1500 Kilometer lang ist das Gebiet, für das Pater Antonius Sohler mitverantwortlich ist: eine Landschaft aus Fjorden, Bergen, Inseln und kleinen Orten. Tromsø liegt im Norden Norwegens und ist das nördlichste Bistum der Welt: dünn besiedelt und geprägt von langen Winternächten. Katholiken sind eine Minderheit: Gerade einmal rund 7.500 Gläubige verteilen sich über die riesige Region.
"Es gibt sehr wenig Katholiken", sagt Sohler. Dennoch erlebt der Priester seine Arbeit nicht als Mangelverwaltung, sondern als bewusste Entscheidung für die Diaspora. Der Pfarrer der Gemeinde Narvik ist beim Katholikentag in Würzburg zu Gast und erzählt dort über das Leben und Arbeiten der katholischen Kirche im hohen Norden Europas.
Priester sind für alles zuständig
Wer sich das Leben eines Priesters in Nordnorwegen romantisch vorstellt, liegt allerdings falsch. Denn dort ist der Pfarrer nicht nur Seelsorger. "Er ist Sakristan, Hausmeister, Pfarrsekretär, Ansprechpartner für die Menschen und zuständig für alle technischen Dinge", erzählt Sohler. Hauptamtliche Mitarbeiter gebe es kaum, ehrenamtliche ebenfalls nur wenige. Vieles müsse ein Priester allein stemmen.
Trotzdem spricht Sohler mit großer Zufriedenheit über seine Aufgabe. Gerade die Überschaubarkeit der Gemeinden empfindet er als Geschenk. "Dadurch, dass es so wenige sind, entsteht eigentlich zu jedem ein direkter persönlicher Kontakt", sagt er. Das ermögliche echte Nähe zu den Menschen und ihren Lebensgeschichten.
Kirche in Norwegen wächst
Die katholische Kirche in Norwegen ist stark international geprägt. Viele Gläubige stammen aus anderen Ländern – Arbeitsmigranten, Studenten oder Zuwanderer aus katholisch geprägten Regionen der Welt. Die Gottesdienste in Narvik werden deshalb meist auf Norwegisch und Englisch gefeiert. "Die Gläubigen aus dem Ausland sprechen kein Norwegisch. Und für Norweger wäre es unangenehm, wenn der Gottesdienst nicht in der Muttersprache stattfindet. Also ist die Lösung zweisprachig", sagt Sohler pragmatisch. Für ihn selbst sei das selbstverständlich, weil er schon immer international gearbeitet habe.
Hinzu kommen Touristen, die besonders im Sommer mit Wohnmobilen oder Kreuzfahrtschiffen in den Norden reisen. Viele suchten gezielt katholische Kirchen auf. "Die ganze Welt kommt im Grunde genommen zu unseren Kirchen", erzählt der Priester.
Die extremen Lichtverhältnisse im Norden gehören für ihn inzwischen zum Alltag. Im Winter bleibt es wochenlang dunkel, im Sommer dagegen scheint die Sonne nahezu rund um die Uhr. "Man muss sich darauf einlassen", sagt Sohler. Anfangs sei das gewöhnungsbedürftig gewesen, mittlerweile nehme er die Veränderungen kaum noch bewusst wahr.
"An die Ränder gehen"
Dass er einmal in Nordnorwegen landen würde, war allerdings nicht von Anfang an geplant. Der aus dem Allgäu stammende Sohler hat schon in Bayern, Amsterdam und Rom gearbeitet. Bewusst gesucht habe er aber eine Aufgabe in der Diaspora. Inspiriert habe ihn dabei vor allem Papst Franziskus und dessen wiederholter Aufruf, "an die Ränder" zu gehen.
"Ich wollte das Priestertum in allen Dimensionen kennenlernen", erklärt Sohler. In großen pastoralen Strukturen werde man oft Spezialist für einzelne Aufgaben. In der Diaspora dagegen sei der Priester für alles verantwortlich – und genau das schätze er.
Immer mehr Taufen in Norwegen
Während die Kirchen in Deutschland vielerorts Mitglieder verlieren, erlebt die katholische Kirche in Skandinavien durchaus Wachstum. Sohler berichtet von einer steigenden Zahl an Taufen und Konversionen. Das sei keineswegs ein völlig neues Phänomen. "In Stockholm oder Oslo werden schon seit mindestens 20 Jahren in der Osternacht Hunderte getauft", sagt er.
Als Grund sieht er vor allem die Sinnsuche vieler junger Menschen. Gerade Menschen, die ohne religiöse Bindung aufgewachsen seien, interessierten sich zunehmend für Glaubensfragen. Die katholische Kirche wirke dabei für manche attraktiv – mit ihrer weltweiten Gemeinschaft, ihrer Einheit und ihrer klaren Orientierung.
Von der Diaspora könne auch die Kirche in Deutschland etwas lernen, meint Sohler. Wo die Gläubigen verstreut lebten und Gemeinden klein seien, werde Gemeinschaft oft bewusster erlebt. "Die Menschen kommen und sie sind dankbar dafür, dass es überhaupt ein Angebot gibt", sagt er.
Was kann man von der Diaspora lernen?
Entscheidend sei dabei vor allem das Menschliche. Offenheit, persönliche Begegnung und gegenseitige Unterstützung stünden im Vordergrund. "Gemeinschaft entsteht, die wir alle brauchen", sagt Sohler. Dass diese Arbeit überhaupt möglich bleibt, verdankt die Kirche in Nordnorwegen auch der Unterstützung aus Deutschland. Das Bonifatiuswerk hilft unter anderem bei Fahrzeugen, Gehältern und der Renovierung von Kirchengebäuden. Ohne diese Unterstützung, sagt Sohler, wäre kirchliches Leben in vielen Regionen des Nordens kaum aufrechtzuerhalten.
Trotz aller Herausforderungen klingt bei Pater Antonius Sohler kein Klagen mit. Eher das Gegenteil: die Überzeugung, dass Kirche gerade an den Rändern lebendig sein kann.