Junge Menschen hinterfragen Erdogans Islamisierung der Türkei

"Das ist am Ende nur Symbolik"

Die Journalistin und Diplom-Juristin Marion Sendker lebt seit Jahren in Istanbul. Im Interview erzählt sie, wie Präsident Erdogan den Islam zum politischen Instrument macht. Für Christen im Land habe das nicht nur Nachteile.

Autor/in:
Verena Tröster
Alltag in Istanbul / © franz12 (shutterstock)

 

Himmelklar: Gibt es das Gefühl einer Verbundenheit im Glauben in der Türkei?

Marion Sendker (Journalistin, Korrespondentin in Istanbul): Man darf zwei Sachen nicht vergessen. Auf dem Gebiet der Türkei hat es seit Jahrhunderten viele verschiedene Religionen gegeben. Gerade zu Zeiten des Osmanischen Reiches lebten dort noch mehr Christen. Die Zeit davor, was wir heute Byzanz nennen, war durch und durch christlich. Verschiedene Konfessionen gab es da. Auch heute noch gibt es eine riesige jüdische Diaspora in Istanbul und in der Türkei.

Marion Sendker

"Man hat immer schon multireligiös und multiethnisch zusammengelebt." 

Man hat immer schon multireligiös und multiethnisch zusammengelebt. Daran ist man gewöhnt. In den ersten Jahren, in denen die Regierung Erdogan am Start war, haben viele Christen erzählt, dass die Politik ein Verständnis für Religion hat. Die unterstützen zwar nicht das Christentum an sich, aber sie sagen, sie glauben auch an einen Gott und verstehen, was Religion bedeutet. 

Das hat schon einen Unterschied gemacht. Das war zumindest vorher, unter den säkularen Regierungen, nicht so. Viele Christen und auch Priester haben gesagt, dass es ihnen strukturell ein bisschen besser geht seitdem Erdogan da ist. Das soll jedoch nicht heißen, dass sie deswegen große Erdogan-Anhänger sind.

Himmelklar: Erdogan ist ein strenger Muslim, oder er inszeniert sich auf jeden Fall als solcher. Wie ist das einzuordnen, dass damit Politik gemacht wird?

Marion Sendker

"Immer mehr Menschen wünschen, Religion wieder zur Privatsache machen zu können."

Sendker: Man merkt, dass es ein sehr einfaches Mittel ist, um Politik zu machen und Massen zu lenken. Man sieht aber mit den Jahren immer mehr, dass es nicht mehr so gut funktioniert. 

Auch die Leute, die jahrelang Anhänger waren und dem gefolgt sind, sagen mittlerweile, dass etwas nicht passt. Von der Regierung wird ständig gepredigt, dass man arm leben soll und dass man nicht klauen soll. Dann kommt zum hundertsten Mal eine Nachricht heraus, dass die Regierung selbst in Korruption und sonst etwas verwickelt ist. Das wird von der Regierung dementiert.

Das Volk hat immer weniger zu essen, es gibt seit Jahren eine steigende Inflation. Es wird immer härter für die Menschen. Auch Umfragen legen nahe, dass es eine Tendenz gibt, dass sich immer mehr Menschen wünschen, Religion wieder zur Privatsache machen zu können.

Himmelklar: Ich erinnere mich an das verheerende Erdbeben in der Türkei vor drei Jahren. Über 50.000 Menschen sind damals gestorben. Erdogan war dort und hat das Erdbeben mit Allah in Verbindung gebracht. Er hat sich also religiös geäußert. Das war so was wie – das war Allahs Wille – so extrem waren seine Worte nicht, aber das schwang so mit.

Zerstörte Häuser nach dem Erdbeben in der Türkei und Syrien / © Murat Kocabas (dpa)
Zerstörte Häuser nach dem Erdbeben in der Türkei und Syrien / © Murat Kocabas ( dpa )

Sendker: Genau. Das ist wirklich spannend. Ich habe in der Zeit danach in diesem Erdbebengebiet im Südosten Menschen getroffen, die alles verloren hatten und die trotzdem gelächelt haben. Sie haben gesagt, dass dieses Erdbeben von Allah kam. Einmal habe ich mich auch getraut nachzufragen: Liebt Allah euch so wenig, dass er euch dieses Erdbeben schickt und dass so viele Freunde und Familienangehörige gestorben sind? 

Es gab jedoch keine Antwort darauf. Das ist eine Erklärungsweise, die vor ein paar Monaten oder vor ein, zwei Jahren von der Religionsbehörde Diyanet benutzt wurde. Da gab es ein Schreiben, dass auch die steigenden Preise quasi von Allah kommen. 

Also alles, was irgendwie schlecht ist, kommt von Allah. Es gibt zumindest immer noch einen Teil in der Bevölkerung, der das dadurch annimmt, mit ihrem Gott ausmacht und deswegen nicht mehr auf Erdogan sauer ist. 

Marion Sendker

"Gerade junge Leute keine Lust mehr auf diesen Islam haben, eben weil er so stark gefördert worden ist."

Himmelklar: Aber es wird auch hinterfragt. Sind das die jungen Menschen, die das hinterfragen?

Sendker: Es sind schon zunehmend die jungen Menschen. Wir sehen in Umfragen, ich kenne es auch aus meinem persönlichen Umfeld, dass gerade junge Leute keine Lust mehr auf diesen Islam haben, eben weil er so stark gefördert worden ist. 

Das ist eine Frage von Actio – Reactio. Immer mehr islamische Werte wurden vom Staat und von der Regierung gefördert. Die säkularen Werte wurden immer mehr ausgehöhlt. Das hat man zumindest versucht. 

Gerade in der Jugend merkt man, dass die das ablehnen, dass sie Fragen stellen, dass sie googeln und auch in sozialen Medien nachgucken. Auf einmal merken sie, dass das, was immer erzählt worden ist, entweder so nicht im Koran steht oder nicht passt. Das kann irgendwie nicht sein, und dann wenden die sich immer mehr ab. 

Himmelklar: Wie religiös ist die Türkei? Wie viele Menschen sind Muslime und auch praktizierende Muslime?

Sendker: Statistisch gesehen sind es 99 Prozent, sagt der Staat, aber das kann nicht sein. Ein Beispiel: Wenn man in der Türkei geboren wird, dann wird man automatisch als Muslim eingetragen. Das heißt nicht, dass man einer ist. Wenn ich schätzen müsste, sind vielleicht 50-60 Prozent wirklich Muslime, 70 Prozent Maximum. 

Wer davon praktizierend ist, das ist nochmal eine andere Frage. Dann muss man noch gucken, was für einen Islam die Menschen praktizieren. Man spricht beispielsweise auch vom anatolischen Islam, ganz grob nach dem Motto: freitags mittags zum Gebet und freitagabends in die Meyhane zum Alkoholtrinken. So etwas gibt es ganz häufig. 

Es gibt auch sehr viele politische Sekten in der Türkei, die im Hintergrund eine riesengroße Rolle spielen. Die fangen die Menschen auf, versuchen, für sie da zu sein, aber sie versuchen auch, sie mit in ihre Netzwerke reinzuschleusen. Da gibt es auch große Unterschiede. 

Marion Sendker

"Es ist schon ein religiöses Land, aber man kann ganz schwer sagen, wie viele Muslime es sind."

Es gibt sehr viele Aleviten, auch da gibt es Unterschiede, und auch viele Orthodoxe, Juden und andere. Es ist schon ein religiöses Land, aber man kann ganz schwer sagen, wie viele Muslime es sind. Ich würde nicht unbedingt sagen, dass es ein rein muslimisches Land ist. Das ist es auf keinen Fall.

Erdogan besucht Hagia Sophia / © Turkish Presidency/AP (dpa)
Erdogan besucht Hagia Sophia / © Turkish Presidency/AP ( dpa )

Himmelklar: Auf der anderen Seite entstehen immer mehr Moscheen in Istanbul. Am aufsehenerregendsten war wahrscheinlich die Umfunktionierung der Hagia Sophia durch Erdogan. Ständig inszeniert er sich, wie er wieder eine riesige Moschee aufmacht. Sind das Statusobjekte oder was ist das?

Sendker: Gerade die Hagia Sophia war das Größte. Ich glaube, größer geht es nicht, was er da machen kann. Die Hagia Sophia war als Kirche gebaut, dann zur Moschee geworden, dann zum Museum geworden, und jetzt ist sie wieder in eine Moschee umfunktioniert worden.

Leute sind aus der ganzen Welt angereist, um Erdogan dafür zu feiern. Ich weiß noch, der damalige Diyanet-Chef ist mit einem Schwert in die Moschee gegangen. Das war so ein Siegessymbol. Das ist am Ende nur Symbolik und spiegelt nicht die Realitäten im Land wider, zumindest nicht die der gesamten Bevölkerung.

Das Interview führte Verena Tröster.

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Himmelklar (DR)
Himmelklar / ( DR )
Quelle:
DR

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