Theologin Wiemer wünscht sich gute Angebote für Taufinteressierte

"Es ist eine Trendwende"

In mehreren Ländern Europas schnellen die Zahlen der Erwachsenentaufen in die Höhe. Auch im Erzbistum Köln sieht Tabea Wiemer eine ähnliche Entwicklung. Die Leiterin der FIDES-Glaubensinformation spricht sogar von einer "Trendwende".

Autor/in:
Jan Hendrik Stens
 Erwachsenentaufe
 / © Corinne Simon (KNA)
Erwachsenentaufe / © Corinne Simon ( KNA )

DOMRADIO.DE: Religionssoziologisch gehen die Meinungen eher auseinander: Einige meinen, jeder Mensch habe eine religiöse Antenne – man müsse nur die richtige Frequenz finden. Andere sagen, es gäbe immer mehr Menschen, die auch ohne Gott ganz gut leben und glücklich werden können. Auf welcher Seite stehen Sie?

Tabea Wiemer (Fachbereichsleiterin Evangelisierung im Erzbischöflichen Generalvikariat Köln): Ich glaube, dass man auch ohne Gott und Religion grundsätzlich ein gutes Leben führen, erfüllte Freundschaften haben, und eine gute Zeit verbringen kann. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass wir, wenn wir daran glauben – und das tun wir –, dass wir Gottes Ebenbilder sind, dass wir von Gott geschaffen sind für die Beziehung mit ihm und natürlich auch untereinander, dann glaube ich, haben wir im Letzten schon eine Sehnsucht, und dann bleibt immer etwas unerfüllt, wenn wir Gott noch nicht kennen.

Ich bin davon überzeugt, dass ein Leben mit Gott immer besser ist als ein Leben ohne Gott. Meine Erfahrung ist, dass ein Leben als gläubiger Christ sehr erfüllend ist. Daher ist es mein Wunsch, dass wir allen Menschen diese Tür öffnen oder diese Möglichkeit bieten. Deswegen bin ich der Meinung, dass man auf der einen Seite, bis zu einem gewissen Grad, sehr wohl ein erfülltes Leben auch ohne Gott führen kann und dass zugleich im Letzten trotzdem immer auch irgendetwas fehlen wird und wir die wahre Schönheit unseres Seins erst unter dem liebevollen Blick Gottes erkennen können. 

Tabea Wiemer leitet den Fachbereich Evangelisierung im Generalvikariat Köln und die FIDES-Glaubensinformation der Domstadt. / © FIDES-Glaubensinformation (DR)
Tabea Wiemer leitet den Fachbereich Evangelisierung im Generalvikariat Köln und die FIDES-Glaubensinformation der Domstadt. / © FIDES-Glaubensinformation ( DR )

DOMRADIO.DE: Woran erkennt man heutzutage einen religiösen Menschen?

Wiemer: Während meines Studiums in Passau hatte ich die Möglichkeit, Missionare kennenzulernen. Damals hat mich fasziniert, dass die sehr offen über ihren Glauben gesprochen haben. Zum Beispiel haben sie besonders die Heiligen verehrt. Das fand ich erstmal befremdlich und doch faszinierend. Wenn wir verabredet waren, haben sie einfach gefragt, ob wir vorher zusammen zur Heiligen Messe gehen wollen. Regelmäßig habe ich sie in Cafés gesehen, wo sie saßen und die Bibel lasen. Das hat mich beeindruckt.

Wenn jemand wirklich ein Leben aus dem Glauben führt, dann ist das offensichtlich. Mir wurde einmal von einem Bekannten, der nicht gläubig ist, zugesprochen, dass ich zwar oberflächlich Sorgen habe, wie alle anderen, aber dass er bei mir beobachtet hätte, dass ich eine tiefere Hoffnung habe, also dass ich im Letzten eine gewisse Zuversicht ausstrahle. Das war, fand ich, eine rührende Beobachtung. 

DOMRADIO.DE: Also fast schon eine Art der Gelassenheit?

Wiemer: Genau, weil im Letzten der Christ weiß, dass alles in Gottes Hand liegt.

Tabea Wiemer

"Wir sehen – und das zeigen auch die Statistiken – eine große Aufgeschlossenheit bei jungen Menschen für das Transzendente."

DOMRADIO.DE: Sie kommen aus dem Fachbereich Evangelisierung des Erzbischöflichen Generalvikariats hier in Köln. Für manche Stammkatholiken ist dieser Begriff "Evangelisierung" fast schon ein Reizwort geworden. Wie sind Ihre Erfahrungen, wie Menschen mit wenigen Kontakten zur Religion darauf reagieren?

Wiemer: Tatsächlich erstaunlich gut. Ich habe den Eindruck, dass Menschen, die wenig Kontakt zur Kirche haben, besser darauf reagieren als Menschen, die schon sehr kirchlich sozialisiert sind. Das ist ja auch spannend bei dem, was wir zurzeit unter anderem in den USA und Frankreich beobachten. Wir sehen – und das zeigen auch die Statistiken – eine große Aufgeschlossenheit bei jungen Menschen für das Transzendente. 

DOMRADIO.DE: Die Glaubensinformation FIDES richtet sich an Suchende, aber auch an Menschen, die Fragen an die Kirche haben und mit Kritik kommen. Welchen Bereich wollen Sie weiter ausbauen?

Wiemer: Unser Kardinal wünscht sich eine stärkere, missionarischere Ausrichtung. Wir sind dankbar, dass wir diesen Auftrag von unserem Kardinal erhalten haben, und bemühen uns, besonders auch jene anzusprechen, die sich womöglich noch gar nicht die Frage stellen, ob sie sich taufen lassen wollen oder nicht. Für alle, die wir als Kirche nicht mehr oder noch nicht erreichen. Vielleicht auch, weil sie in der Vergangenheit eine enttäuschende Erfahrung gemacht haben.  

Das Team der FIDES-Glaubensinformation Köln: Josefin Weglage, Tabea Wiemer, Anne Wixforth, Lena Vignold (von links nach rechts). / © FIDES-Glaubensinformation (DR)
Das Team der FIDES-Glaubensinformation Köln: Josefin Weglage, Tabea Wiemer, Anne Wixforth, Lena Vignold (von links nach rechts). / © FIDES-Glaubensinformation ( DR )

DOMRADIO.DE: Was bringen Sie persönlich biografisch und auch von Ihrer Ausbildung her für diesen Job mit? Wo sehen Sie Ihre Stärken, was Sie davon einbringen können, was Sie in den letzten Jahren und Jahrzehnten erlebt, gelernt und erfahren haben?

Wiemer: Was ich gerne einbringen würde, ist, dass wir eine sehr gute User-Journey bei der FIDES haben. Das bringe ich eigentlich mehr als Mensch als solcher mit. Ich schätze es sehr, wenn ich sowohl privat als auch beruflich gut abgeholt und gut begleitet werde und wenn Dinge einfach und unkompliziert ablaufen. Mein Ziel für die FIDES ist es, dass wir ein modernes und ansprechendes System haben, wo Leute unkompliziert wieder oder erstmals mit der Kirche in Kontakt treten. 

DOMRADIO.DE: Sie werden das nicht alleine machen. Wer steht Ihnen denn da alles noch zur Seite?

Wiemer: In meinem Fachbereich habe ich großartige Referentinnen und Referenten. Frau Vignold und Frau Weglage führen zurzeit die Gespräche. Beide sind hervorragende Theologinnen, die diese Aufgabe mit viel Leidenschaft erfüllen. 

DOMRADIO.DE: Wenn jemand mit Interesse kommt, steht das Taufkännchen dann schon auf dem Tisch oder wie läuft das ab?

Wiemer: (lacht) Zunächst wird ein Gesprächstermin vereinbart. Ich träume ja davon, dass wir zukünftig ein Online-Buchungstool haben, ein bisschen wie bei Doctolib. Wenn also jemand, der nachts um drei beim Zocken auf die Idee kommt, sich taufen zu lassen, dann kann der sich direkt einen Termin bei der FIDES buchen. So gibt es dann keine größeren Hürden mehr, mit uns ins Gespräch zu kommen. 

DOMRADIO.DE: Und Sie unterscheiden dann nicht wie bei Doctolib zwischen privat und gesetzlich versichert.

Wiemer: Nein, das nicht. (lacht) Aber trotzdem versuchen wir, auf jeden ganz individuell einzugehen, mit seinen individuellen Bedürfnissen und mit dem, was er mitbringt an Vorwissen oder auch noch nicht.

Tabea Wiemer

"Ich erlebe schon in meinem persönlichen Umfeld, gerade bei Priestern, mit denen ich ins Gespräch komme, dass in Deutschland der Zuwachs auch enorm steigt."

DOMRADIO.DE: Jetzt am ersten Fastensonntag wird traditionell die Zulassung zur Taufe begangen. In den letzten Monaten ist sehr viel über Erwachsenentaufen debattiert worden. In Frankreich scheinen diese regelrecht zu boomen, auch in anderen Ländern. In Deutschland merkt man davon nicht so viel. Wie ist da Ihre Erfahrung?

Wiemer: Ich erlebe schon in meinem persönlichen Umfeld, gerade bei Priestern, mit denen ich ins Gespräch komme, dass in Deutschland der Zuwachs auch enorm steigt. Unser Taufkurs hat sich z.B. innerhalb der letzten Wochen von der Teilnehmerzahl während des laufenden Kurses verdreifacht. Und das im laufenden Kurs. Auch bei Priestern, mit denen ich in Kontakt bin, bekomme ich immer wieder mit, dass dort Leute "aus dem Nichts" E-Mails schreiben oder anrufen, da sie sich taufen lassen wollen.

Dieses weltweite Phänomen kommt auch immer mehr in Deutschland an, auch wenn es noch nicht so sichtbar ist. Aber deswegen heißt es ja wahrscheinlich auch Quiet Revival, weil es eben nicht so sichtbar ist und weil es keine Frucht unserer pastoralen Arbeit der letzten Jahrzehnte ist, sondern dass die Leute einfach "aus dem Nichts" zu uns kommen.

Erwachsenentaufe in der Osternacht im Kölner Dom / © Beatrice Tomasetti (DR)
Erwachsenentaufe in der Osternacht im Kölner Dom / © Beatrice Tomasetti ( DR )

DOMRADIO.DE: Was sind das für Leute, die "aus dem Nichts" kommen und sich für den christlichen Glauben interessieren?

Wiemer: Was ich mitbekomme, ist, dass es unter anderem Leute sind, die nicht religiös aufgewachsen sind, Leute, deren Eltern schon aus der Kirche ausgetreten waren, die jetzt nicht im Glauben groß geworden sind und die dann anfangen, sich Fragen zu stellen. Durch die Recherche, oft im Internet oder über Social Media, kommen sie dann für sich zu dem Entschluss, dass sie gerne katholisch werden möchten.

DOMRADIO.DE: Wird das weiter wachsen, weiter ansteigen? Was muss die Christenheit tun, um sich in Zukunft mehr darauf einzustellen?

Wiemer: Ich bin schon davon überzeugt, dass es eine Trendwende ist. Und ich glaube, dass das weiter signifikant ansteigen wird. Was wir in Köln tun werden: diese Sehnsucht der jungen Menschen ernst nehmen und darauf reagieren. Ob die Trendwende dann bleibt oder nicht, das werden wir sehen.

Aber wir wollen das jetzt ernst nehmen, dass da viele junge Menschen sind, die ein Interesse haben, und ihnen jetzt ein sehr gutes Angebot machen. Aus meiner Sicht ist es unsere Pflicht als Kirche, diese Leute ernst zu nehmen und dafür zu sorgen, dass unsere Türen offenstehen und dass wir ein gutes, qualitatives Begleitungsangebot für alle haben, die interessiert sind.

Das Interview führte Jan Hendrik Stens.

Taufe

Die Taufe ist das erste und grundlegende Sakrament. Durch die Taufe wird der Mensch in die Gemeinschaft der Kirche aufgenommen. Die Taufe begründet die besondere, unauflösbare Gemeinschaft des Getauften mit Christus.

Symbolbild: Taufe / © Ruslan Lytvyn (shutterstock)
Quelle:
DR

Die domradio- und Medienstiftung

Unterstützen Sie lebendigen katholischen Journalismus!

Mit Ihrer Spende können wir christlichen Werten eine Stimme geben, damit sie auch in einer säkulareren Gesellschaft gehört werden können. Neben journalistischen Projekten fördern wir Gottesdienstübertragungen und bauen über unsere Kanäle eine christliche Community auf. Unterstützen Sie DOMRADIO.DE und helfen Sie uns, hochwertigen und lebendigen katholischen Journalismus für alle zugänglich zu machen!

Hier geht es zur Stiftung!