Orthodoxe Christen feiern Weihnachten

Nach dem julianischen Kalender

Der orthodoxe Priester Vater Andreas erklärt, wie es zu der Abweichung zwischen dem julianischen und dem gregorianischen Kalender kam, wie ein orthodoxer Weihnachtsabend abläuft und warum er das ganze Jahr über Hoffnung empfindet.

Autor/in:
Carsten Döpp
Die Mariä-Verkündigungs-Kathedrale ist eine der drei orthodoxen Kathedralen im Kreml in Moskau. / © Sailorr (shutterstock)
Die Mariä-Verkündigungs-Kathedrale ist eine der drei orthodoxen Kathedralen im Kreml in Moskau. / © Sailorr ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Sie feiern Weihnachten erst jetzt, weil Sie sich am julianischen Kalender orientieren. Können Sie das kurz erklären?

Priester Andreas Reger (orthodoxe Kirchengemeinde St. Nikolaus in Düsseldorf): Die orthodoxen Christen richten sich bei der Berechnung der Feiertage nach dem julianischen Kalender, während der Großteil der Welt den gregorianischen Kalender verwendet. Der gregorianische Kalender wurde Ende des 16. Jahrhunderts von Papst Gregor XIII. eingeführt. Man stellte fest, dass ein Tag nicht exakt 24 Stunden hat, sondern um einige Sekunden länger ist. 

Über das Jahr hinweg summierte sich diese Abweichung auf fast elf Minuten. Das führte dazu, dass sich im Laufe der Zeit ein Fehler von zehn Tagen angesammelt hatte. Deshalb wurde 1582 der Kalender korrigiert: Auf den 4. Oktober folgte unmittelbar der 15. Oktober. Der neue gregorianische Kalender setzte sich zunächst in den Regionen durch, in denen die katholische Kirche vertreten war. Die orthodoxen Kirchen blieben hingegen aus Tradition beim julianischen Kalender. 

DOMRADIO.DE: Welche Traditionen bestimmen Ihr Weihnachtsfest? 

Reger: Der Kern der Weihnachtsfeier ist der Gottesdienst. Der kirchliche Tag beginnt am Abend. Am Heiligen Abend versammeln sich die Gläubigen gegen Halb zehn in der Kirche. Dort beginnt eine feierliche Prozession mit Kerzen, weißen Gewändern sowie viel Gesang und Freude. Nach Mitternacht wird dann der Gottesdienst gefeiert, die Heilige Liturgie. Die Gläubigen empfangen die Kommunion, und nach dem Gottesdienst kommen alle in einem gemütlichen Raum zusammen. Bei Tee und mitgebrachten Speisen tauscht man sich aus und teilt die Freude miteinander. Wenn man später nach Hause kommt, ist es ähnlich wie in anderen Teilen Europas. Man trifft sich mit Freunden und Familie, es gibt ein festliches Essen, Geschenke und insgesamt herrscht große Freude.

Priester Andreas Reger

"Wenn Menschen neue Lebensfreude gewinnen, wieder anfangen, sich zu treffen, zu sprechen und am Leben teilzunehmen, ist das eine Freude, die sich kaum in Worte fassen lässt."

DOMRADIO.DE: Weihnachten ist in Deutschland inzwischen kaum noch sichtbar. Wie kommen Sie trotzdem in weihnachtliche Stimmung? 

Reger: Ich glaube, ich bin in dieser Hinsicht sehr begnadet. Diese weihnachtliche Stimmung trage ich fast das ganze Jahr in mir. Ich arbeite hauptberuflich als Krankenpfleger. Zu uns kommen Menschen mit sehr schweren Problemen, zum Beispiel mit tiefen Depressionen und großer Traurigkeit. Wenn es unserem Team, also Ärztinnen und Ärzten, Psychologinnen und Psychologen, Ergotherapeuten, Ergotherapeutinnen und meinen Kolleginnen und Kollegen, gelingt, nach drei oder vier Wochen wieder ein Lächeln auf das Gesicht eines Menschen zu zaubern, dann ist das eine tiefe Freude. 

Ich erlebe dabei, wie Gottes Wirken durch Menschen geschieht. Wie einem anderen Menschen geholfen wird und wieder Licht in der Dunkelheit erscheint. Wenn Menschen neue Lebensfreude gewinnen, wieder anfangen, sich zu treffen, zu sprechen und am Leben teilzunehmen, ist das eine Freude, die sich kaum in Worte fassen lässt. Diese Erfahrung trägt mich und deshalb habe ich diese weihnachtliche Stimmung fast das ganze Jahr über.

Das Interview führte Carsten Döpp.

Quelle:
DR

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