Misereor-Referentin zieht gemischtes Fazit zum UN-Klimagipfel

"Man kann mit zwei Brillen drauf schauen"

Am Ergebnis des UN-Klimagipfels in Glasgow gibt es vor allem Kritik, dass die beschlossenen Ziele nicht ausreichen, um die Erderwärmung ausreichend zu begrenzen. Annika Schroeder sieht jedoch auch Erfolge und einen diplomatischen Durchbruch.

Verheerende Überschwemmungen nehmen weltweit zu / © narongpon chaibot (shutterstock)
Verheerende Überschwemmungen nehmen weltweit zu / © narongpon chaibot ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Am Samstagabend wurde nach leidenschaftlichen Diskussionen der Klimapakt von Glasgow gebilligt. Sie reagieren verhalten. Warum?

Annika Schroeder (Klimareferentin bei Misereor): Man kann ja mit zwei Perspektiven oder zwei Brillen auf die Klimakonferenz schauen. Das eine ist das, was tatsächlich notwendig wäre, um die Klimakrise soweit zu begrenzen, dass wirklich alle Menschen auf dieser Erde weiterhin Chancen hätten, würdevoll zu leben, aus der Armut herauszukommen und diese Armutsfalle zu verlassen.

Und die andere Perspektive liegt darin, was denn eigentlich im Konsens von über 200 Staaten weltweit möglich ist. In dieser Gruppe sind ja auch OPEC-Staaten, also die Staaten, die sehr viel Erdöl oder andere fossile Rohstoffe haben, vertreten.

Zur letztgenannten Frage gibt es einige politische Durchbrüche. Aber natürlich reicht das nicht, um wirklich einen Schutzschirm für die Ärmsten der Armen vor der Klimakrise aufzuspannen.

DOMRADIO.DE: Experten sagen: "Es ist fünf nach zwölf". Die Staatengemeinschaft betont die Dringlichkeit und Notwendigkeit, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Dann kämpft Alok Sharma, der Präsident der UN-Klimakonferenz, mit den Tränen und entschuldigt sich im Plenum für die Aufweichung der Formulierung zur Abkehr von der Kohle. Was ist geschehen?

Schroeder: Zwischendurch gab es ja einen kleinen Höhenflug. Sehr, sehr viel schien möglich. Das erste Mal hätten tatsächlich das Wort "Kohle" und das Ende der Subventionen für fossile Rohstoffe wortwörtlich im Text gestanden. Das wäre politisch ein sehr, sehr großer Durchbruch gewesen.

Denn man mag es kaum glauben, im Pariser Klimaabkommen sind diese Wörter gar nicht vorgekommen, sondern dort ging es nur abstrakt um die Reduzierung von Treibhausgasemissionen. Als es dann zu einer Aufweichung kam, ist es natürlich erst einmal sehr traurig gewesen, zumal er selbst als Präsident dieses Prozesses von den am meisten verwundbaren Ländern, vor allem aus dem Pazifikraum, sehr viel Wut entgegengeschleudert bekommen hat.

Gleichwohl steht immer noch drin: Wir starten mit dem Glasgow-Abkommen den Ausstieg aus der Kohle. Politisch ist das ein großer Durchbruch, den man mit ein bisschen Abstand - auch ich persönlich - höher werten kann als am selbigen Tag.

DOMRADIO.DE: Greta Thunberg sagt, alles sei nur "Blabla". Hat sie in Ihren Augen Recht?

Schroeder: Wie gesagt, man kann mit zwei Brillen drauf schauen. Viele haben es wirklich sehr, sehr ernst gemeint vor Ort. Das sind einige Industriestaaten. Das sind aber vor allem Schwellen- und Entwicklungsländer. Für die ist das alles weniger als "Blabla". Sie verhandeln ja nicht nur darum, wie viel Klimaschutz geschieht.

Das ist in der Tat auch ohne die internationale Klimakonferenz theoretisch möglich. Jeder kann, ja jeder darf so viel möglich machen, wie es geht. Aber gerade für die Unterstützung der Ärmsten der Armen ist diese Klimakonferenz alternativlos. Denn dort wird ja auch verhandelt, wie viel Geld Industrie-Nationen auf den Tisch legen müssen, um die Schäden der Klimakrise, die sie größtenteils verursacht haben, wieder auszugleichen.

Zum einen für die Anpassung an den Klimaschutz, also für die Frage, ob Deiche gebaut werden oder ob es andere Formen des Anbaus braucht, um im neuen Klima auch Nahrungsmittel zu produzieren, aber auch für den Umgang mit Schäden und Verlusten. Denn wir wissen schon, der Meeresspiegel wird auch in den besten Szenarien so weit ansteigen, dass viel Land verloren gehen wird.

Und sind diese Staaten dann damit alleingelassen, ihrer Bevölkerung neuen Lebensraum zu schaffen oder müssen wir da nicht bei helfen?

DOMRADIO.DE: Können wir in Deutschland als einzelnes Land etwas tun?

Schroeder: Ja, das können wir. Deutschland verursacht im Moment etwa zwei Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen, weshalb ich immer wieder in Gesprächen mit der Bevölkerung, aber auch mit der Politik höre, dass wir doch nur ein kleiner Fliegenschiss in der Klimakrise seien.

Aber ganz, ganz entscheidend ist, dass wir auf Platz 6 der Verursacherstaaten sind, wenn wir uns ansehen, was wir in den letzten Jahrzehnten in die Atmosphäre, in die Luft geblasen haben. Das heißt, wir tragen sechs Prozent zu den Schäden durch die Klimakrise bei, die wir heute erleben.

Und das bringt sehr, sehr viel Verantwortung mit zur Lösung der Klimakrise, dass wir den Wohlstand, den wir dabei erzielt haben, jetzt zur Lösung einsetzen, aber auch, dass wir als wohlhabendes Land die Klimakrise angehen und Klimaschutz umsetzen, ganz schnell treibhausgasneutral werden und zeigen, dass es geht.

DOMRADIO.DE: Was ist denn in Glasgow an richtig Gutem für Sie herausgekommen?

Schroeder: Entwicklungsländer haben sehr, sehr, sehr lange dafür gekämpft, dass auch anerkannt wird, dass egal wie viel Anpassung sie machen und wie der Klimaschutz jetzt am Ende gelingt, sie viele, viele Schäden zu verarbeiten haben durch Wirbelstürme, durch den steigenden Meeresspiegel, den ich angesprochen habe, durch den Verlust an Nahrungsmittelproduktion.

Und sie haben eingefordert, dass Staaten, die den Klimawandel verursacht haben, dafür Verantwortung übernehmen und auch Geld dafür auf den Tisch legen. Das war bisher ein absolutes No-Go in diesem diplomatischen Prozess, weil die Industrieländer, auch die EU, aber vor allem die USA immer wieder gesagt haben, dass uns das juristisch zu heikel ist. Am Ende kommen die Klagen und diese Trillionen möchten wir nicht aufwenden.

Jetzt haben aber zwei Staaten gesagt, dass sie keine Angst davor haben und Geld dafür auf den Tisch legen. Sie anerkennen, dass sie dafür Verantwortung übernehmen müssen und haben Geld für den Umgang mit Schäden und Verlusten auf den Tisch gelegt. Das war diplomatisch ein Durchbruch, fast auch ein Tabubruch im Kanon der Industrienationen.

Und das wurde von Entwicklungsländern, insbesondere von den am meisten verwundbaren und von der Zivilgesellschaft gefeiert.

DOMRADIO.DE: Welche zwei Staaten waren das?

Schroeder: Das war zum einen Schottland. In Schottland hat ja der Klimagipfel stattgefunden und später hat sich das belgische Wallonien angeschlossen.

DOMRADIO.DE: Der nächste Gipfel, die COP 27, findet im November 2022 in Ägypten statt. Fahren Sie hin?

Schroeder: Wahrscheinlich sind wir auch wieder vor Ort, insbesondere weil es ja eine afrikanische COP ist und wir dort mit vielen afrikanischen Partnern vor Ort sein können. Diese Klimaverhandlungen sind neben dem Einfluss auf den Verhandlungsprozess auch immer ein sehr guter Moment, um mit Partnerinnen und Partnern ins Gespräch zu kommen, ihnen Zugang zu diesen Verhandlungen zu verschaffen, aber auch Kontakte zu verschaffen, damit sie dann später im Nachhinein aufbauend auf diesen Kontakten in ihren Ländern politische Lobbyarbeit machen können; zum Klimaschutz oder natürlich auch zur nötigen Anpassung.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

Quelle:
DR
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