Hochschulpastoral in Corona-Zeiten

"Das Virus zwingt uns zum Wesentlichen"

Treffen auf dem Campus, gemeinsame Vorlesungen und Mittagessen in der Mensa. Das gehört zum Studentenleben normalerweise dazu. Was macht das mit den Studierenden, wenn das aber nicht geht, stattdessen soziale Kontakte vor allem per Zoom stattfinden?

Die Kirche der Katholischen Hochschulgemeinde in Köln an der Berrenrather Straße. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Die Kirche der Katholischen Hochschulgemeinde in Köln an der Berrenrather Straße. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

DOMRADIO.DE: Herr Thranberend, die Corona-Pandemie hat nachhaltig die Situation von Studierenden verändert. Trotzdem kann man den Eindruck gewinnen, dass sie eine Gruppe sind, die in diesem Kontext bisher kaum im Focus gestanden hat. Wie macht sich die Krise in der Hochschulpastoral bemerkbar?

Klaus Thranberend (Hochschulpfarrer in Köln): Gerade die Erstsemester, die in diesen Tagen mit großer Erwartung und Vorfreude auf eine neue Lebensphase ihr Studium beginnen und sich bewusst für eine völlig fremde Stadt entschieden haben, erleben jetzt wieder wie zu ihren Abiturzeiten, dass es nicht so läuft, wie sie es sich vorher ausgemalt hatten. Denn sie wollen neue Kommilitonen kennenlernen, gemeinsam etwas unternehmen und das Studentenleben in vollen Zügen genießen. Sie trifft als Studienanfänger die Corona-Krise besonders hart. Denn vieles, was sonst in der Regel zu einem Studium dazu gehört, war und ist seit Monaten nicht möglich. Auch wenn man gerade bei diesen jungen Menschen zum Wintersemester zunehmend auf das Hybridmodell setzt, also auf eine Mischung von Präsenz- und Online-Veranstaltungen, um ihnen den Einstieg zu erleichtern, werden Vorlesungen zum Beispiel weiterhin nur digital angeboten. Ein soziales Miteinander, das für junge Leute aber unverzichtbar ist, kann so kaum entstehen.

Und dann gibt es diejenigen, die – um die teure Studentenbude während des Lockdowns zu sparen – wieder zu den Eltern in ihr altes Zuhause zurückgekehrt sind und nun an Zoom-Meetings aus dem Kinderzimmer heraus teilnehmen, also wieder Kind sind. Was vielen  schwerfällt und mir leid tut zu sehen. Das fühlt sich wie ein Rückschritt in zurückliegende Lebensphasen an.

Und was die Hochschulgemeinde betrifft, lebt unser Haus davon, dass es offene Lernräume anbieten will. Da es aber in den letzten Monaten teilweise geschlossen werden musste, geschah das Gegenteil von dem, was wir beabsichtigen: nämlich Isolation statt Vergemeinschaftung. Das war für die Pastoral eine große Herausforderung und hat sie auf ihr Wesen reduziert. Denn die Hauptfrage war nun: Wie stellen wir Kontakt zu den Studierenden, wie Gemeinschaft her? Da befinden sich so viele junge Leute in diesem riesigen Moloch Köln und vereinsamen. Das bedeutete für uns alle im Team großen Leidensdruck. Umso präsenter wollten wir sein, so dass wir viel Zeit in Online-Gespräche investiert haben.

DOMRADIO.DE: 60 Millionen Euro an Überbrückungshilfen hat der Bund Studierenden zugesagt, die in der Corona-Krise in Finanznot geraten sind, weil zum Beispiel viele Studentenjobs – gerade in der Gastronomie – weggebrochen sind. Jetzt ist das Programm ausgelaufen. Kennen Sie Fälle, wo junge Leute in ernste wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten sind bis hin zum Studienabbruch?

Thranberend: Es kamen sogar ziemlich viele, die uns um Unterstützung gebeten haben. Manche schämen sich aber auch, ihre Not offen zu legen. Daher bekommen wir nur bedingt mit, ob jemand wirklich sein Studium abbricht. Doch wenn solche finanziellen Sorgen an uns herangetragen werden, versuchen wir, die Studierfähigkeit des Einzelnen in jedem Fall zu erhalten. Wir haben einen Fonds aus Caritas-Mitteln, Zuwendungen des Erzbischöflichen Stuhls, der Schulabteilung des Bistums und der Hohen Domkirche, so dass wir bisher mit insgesamt 25.000 Euro inländische Studenten und mit über 90.000 Euro Studierende aus dem Ausland unterstützen konnten. Mit diesen Hilfen seitens der Kirche, die an soziale Prozesse gebunden sind, indem wir mit diesen Studierenden im Gespräch sind, orientieren wir uns an der Begegnungspraxis Jesu, der immer ein offenes Ohr für Notleidende hatte und ihnen geholfen hat.

So verstanden halten wir bewusst unser Haus – und unser Herz – für die Sorgen der Studierenden offen und wollen ansprechbar bleiben. Denn der Bedarf an wirtschaftlicher und psychosozialer Hilfe ist groß. Zum einen geht es, wie gesagt, um rein materielle Not – die Mensa hatte zu, das war eine Katastrophe, weil viele nun selber kochen und dafür teuer einkaufen mussten – aber auf der anderen Seite war auch gefragt, Hilfestellung bei der Vernetzung untereinander zu geben und sich oft die vielen Sorgen der jungen Menschen auch einfach nur anzuhören. Corona hat alles das, was sonst unter normalen Umständen schon für den Einzelnen eine große Herausforderung bedeutet, noch einmal deutlich verstärkt. Grundsätzlich ist Studieren heute eine prekäre Situation, wenn man nicht gerade selbst aus einem Bildungshaushalt kommt.

DOMRADIO.DE: Es geht also nicht nur um finanzielle Sorgen. Was genau hören Sie von den Studierenden: Wie belastend ist die aktuelle Situation?

Thranberend: Nach wie vor ist sie hochbelastend: sowohl für die Studierenden in den höheren Semestern als auch für alle Anfänger. Für die Erstsemester gibt es nicht wie gewohnt die Einführungswoche; auch hier ist vieles auf digital umgestellt. Aber viele Fragen bleiben dabei unbeantwortet. Zum Beispiel: Wie geht Studieren überhaupt? Wo finde ich was? Wie lerne ich Leute kennen? Sich ganz real mit allem auseinanderzusetzen geht im Moment nicht. Gerade wer aus ländlicheren Gebieten zum ersten Mal in eine große Stadt kommt, erlebt in einer Millionenmetropole wie Köln eine überfordernde Komplexität der Situation. Dabei ziehen Studenten von zuhause aus, um ins eigene Leben zu kommen. Aber genau dieser Prozess wird durch Corona gerade blockiert. Feste Strukturen, an denen man sich sonst festhalten kann, fallen weg. Und auch sämtliche Freizeitprogramme. Dabei haben junge Menschen einen großen Bewegungsdrang. Gerade deshalb bietet die Hochschulgemeinde immer auch ein umfangreiches Sportprogramm an.

Hinzu kommt, dass die Isolation zuhause und auch die Online-Veranstaltungen die Wissenschaft verändern. Wissenschaft hat mit Diskurs und Auseinandersetzung zu tun. Das aber erleben die Studierenden gerade nicht live. Sondern dass ihre ganze Aufmerksamkeit bei digitalen Lehrveranstaltungen gefordert ist und sie sich voll und ganz – und das über viele Stunden am Tag – auf den Dozenten im Livestream konzentrieren müssen. Das führt nicht nur zur Erschöpfung, sondern auch zu einem totalen, fast aggressiven Genervt-Sein. Ich beobachte eine ungute Mischung aus beidem.

DOMRADIO.DE: In diesen Tagen startet das Wintersemester. Das heißt, es gibt viele Erstsemester, die an der Uni ja zunächst einmal ankommen müssen und die daher – Sie sagten es schon – mehr als die älteren Studierenden vor allem auch auf ein soziales Miteinander angewiesen sind. Welche Hilfestellungen können Sie da als Seelsorger geben?

Thranberend: Wir hören zu. Und wir schaffen einen Raum, um darüber zu sprechen. Während des Lockdowns haben wir mittwoch- und sonntagabends einen Kurzgottesdienst entwickelt und live gestreamt; ein etwa 20 Minuten-Format, in dem häufig Impulse von Studierenden kamen und das gut angenommen wurde. Dabei war uns wichtig, die Jugendlichen nicht nur zu beschallen, sondern zu beteiligen.

Was ich nicht konnte, war, vor laufender Kamera Eucharistie feiern. Ich bin der Meinung, dass das Heilige sich so nicht transportieren lässt, das Gemeinschaftserlebnis fehlt und auch das direkte Feedback der Menschen, die mitfeiern. Aber ich wiederhole noch mal: Auch wenn sich die Situation so niemand gewünscht hat und die Pandemie samt ihrer Nebenwirkungen alle bisherigen Gewissheiten auf den Prüfstand stellt: Corona zwingt uns zum Wesentlichen, nämlich dazu, uns pastoral mit der Frage zu beschäftigen: Wie kommen wir und wie bleiben wir miteinander in Kontakt? Diese Frage ging bei aller Geschäftigkeit im Alltag in der Zeit vor Corona oft unter. Von daher ist die Hochschulgemeinde als realer und als virtueller Raum im letzten halben Jahr für viele Studierenden von großer Bedeutung gewesen.

DOMRADIO.DE: Immer wieder sind Klagen über die enorme Belastung durch die vielen Online-Vorlesungen und das Homestudying zu hören. Auch das klassische Studentenleben ist – Sie erwähnten es schon – zwangsläufig heruntergefahren worden oder findet so gut wie nicht statt. Mit welchen Sorgen kommen die jungen Leute zu Ihnen? Wie gestaltet sich Studieren im Corona-Modus?

Thranberend: Die Studierenden stellen die Frage nach ihrer eigenen Zukunftsfähigkeit. Wie wird es absehbar – mit oder ohne Corona? Wie wird die Arbeitswelt aussehen? Welche Perspektiven gibt es? Wie wirkt sich die Digitalisierung aus, wie der Klimawandel? Wo sind die Räume, die ich mitgestalten kann? Diese Fragen sind im Moment, da viel Anpassung gefordert ist, virulent und kamen neulich auch klar bei einer Relevanzstudie zur Hochschulpastoral zum Ausdruck. Die Studierenden von heute erleben für sich, dass sie in eine bedrohte Zukunft gehen. Diese Dramatik ist deutlich zu spüren. Dabei wird die Elterngeneration – anders als die Großeltern, die ansprechbarer und hilfsbereiter sind – als wenig schutzgebend erlebt. Eltern arbeiten viel, sind von daher vor allem mit sich beschäftigt und werden nicht als Orientierungspunkte erlebt. Das alles ist zwar nicht neu, aber Corona hat diese Erkenntnisse noch einmal prominent in den Focus gerückt.

DOMRADIO.DE: Das hört sich nach vielen, sehr unterschiedlichen Baustellen an. Mussten und müssen Sie Ihre Pastoral umstellen?

Thranberend: Ständig. Natürlich. Allein schon weil Kirche eine „ecclesia semper reformanda“ – immer auf Erneuerung hin angelegt – ist. Corona hat uns gezeigt, dass wir gefordert sind, uns pastoral schnell auf eine neue Situation einzustellen. Aber auch unabhängig von dieser Krise steht die Hochschulpastoral ja ständig unter einem enormen Innovationsdruck. Alle paar Monate kommen neue Studenten, die ihre Themen mitbringen und uns fordern. Wir müssen uns in jedem Semester neu erfinden. Und wegen Corona war das Sommersemester diesbezüglich noch einmal eine ganz eigene Herausforderung, wie man sie auf Dauer auch nur begrenzt durchhält.

Studenten, die von überall her kommen, leben ja nicht allein im innerkirchlichen Milieu, was die eigene Sicht auf Kirche und auf die Menschen verändert. Und unsere Pastoral ist in hohem Maße – wie eigentlich jede Form von Pastoral sein sollte – auf Partizipation angelegt. Das heißt im Umkehrschluss aber auch, eine Kirche, die auf Gehorsam und Autorität setzt, lässt sich heute jungen Leuten nicht mehr vermitteln. Man muss ihnen zugestehen, in die Auseinandersetzung und Konfrontation zu gehen, sich an der Lehrmeinung zu reiben. Das bedeutet, wir müssen ihnen Räume geben, in denen sie im Diskurs nach der Wahrheit suchen und hoffentlich erleben, mit Kirche identifiziert zu werden. Darin sehe ich meine Aufgabe, und auch das ist Evangelisierung.

DOMRADIO.DE: Momentan steigen die Infektionszahlen wieder besorgniserregend. Täglich gibt es neue Maßnahmen. Das schürt Ängste. Welche konkret machen Sie unter Ihren Studenten aus?

Thranberend: Neben diffusen Zukunftsszenarien, die wenig Sicherheit versprechen, treibt sie vor allem die Angst vor Isolation und Vereinsamung um sowie die Angst vor Überforderung und Scheitern. Darin liegt eine riesige Spannung: einerseits zu lernen, sich zu emanzipieren und die eigene Persönlichkeit zu entwickeln, und andererseits der Zukunft zu trauen und darin für sich einen Platz zu finden. Was wir seitens Kirche dabei fördern wollen, ist die Entfaltung aller Talente in sozialer Verantwortung vor Gott. Unser aller Aufgabe wird sein, gemeinsam auf der Grundlage des Evangeliums die Zukunft zu gestalten, wie es Papst Franziskus in „Fratelli tutti“ fordert: damit eine weltweite Solidarität wächst, die die Erde zu einem Ort macht, der allen Heimat, Leben und Arbeit gibt, wie er betont. Und Spiritualität ist dabei eine riesige Ressource, die wir für unsere Zukunftsgestaltung noch brauchen werden.

Das Interview führte Beatrice Tomasetti.

Hochschulpfarrer Klaus Thranberend / © Beatrice Tomasetti (DR)
Hochschulpfarrer Klaus Thranberend / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Die Südseite der Kirche Heiliger Johannes XXIII. mit dem Uni-Center und dem Studentenwohnheim des Studierendenwerkes. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Die Südseite der Kirche Heiliger Johannes XXIII. mit dem Uni-Center und dem Studentenwohnheim des Studierendenwerkes. / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Die katholische Kirche ist für viele Studierende eine wichtige Anlaufstelle in einer fremden Stadt. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Die katholische Kirche ist für viele Studierende eine wichtige Anlaufstelle in einer fremden Stadt. / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Das Innere der Kirche von Josef Rikus, der als Bildhauer den Raum vor allem mit skulpturalen Elementen gestaltet. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Das Innere der Kirche von Josef Rikus, der als Bildhauer den Raum vor allem mit skulpturalen Elementen gestaltet. / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Beim Tabernakel setzt sich die verschachtelte Form des Außenbetons fort. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Beim Tabernakel setzt sich die verschachtelte Form des Außenbetons fort. / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Das Interieur greift die Architektur, erbaut im Brutalismus der 1960er Jahre, auf. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Das Interieur greift die Architektur, erbaut im Brutalismus der 1960er Jahre, auf. / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Die fließenden Übergänge von Skulptur und Architektur zeigen sich auch in der Fensterfront mit ihren Formen des Kubismus. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Die fließenden Übergänge von Skulptur und Architektur zeigen sich auch in der Fensterfront mit ihren Formen des Kubismus. / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Quelle:
DR