Persische Pastorin blickt mit Trauer und Hoffnung auf die Lage im Iran

"Jeder zivile Verlust ist eine Tragödie"

Mahin Mousapour stammt aus dem Iran und lebt seit 40 Jahren in Deutschland. Über den Tod des geistlichen Oberhaupts Ajatollah Chamanei empfindet die Pastorin keine Freude. Sie hofft jedoch auf einen strukturellen Wandel im Iran.

Autor/in:
Hilde Regeniter
Rauch steigt nach Raketeneinschlägen im Iran auf. / © Anas Alkharboutli (dpa)
Rauch steigt nach Raketeneinschlägen im Iran auf. / © Anas Alkharboutli ( dpa )

DOMRADIO.DE: Viele Exil-Iraner in Deutschland haben den Tod des geistlichen Oberhaupts Ajatollah Chamanei bejubelt, Sie auch?

Mahin Mousapour (Pastorin der "Vaterhaus Gemeinde" in Frankfurt am Main und Perserin): Kein Verbrechen darf im Namen Gottes geschehen. Chamenei hat seit Jahrzehnten den heiligen Namen des Herrn benutzt, um Unrecht zu rechtfertigen.

Er hat den Namen des allmächtigen Gottes durch Gewalt, Mord und Verbrechen besudelt und die Herzen der Menschen zerrissen. 

Perser nennen Chamenei "Zahhak". Zahhak ist eine Gestalt aus der persischen Mythologie. Er ist ein grausamer Herrscher, dem zwei Schlangen aus den Schultern wuchsen. Um sie zu besänftigen, ließ Zahhak jeden Tag zwei Jugendliche töten, damit ihre Gehirne von den Schlangen verzehrt wurden. So wurde er zum Sinnbild eines Monster-Diktators, der die Jugend seines Landes opfert, die Zukunft verschlingt und Hoffnung erstickt.

Mahin Mousapour

"Ich bin Christin und Pastorin. Ich freue mich über keinen Tod."

Ich muss aber ehrlich sagen, dass ich über seinen Tod nicht gejubelt habe. Ich bin Christin und Pastorin. Ich freue mich über keinen Tod. In mir war vielmehr ein gemischtes Gefühl aus Traurigkeit und Schwere, weil so viele Familien im Iran noch immer um ihre getöteten Kinder trauern.

Gleichzeitig bleibt die Sorge: Wer kommt danach? Was wird aus dem Land, wenn das System weiterhin besteht?

Trotzdem habe ich bei aller inneren Zerrissenheit eine leise Erleichterung gespürt. Nicht aus Hass, sondern aus Mitgefühl für meine erschöpften Landsleute, die am Ende ihrer Kräfte sind.

DOMRADIO.DE: Bei den Angriffen sterben viele Zivilisten. Sind sie trotzdem richtig in Ihren Augen?

Mousapour: Ich bin grundsätzlich nicht für Krieg. Jeder Krieg bringt Leid, und jeder zivile Verlust ist eine Tragödie. Das gilt auch hier.

Gleichzeitig muss man anerkennen, dass das iranische Regime seit Jahrzehnten jede friedliche Form des Protests brutal unterdrückt hat. Menschen sind auf die Straße gegangen, um Freiheit zu fordern, und wurden mit Gewalt zum Schweigen gebracht. 

Wenn ein System keinerlei Raum für Reform, Dialog oder inneren Wandel lässt und sein eigenes Land wie ein Gefängnis verwaltet, entsteht eine Situation, in der die eigentliche Tragödie nicht erst mit den Angriffen begann, sondern schon vor Jahrzehnten mit der systematischen Unterdrückung der eigenen Bevölkerung.

Mahin Mousapour

"Viele Iraner sagen, sie seien eher bereit, unter Bombardierungen zu leben als weiterhin unter diesem Regime."

Viele Iraner sagen, sie seien eher bereit, unter Bombardierungen zu leben als weiterhin unter diesem Regime. Manche empfinden die Angriffe nicht nur als Bedrohung, sondern als Zeichen dafür, dass sich etwas bewegen könnte. Sie sehen es als mögliches Signal von Veränderung und Befreiung.

Wie verzweifelt muss ein Volk sein, um so zu empfinden? Welches Land empfindet militärische Angriffe als Hoffnung? Wenn Menschen dennoch so sprechen, zeigt das die Tiefe ihrer Not.

Viele sagen, sie hätten lange auf internationale Unterstützung gewartet, auch auf politische Signale aus den USA. Sie verbinden mit äußerem Druck die Hoffnung, dass ein Übergang möglich wird.

DOMRADIO.DE: Präsident Trump und sein Verteidigungsminister sprechen von einer einmaligen Chance für Iranerinnen und Iraner, sich endgültig vom Mullah-Regime zu befreien. Wie realistisch ist das? 

Mousapour: Chamanei konzentrierte die Macht kompromisslos in seiner eigenen Person. Als oberster religiöser Führer und selbsternannter Stellvertreter Gottes beanspruchte er die letztgültige Autorität über alle zentralen Fragen des Staates. Parlament, Justiz, Ministerien und weitere Institutionen bestanden formal weiter, doch ihre Leiter hatten kaum echte Entscheidungsfreiheit. Sie waren an die Einzelmacht Chameneis gebunden.

Israelische und amerikanische Angriffe richten sich gezielt gegen die Spitze des Regimes. Jede neue Machtfigur wird unmittelbar zum Ziel. Auch Chameneis Sohn wird diesem Druck und diesen Angriffen nicht entkommen.

Parallel dazu ist das regionale Einflussnetzwerk des Regimes stark erschüttert. Von Iran unterstützte Gruppierungen wie Hisbollah und Hamas sind massiv geschwächt, zentrale Verbündete wie Bashar al-Assad sind weggefallen. Damit verliert Teheran wesentliche geopolitische Stützpfeiler. 

Der Iran hat mit dem Abschuss von Raketen auf Nachbarländer wie Saudi-Arabien und andere Staaten der Region zusätzliche Feinde geschaffen. In der Außenpolitik hat sich das Regime dadurch noch unbeliebter gemacht und sich weiter isoliert.

In zahlreichen Städten sind sicherheitsrelevante Einrichtungen erheblich beschädigt oder außer Funktion gesetzt worden. Dadurch ist die operative Handlungsfähigkeit des Regimes deutlich eingeschränkt.

Kirche St. Maria im iranischen Urmia / © Amira du Preez (epd)
Kirche St. Maria im iranischen Urmia / © Amira du Preez ( epd )

Zugleich spielen die offensiven Maßnahmen der USA und Israels eine erhebliche Rolle im aktuellen Machtgefüge. Ihr erklärtes Ziel, das Regime in kurzer Zeit entscheidend zu schwächen, erhöht den äußeren Druck massiv. 

Vor diesem Hintergrund halte ich die Einschätzung, dass sich ein historisches Zeitfenster geöffnet hat, für durchaus realistisch. Ein Regime, das institutionell geschwächt, außenpolitisch isoliert und sicherheitspolitisch unter Druck steht, ist verletzlicher als je zuvor.

Die strukturellen Voraussetzungen für einen fundamentalen Wandel waren seit Jahrzehnten nicht mehr so ausgeprägt wie jetzt.

DOMRADIO.DE: Stehen Sie in direktem Kontakt mit Menschen vor Ort, speziell auch mit christlichen Gruppen? Was berichten die?

Mousapour: Auch die christlichen Untergrundgemeinden im Iran sind von den jüngsten Ereignissen tief betroffen. Nach Berichten, die ich erhalten habe, haben sich auch Christen an den Demonstrationen beteiligt. Unter ihnen soll es ebenfalls Verletzte und Tote gegeben haben.

Mahin Mousapour

"Der Wunsch nach Freiheit und Würde kennt keine religiösen Grenzen."

Das zeigt, dass der Wunsch nach Freiheit und Würde keine religiösen Grenzen kennt. Christen stehen wie viele andere Iraner an der Seite ihres Volkes und teilen dessen Leid und Hoffnung.

In den letzten Wochen sind alle Kontakte abgebrochen. Unsere gemeinsame WhatsApp-Gruppe existiert nicht mehr, weil alle Mitglieder aus Angst vor den Sicherheitsbehörden ausgetreten sind. Die Gefahr ist zu groß geworden. Die Untergrundgemeinden sind derzeit stark verstreut, viele Treffen wurden eingestellt. Es ist eine äußerst schwierige und gefährliche Zeit.

Eine junge Frau aus meiner Gruppe schrieb mir voller Angst nach den Ereignissen Anfang Januar, als bei Protesten Menschen erschossen wurden. Sie berichtete, dass Sicherheitskräfte von Haus zu Haus gingen, nach Verwundeten suchten und diese festnahmen. Familien versuchten, verletzte Angehörige zu verstecken oder in Sicherheit zu bringen. Die Angst war allgegenwärtig. Nach diesen Berichten war mir klar: Jeder weitere Kontakt könnte sie in Lebensgefahr bringen.

Und doch bleibt eines: Wir Christen verstehen uns als Stimme des Herrn Jesus Christus – und als Stimme unseres Volkes. Wir fühlen uns vor Gott und vor den Menschen verantwortlich. Wir sind Teil dieses Landes, wir leiden mit ihm, und wir sehnen uns wie so viele Iraner nach Freiheit, Würde und Frieden.

DOMRADIO.DE: Wofür beten Sie in diesen Tagen?

Mousapour: In diesen Tagen bete ich für den Iran, dass möglichst wenige Menschen getötet werden. Ich bete für alle Länder im Nahen Osten. Ich bete für die amerikanischen sowie israelischen Soldaten und für die Menschen in Israel, dass sie bewahrt und geschützt bleiben. Ebenso bete ich immer für Deutschland, für Europa und für alle Länder und Menschen, die von den Ereignissen im Iran betroffen sind.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

Irans Revolutionsgarden

Die iranische Verfassung sieht zum Schutz der Islamischen Revolution gegen Feinde ‎von außen und innen schlagkräftige paramilitärische Einheiten vor. Die Revolutionsgarden («Sepah’e ‎Pasdaran» oder informell auch «Sepah» - abgekürzt IRGC) bilden neben der regulären Armee («Artesh») die zweite ‎Säule der iranischen Streitkräfte. Oberbefehlshaber der Revolutionsgarden ist der oberste Führer ‎Ajatollah Ali Chamenei, nach der Verfassung das iranische Staatsoberhaupt.‎

Iranische Nationalflagge / © Alexander Zemlianichenko (dpa)
Iranische Nationalflagge / © Alexander Zemlianichenko ( dpa )
Quelle:
DR

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