DOMRADIO.DE: Handelt es sich bei den sinkenden Mitgliedszahlen in erster Linie um Sterbefälle oder treten die Menschen aktiv aus der katholischen Kirche aus?
Guido Assmann (Dompropst und Generalvikar des Erzbistums Köln): Die Zahlen sind zunächst mal nicht besonders überraschend, denn sie unterstreichen die bisherigen Prognosen. Zunächst freut es mich, dass die Zahl der Kirchenaustritte geringer ist als im Vorjahr. Es sind weniger Menschen aktiv aus der Kirche ausgetreten.
Trotzdem ist jeder Einzelne, der weggeht, einer zu viel. Das tut uns natürlich weh, denn Christus hat uns gesandt, um Zeugnis von seiner wunderbaren Botschaft abzulegen, die den Menschen zeigt, dass sie nicht allein sind, sondern von Gott geliebt sind.
DOMRADIO.DE: Wie interpretieren Sie die Zahlen? Bleibt es eine kontinuierliche Entwicklung oder deuten sich möglicherweise Veränderungen und Trendwenden an?
Assmann: Eigentlich beides. Es ist nicht überraschend, dass wir weniger Kinder taufen und weniger Menschen in der Kirche bei der Trauung ihr Ja-Wort sprechen. Außerdem nimmt auch die Zahl der kirchlichen Bestattungen ab.
Auf der anderen Seite steigt die Zahl derjenigen, die zum Gottesdienst kommen. Die Zahl der Erwachsenentaufen steigt, genau wie die Zahl derer, die sich firmen lassen oder die zur Erstkommunion gehen. Es scheint beide Trends zu geben. Ich deute es so, dass Menschen durchaus auf der Suche nach einem Sinn im Leben sind.
Das versuchen wir im Erzbistum Köln aufzugreifen. Wir haben die Vision einer wachsenden Kirche entwickelt. Wachsen bedeutet für uns, dass die Freundschaft mit Jesus wächst. Wenn das Menschen anspricht, ist das ein wunderbares Zeichen.
DOMRADIO.DE: Lassen Sie uns mal auf diese Zahlen schauen. Die Zahl der Gottesdienstbesucher ist, wie Sie es gerade gesagt haben, um fast 4.000 gestiegen. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Assmann: Die Menschen sind auf der Suche nach Sinn in ihrem Leben und kommen dann mit Christen in Berührung, die vom lebendigen Glauben erzählen. Der Gottesdienst oder die Heilige Messe zeigt den Menschen, dass sie hier Antworten auf die Sinnfragen des Lebens finden können und eine Gemeinschaft haben, die einander stärkt.
Wir hatten vor wenigen Tagen die Konferenz der Pfarrer im Erzbistum Köln. Mehrere Pfarrer haben dabei davon berichtet, dass junge Menschen zwischen 15 und 18 nach der Taufe fragen, weil sie merken, dass sie nicht in einer Gesellschaft leben wollen, in der alles nur Profit ist. Die Sinnsuche und die Sehnsucht nach einer Gemeinschaft, die diesen Sinn mitträgt, sind gute Erfahrungen.
DOMRADIO.DE: Gibt es spezielle Angebote, mit denen Sie auf junge Erwachsene oder Menschen zugehen, die sich taufen lassen möchten?
Assmann: Wir fördern das wirklich sehr gerne und stehen für Menschen, die auf der Suche sind, mit Angeboten und Gesprächen zur Verfügung. Die sogenannten Fides-Stellen sind Stellen in unserem Erzbistum, wo Suchende, vor allem Erwachsene, Gesprächspartner finden. Im Moment versuchen wir, diese Stellen stärker ins Bewusstsein zu rufen.
Das übergeordnete Ziel ist natürlich, dass wir diese Menschen mit offenem Blick willkommen heißen und Räume zum Fragenstellen bieten. Das ist das beste Zeugnis. Frei nach dem Motto: "Komm und schau dir unsere Gemeinschaft an. Wir begleiten dich."
Die Erwachsenentaufe ist nicht bloß die Anmeldung zur Taufe, sondern ein Weg, um diesen Glauben kennenzulernen. Das geht am besten, indem man Menschen kennenlernt, die diesen Glauben leben. In den Erzbischöflichen Schulen machen wir immer mehr Angebote, um junge Menschen mit Gottesdienst, Glauben und Sinnfragen in Berührung zu bringen.
Zuletzt erzählte ein Pfarrer von Jugendlichen im Teenageralter, die zum Gottesdienst kommen, und von deren Eltern, die das gar nicht verstehen. Sie hatten über die Schule einen Priester kennengelernt, der sie einlud. Mittlerweile bringt der eine Schüler sogar die Eltern mit in die Kirche. Das sind zwar nicht die großen Zahlen, aber hinter jeder einzelnen Zahl stecken wichtige Menschen.
DOMRADIO.DE: In Frankreich war nach Ostern 2025 mit über 17.000 Erwachsenentaufen die Rede von einem Taufboom. Ist das beispielhaft für eine länderunabhängige Entwicklung, dass sich Menschen wieder vermehrt auf eine Sinnsuche und eine Suche nach Glauben und Spiritualität machen?
Assmann: Es ist eine Gefahr, Statistiken nach Gutdünken zu deuten, aber dass in Frankreich, den skandinavischen Ländern und weiteren Ländern in Europa immer mehr Menschen auf Sinnsuche sind, ist nicht zu leugnen. Das scheint eine Erfahrung zu sein, die nicht nur vereinzelt auftaucht.
Ich möchte nicht so weit gehen, darin den großen Umbruch zu sehen. Trotzdem haben wir im Erzbistum Köln eine Aufbruchsvision mit evangelisierenden Projekten und einem Glaubensfest. Wir laden viele junge Leute ein, mitzumachen und sich zu engagieren und damit wiederum andere junge Leute mitzuziehen. Das ist wunderbar zu sehen.
Es ist wichtig, die Menschen direkt anzusprechen und für die eigene Überzeugung einzustehen. Wenn junge Menschen gefragt werden: "Wo gehörst du denn zu? Was ist dein Standpunkt im Leben?" Dann möchten sie eine Antwort geben können. Es ist unsere Verpflichtung, diesen jungen Menschen zu helfen, dass sie Antworten geben können, die sie selbst überzeugen und die damit dann auch andere überzeugen.
Dafür setzen wir uns im Erzbistum Köln ein, indem wir nicht nur an den Schulen, sondern auch in der Jugendarbeit Menschen zusammenbringen. Wir ermutigen die Pfarreien, nach dem Gottesdienst nicht direkt auseinanderzulaufen, sondern zusammenzubleiben, ins Gespräch zu kommen und ansprechbar zu sein. Es geht darum, den Glauben nicht nur als persönliche Entscheidung zu leben, sondern als persönliche Entscheidung in die Gemeinschaft zu tragen und in der Gemeinschaft zu leben. Das macht uns als Kirche aus.
Das Interview führte Ina Rottscheidt.