dem Gebäude der Katholischen Hochschulgemeinde und dem neuen Berufskolleg des Erzbistums. / © Beatrice Tomasetti  (DR)
Die Kirche als geistliches Zentrum liegt neben dem Gebäude der Katholischen Hochschulgemeinde und dem neuen Berufskolleg des Erzbistums. / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Sehr bewusst erteilt die Hochschulgemeinde mit den vielen ausländischen Studierenden Rassismus eine Absage. / © Beatrice Tomasetti  (DR)
Sehr bewusst erteilt die Hochschulgemeinde mit den vielen ausländischen Studierenden Rassismus eine Absage. / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Autor/in:
Beatrice Tomasetti
Quelle:
DR