Die Nacht auf Dienstag war die erste seit Samstag, in der Annika Khano wieder durchschlafen konnte. Um acht Uhr war es aber mit der Ruhe vorbei: Raketenalarm in Jerusalem, doch es blieb ruhig am Himmel. Ein Fehlalarm, wie sich kurz danach herausstellte. Zwei Stunden später sitzt sie an ihrem Laptop und erzählt von ihren Erlebnissen vor Ort.
Alltag im Ausnahmezustand
Seit Beginn des Krieges ist der Alltag ihrer Familie eingeschränkt. Die Schulen ihrer beiden Kinder haben auf Online-Unterricht umgestellt. In Gesprächen mit ihren Kindern gehe es viel um Sicherheit. Wichtig sei ihr, ehrlich zu bleiben. "Es besteht ein Restrisiko", sagt die zweifache Mutter. Kindern zu versprechen, es könne nichts passieren, halte sie für falsch. Wenn doch etwas geschehe, verliere man Vertrauen.
Denn immer wieder werden sie von Raketenalarm unterbrochen. "Man kriegt jedes Mal Herzklopfen, wenn der Alarm startet", sagt Khano. Der Adrenalinspiegel sei dauerhaft erhöht und auch der Schlaf fehle – obwohl es vergangene Nacht ruhig geblieben ist.
Eingeschränkte Zivilgesellschaft
Nicht essenzielle Arbeit ist ausgesetzt, hat das israelische "Home Front Command" angewiesen. Annika Khano lebt in West-Jerusalem und berät Partnerorganisationen von Misereor, dem weltweit größten katholischen Entwicklungshilfswerk. Für sie bedeutet das: Homeoffice.
"Wir sind bis auf kurze Einkäufe an unser Zuhause gebunden", so die zweifache Mutter. Unter dem Dach von Sabeel, einer von palästinensischen Christen im Heiligen Land gegründeten ökumenischen Bewegung, engagiert sich Khano im Projekt "Faithful Futures". Doch gerade in Projekten, in denen es um Begegnungsarbeit geht, sei das online einfach nicht dasselbe.
Einige von ihren Kolleginnen und Kollegen arbeiten im Westjordanland mit sogenannter 'Protective Presence' – wörtlich bedeutet das 'schützende Anwesenheit'. Sie begleiten Menschen in gefährdeten Situationen. "Wir mussten absagen, weil wir für die Sicherheit der eigenen Projektpartner verantwortlich sind und gerade im Westjordanland gibt es keine Schutzräume", so die 47-Jährige.
Alte Konflikte bleiben bestehen
Sie berichtet davon, dass am Montag zwei Palästinenser von Siedlern erschossen wurden. "Nun herrscht große Angst, dass die Siedlergewalt weiter eskaliert, weil unsere Partner aus Sicherheitsgründen die Arbeit gerade nicht mehr machen können", sagt Khano, die seit 2001 in Israel lebt. So entstünden auch Schuldgefühle, wenn man das nicht mehr machen kann, was man eigentlich machen möchte.
Hinzu kommt die Sorge, dass zivilgesellschaftliche Themen und der interreligiöse Dialog in der aktuellen Eskalation untergehen, da alle auf den Krieg mit dem Iran schauen. "Dadurch ist ein bisschen die Sorge da, dass wir zu einem Nebenschauplatz werden", betont sie.
Arbeit unter Druck
Entsprechend angespannt sei die Stimmung. In der Nacht von Sonntag auf Montag ist eine Rakete unweit vom Büro eingeschlagen, wo auch Kollegen von ihr wohnen. Das erste, was sie gemacht hat, ist, alle anzurufen und zu fragen, wie es ihnen geht. "Da ist auch natürlich viel Angst dabei und das Gefühl, dass das so nahe kommt", so Khano.
Schon vor der aktuellen Eskalation stünden Nichtregierungsorganisationen in Israel unter Druck. Eine Partnerorganisation im Gazastreifen, die Menschenrechtsverletzungen dokumentiert – auch durch die Hamas – sei von US-Sanktionen betroffen. Konten seien gesperrt, Mitarbeitende entlassen worden. "Die haben kein Geld mehr", sagt Khano. Einige würden dennoch unentgeltlich weiterarbeiten.
Alternative zur Gewalt
Christliche Initiativen könnten gerade jetzt eine wichtige Rolle spielen. Für die Kirche sei es die Aufgabe, eine Alternative darzustellen. "Es geht darum, sich jetzt nicht auf rein spirituelle Angebote zurückzuziehen, sondern zu zeigen, dass wir weiter da sind und den Menschen vor Ort zu helfen", erklärt die 47-Jährige.
Das sei der erste Schritt, denn im Moment sehe es so aus, als gäbe es keine Alternative zu Gewalt, so Khano. Völkerrecht trete in den Hintergrund und diesen Narrativen gelte es, etwas entgegenzusetzen. Denn irgendwann, davon zeigt sich Annika Khano überzeugt, werde auch dieser Krieg vorbei sein. "Wann, weiß niemand", erzählt Khano und fügt hinzu: "Wenn aber der Waffenstillstand kommt, dann können wir sagen, wir waren präsent."