Kölner Studierende bezahlen ihre WG mit sozialer Arbeit

Vertrauen statt Verträge

Teurer und zu wenig Wohnraum - gerade für Studierende in Großstädten ist der Wohnungsmarkt eine Herausforderung. Wie wäre es mit Sozialstunden statt Geld für die Miete?

Studierende mit Pfarrer Franz Meurer (3.v.r.) und Sozialpädagoge Andreas Hildebrand (4.v.r.) in einem Kleiderlager / © Annika Schmitz (KNA)
Studierende mit Pfarrer Franz Meurer (3.v.r.) und Sozialpädagoge Andreas Hildebrand (4.v.r.) in einem Kleiderlager / © Annika Schmitz ( KNA )

Einen Mietvertrag hat hier niemand. Die elf Studentinnen und Studenten, die im Kölner Osten in Zweier- und einer Dreier-Wohngemeinschaft leben, berufen sich stattdessen auf eine mündliche Absprache. Die lautet: Wer in eine der Wohnungen im Stadtteil Höhenberg einzieht, zahlt keine Miete. Stattdessen engagieren sie sich mit Sozialstunden, im Schnitt sechs in der Woche.

Das Viertel ist in der Region bekannt: hohe Arbeitslosenquote, sozialer Brennpunkt. Aber wo Schatten ist, da ist bekanntlich auch Licht. Und davon hat man hier in Höhenberg und dem benachbarten Vingst – zusammen kurz "HöVi" – viel. Quelle ist das ehrenamtliche Engagement, das die Orte zusammenhält. Ins Rollen gebracht haben dies vor Jahrzehnten die katholische und evangelische Kirche. Mitwirken tun alle – Kirchen, Stadt und die Bewohner. Die gemeinnützige Stiftung "Pro Hövi", mitgegründet von Sozialpfarrer Franz Meurer, will das solidarische Zusammenleben fördern.

Einfach mal ausprobieren

Das Wohnprojekt begann vor acht Jahren. Damals übernahm die Stiftung ihre erste Wohnung in der Nähe der katholischen Kirche Sankt Theodor. Mit ihr wurde die Idee geboren, jungen Menschen Wohnraum gegen ehrenamtliches Engagement zur Verfügung zu stellen. Die Devise "einfach mal ausprobieren" ging auf.

Mittlerweile gehören der Stiftung dank einiger Großspender und Nachlässe 23 Wohnungen; die meisten von ihnen sind für kleines Geld an einkommensschwache Familien vermietet. In einer hat eine christliche Wohngemeinschaft Unterkunft gefunden – fünf weitere werden von Studierenden bewohnt.

Ökumenisch einfacher und billiger

Umsonst sei die Wohnung jedoch nicht, befindet einer von ihnen: "Wir zahlen mit unserem Engagement." Wie genau das aussieht, das sprechen die jungen Frauen und Männer zu Beginn eines jeden Semesters mit dem Sozialpädagogen Andreas Hildebrand und der Sozialpädagogin Petra Kempe ab, die das Wohnprojekt leiten. Die Einsatzgebiete reichen von Nachhilfeunterricht über musikalische Angebote und Freizeitgestaltung für Kinder bis hin zu Kunstprojekten und der Integration von Geflüchteten.

Einige davon sind an die Kirchen angegliedert – "selbstverständlich ökumenisch", wirft Pfarrer Meurer ein, "ist einfacher und billiger". Aber auch öffentliche Einrichtungen oder karitative Verbänden profitieren. Die Studierenden sind katholisch, evangelisch, muslimisch, atheistisch. Mit der Institution Kirche haben sie wenig am Hut. Mit gelebter Nächstenliebe dafür umso mehr. "Das hier ist handfest und kein Lippenbekenntnis. Und das ist ein schöner Anblick für die Kirche", findet Meurer.

Aus der Ukraine geflohen

Bedürftige erhalten Kirchensteuereinnahmen der Energiepreispauschale

Die katholische und die evangelische Kirche wollen Mehreinnahmen aus Kirchensteuern durch die Energiepreispauschale Bedürftigen zugute kommen lassen. Eine entsprechende Empfehlung haben die Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) nach eigenen Angaben vom Mittwoch an die Bistümer und Landeskirchen gegeben. Die Mittel sollen über lokale soziale Projekte oder Initiativen den Menschen zugutekommen, die von der Energiepreiskrise besonders betroffen sind.

Symbolbild Geld/Belohnung / © Fabrizio Annovi (shutterstock)
Symbolbild Geld/Belohnung / © Fabrizio Annovi ( shutterstock )

Da ist Sara, 21, die bald Soziale Arbeit studieren wird. Zwischenzeitlich war sie wohnungslos, dann zog sie mit ihrer Schwester in eine der Wohnungen ein. Sechs Stunden in der Woche hilft sie Mädchen und Jungen bei den Hausaufgaben, leitet Spiele an, unterstützt eine Kunstreihe. Wer nicht "aus den besten Umständen" kommt, kriegt mit dem Wohnprojekt eine Chance, sagt sie. "Das ist eine super Gelegenheit für Leute, die was aus ihrem Leben machen wollen."

Da sind Anastasia und Karina, beide Anfang 20. Sie sind vor einem halben Jahr aus der Ukraine geflohen. Die anderen Studierenden haben sich dafür eingesetzt, dass die beiden Frauen eine der Wohnungen bekommen. Während sie auf ihre Zulassung für die Uni warten, geben sie Integrationskurse und helfen ukrainischen Kindern beim Deutschlernen.

Sozialstunden auf Vertrauensbasis

Die Sozialstunden laufen auf Vertrauensbasis. Hildebrand steht abends nicht kontrollierend mit einer Liste vor der Tür. In den vergangenen Jahren gab es offenbar keine Probleme, die Studierenden bürgen sogar füreinander: Fällt einer mal aus, springt ein anderer ein. Viele Kommilitonen an der Uni seien neidisch auf das Projekt, resümiert Sonderpädagogik-Student Ben: "Die meisten würden lieber sowas machen als nebenbei in einer Bar arbeiten."

Und auch Pfarrer Meurer findet das Konzept "'ne sehr, sehr faire Sache". Er verfolgt damit aber nicht nur ein stärkeres Miteinander im Stadtteil. Höhenberg und Vingst haben zu wenig klassisch bürgerliche Menschen, sagt er. "Man kann ein Viertel nicht nur mit Menschen aufbauen, die Unterkante Oberlippe leben." So sind denn auch die Studierenden Teil einer größeren Zukunftshoffnung.

Autor/in:
Annika Schmitz
Quelle:
KNA