Internationaler Soldatengottesdienst im Dom sendet Friedensimpulse

"Immer und überall Friedensbringer sein"

Anlässlich des Weltfriedenstags, der diesmal unter dem Motto stand "Der Friede sei mit euch allen", hat Kardinal Woelki betont, dass der Friede Jesu mehr ist als nur die Abwesenheit von Krieg und bereits im eigenen Herzen beginnt.

Autor/in:
Beatrice Tomasetti
Pontifikalamt zum Weltfriedenstag / © Beatrice Tomasetti (DR)
Pontifikalamt zum Weltfriedenstag / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Ein knappes Dutzend Demonstranten sind es diesmal, die – wie in jedem Jahr – vor dem Domforum gegen den Internationalen Soldatengottesdienst protestieren, den traditionell das Katholische Militärdekanat Köln ausrichtet und den Erzbischof Kardinal Woelki im bis auf den letzten Platz besetzten Kölner Dom feiert. Verlässlich stehen vis-à-vis des Hauptportals immer Vertreter der Deutschen Friedensgesellschaft und der Vereinigten Kriegsdienstgegner. Höhnisch ziehen einzelne von ihnen mit weißen Flaggen über die Domplatte, während ihre Parolen und Transparente zynisch sind wie immer. Manche sind als Skelette verkleidet. Eines von ihnen trägt den Schriftzug: "Ich war kriegstüchtig." Auf einem aufgestellten Banner steht indes die Forderung: "Kein Militär im Dom. Soldatengottesdienst – nein!" Zugespitzt und besonders sarkastisch heißt es auf einem schwarzen Transparent mit weißem Totenkopf: "Der Tod dankt für die gesegnete Ernte." 

Obwohl sich ein kleiner Chor mit Lautsprecherverstärkung Gehör verschaffen will und eindringlich vor einem dritten Weltkrieg warnt, gehen die vielen Gottesdienstbesucher eher achtlos an der Gruppe vorbei. Vielleicht weil sie die üblichen Sprüche schon kennen, vielleicht aber auch weil sie gegenteiliger Auffassung sind und finden, dass diese Kundgebung am eigentlichen Anliegen dieses Gottesdienstes vorbeigeht. Denn in Kölns Kathedrale geht es an diesem eisigen Januarmorgen – der Wind pfeift kalt trotz strahlenden Sonnenscheins – nicht um einen Segen für die Waffen, wie die Protestler glauben machen wollen, sondern allein um ein Innehalten und das gemeinsame Gebet von Menschen, die sich zum Dienst an der Waffe bereit erklärt haben, um mit ihrem Leben ihr Land, die Freiheit ihres Landes und den Frieden – auch in anderen Teilen der Welt – zu schützen.

Generalleutnant Gerald Funke

"Dieser Gottesdienst zeigt, wie stark die Verbundenheit zwischen Kirche und Bundeswehr als wesentlichen Säulen des Staates und des Gemeinwesens ist."

Generalleutnant Gerald Funke, Befehlshaber des Unterstützungskommandos der Bundeswehr auf der Hardthöhe in Bonn, nimmt es mit Toleranz. "Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft, die eine Vielfalt an Meinungen zulässt. Da muss man auch einen solchen Protest aushalten." Im Übrigen verteidige die Bundeswehr ja gerade, dass eine ganze Gesellschaft in Freiheit leben könne – und von daher eben auch die freie Meinungsäußerung. Funke verantwortet den zweitgrößten Organisationsbereich der Bundeswehr mit 55.000 Soldatinnen und Soldaten und schätzt den alljährlichen Soldatengottesdienst in Köln sehr, wie er betont. "Die Teilnahme bedeutet mir viel, gleichzeitig will ich damit auch die Rolle der Kirche für unseren Dienst würdigen. Denn dieser Gottesdienst zeigt, wie stark die Verbundenheit zwischen Kirche und Bundeswehr als wesentlichen Säulen des Staates und des Gemeinwesens ist." Schließlich sei die Kirche für die Soldaten im Einsatz eine große Unterstützung. Seelsorgliche Begleitung werde von den Soldatinnen und Soldaten in hohem Maße wertgeschätzt, erklärt der 61-Jährige, der selbst schon Auslandseinsätze in Afghanistan absolviert hat. "Da waren die Kirchen und Kapellen immer voll."

Auch Daniel Draken, Brigadegeneral der Luftwaffe der Bundeswehr und Stabschef des Luftwaffentruppenkommandos sowie in Personalunion Standortältester in Köln, nimmt seit einigen Jahren am Soldatengottesdienst teil. "Ich bin überzeugter Christ, und das Christentum ist ein Standpfeiler unserer Kultur. Insofern ist es wichtig, gemeinsam für den Frieden zu arbeiten und zu beten", erklärt der Militärangehörige. An einem solchen Gottesdienst lasse sich das Bekenntnis der Kirche zu den Soldaten, die für die gesellschaftliche Grundordnung einträten, ablesen.

Generalarzt Bernhard Groß

"Die derzeitige Bedrohung des Friedens macht deutlich, wie wichtig unser Einsatz als Bundeswehr für Stabilität, Sicherheit und Frieden ist."

Für Dr. Bernhard Groß, Generalarzt der Luftwaffe und Leiter des Zentrums für Luft- und Raumfahrtmedizin in Köln, markiert diese kirchliche Veranstaltung zu Beginn des Jahres immer eine "Zäsur" und ist Gelegenheit, mit den Kameraden zusammen-, aber auch zur Ruhe zu kommen und "sich der Werte bewusst zu werden, für die wir stehen und die uns leiten, um aus dem Gottesdienst und dem christlichen Glauben Kraft zu ziehen". Der Friede sei wie lange nicht mehr auf beängstigende Weise gefährdet, räumt der Mediziner ein, der selbst schon beim KFOR-Einsatz der Bundeswehr im Kosovo, aber auch in Afghanistan und Mali mit dabei war und dort Verwundete versorgt hat. "Umso notwendiger ist es, heute und hier für den Frieden zu beten", meint er. "Die derzeitige Bedrohung des Friedens macht deutlich, wie wichtig unser Einsatz als Bundeswehr für Stabilität, Sicherheit und Frieden ist."

Soldaten ausländischer Streitkräfte, Bundeswehrsoldaten und Beamte der Bundespolizei haben anlässlich des Weltfriedenstages mit Kardinal Woelki und zahlreichen Militärgeistlichen im Kölner Dom Eucharistie gefeiert. Ihr gemeinsames Anliegen: der Frieden. Denn traditionell kommen sie zusammen, um gemeinsam für den Frieden zu beten, aber auch bewusst ein Zeichen für die vielen Soldaten weltweit zu setzen, die gerade an der Front kämpfen, oder für die Familien ihrer Kameraden, die einen Angehörigen im Krieg verloren haben. Denn natürlich sind der Angriffskrieg auf die Ukraine und die Konflikte in Nahost sowie die jüngsten Debatten um Grönland und den amerikanischen Anspruch darauf allgegenwärtig.

Rainer Kardinal Woelki

"Es ist die Frage, ob sich Christen auch mit militärischen Mitteln zur Wehr setzen dürfen gegen einen Aggressor oder ob Christen immer und unter allen Umständen passiv die ‚andere Wange hinhalten‘ müssen."

Die Bewahrung des Friedens steht auch im Zentrum der Ausführungen von Kardinal Woelki. In seiner Predigt benennt er den Wunsch nach Frieden, der in Grußworten wie "Shalom" oder "Salam" zum Ausdruck komme, als ein Grundbedürfnis des Menschen, auch wenn die Realität in vielen Teilen der Welt eine andere sei und Aggression bis hin zu offen geführten Angriffskriegen den Alltag der Menschen bestimmten, wie er sagt. Millionen würden Krieg und Gewalt aufgezwungen, so dass sie keine Wahl hätten. "Die Frage für sie ist allenfalls, ob sie sich zur Wehr setzen oder der Aggression nachgeben", stellt der Kölner Erzbischof fest. Von daher sei damit immer auch die Frage nach der Legitimität von Widerstand eng verbunden und wie miteinander vereinbar sei, Christ und Soldat zu sein. "Es ist die Frage, ob sich Christen auch mit militärischen Mitteln zur Wehr setzen dürfen gegen einen Aggressor oder ob Christen immer und unter allen Umständen passiv die ‚andere Wange hinhalten‘ müssen." 

Krieg und Gewalt, so erklärt Woelki, entsprächen jedenfalls niemals dem Willen Gottes und dürften auch nicht als sein vermeintlicher Wille gerechtfertigt werden. Insofern wies er jede Form der Kriegsführung aus religiöser Motivation scharf zurück. "So etwas wie ‚Heiliger Krieg‘ – verstanden als Durchsetzung religiöser Vorstellungen durch Gewalt – ist eine Perversion; eine Perversion, die aber leider immer noch viel zu oft zur moralischen Begründung von Krieg, Zerstörung, Vertreibung und Gewalt herangezogen wird." Genauso frevelhaft sei eine religiöse Überhöhung oder Begründung von kriegerischer Aggression, wie sie seit fast vier Jahren im Zusammenhang mit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine erlebbar sei. In einem solchen Fall sei militärische Verteidigung zulässig, so der Kölner Erzbischof vor den vielen im Bereich des Erzbistums stationierten Soldaten. Wörtlich sagt er: "Es gibt Umstände, in denen es geboten sein kann, das eigene Leben oder das anderer auch militärisch zu verteidigen und zu schützen." Denn manchmal müsse man sich gegen Aggression auch entschieden wehren und Schutz für die Schwachen bieten. "Es kann sogar bedeuten, Frieden zu schaffen, indem ein Aggressor gewaltsam überwunden wird."

Rainer Kardinal Woelki

"Der Friede Christi ist bestimmt durch Gerechtigkeit, Mitgefühl und die Liebe zu unseren Schwestern und Brüdern."

Gleichzeitig appelliert Woelki an seine Zuhörerinnen und Zuhörer, sich für den Frieden stark zu machen. Es genüge nicht, in Konflikten aus gerechten Gründen für die richtige Sache zu kämpfen. "Alle Christen – auch und gerade die in Uniform – sind berufen, immer und überall Friedensbringer zu sein." Wobei der Friede, um den es gehen müsse, der Friede Christi sei. Und dieser sei mehr als ein Waffenstillstand oder die bloße Abwesenheit von Krieg und Gewalt, unterstreicht er. "Er ist bestimmt durch Gerechtigkeit, Mitgefühl und die Liebe zu unseren Schwestern und Brüdern", so der Kölner Erzbischof. "Es ist dieser Friede Christi, um den wir in jeder heiligen Messe beten." Und der gehe tiefer, als es politische Verträge oder militärische Sicherungen je könnten. "Es ist der Friede, der im Herzen beginnt und von dort aus die Welt dauerhaft und nachhaltig verwandeln kann." Ein solcher Friede, zitiert Woelki dann aus der Botschaft von Papst Leo XIV. anlässlich des Weltfriedenstages am 1. Januar, sei "nicht das Ergebnis von Verhandlungen oder Kompromissen, sondern die Frucht der Versöhnung mit Gott und untereinander. Wer diesen Frieden im Herzen trägt, wird zum Werkzeug des Friedens in der Welt". Laut Woelki beginne ein solcher Friede mit der Bereitschaft, dem anderen mit Respekt, Mitgefühl und der Bereitschaft zur Versöhnung zu begegnen.

Papst Leo XIV. in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag

"Der wahre Friede ist nicht die bloße Abwesenheit von Krieg, sondern die Gegenwart von Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe."

Aus eigener Kraft aber sei dieser Friede nicht herzustellen; nur mit dem Beistand Gottes könne jeder zum Friedensstifter werden. Was nicht bedeute, Konflikte zu leugnen, Gewalt zu verharmlosen oder sich Auseinandersetzungen zu entziehen. Abschließend argumentiert er noch einmal mit dem Heiligen Vater: "Der wahre Friede ist nicht die bloße Abwesenheit von Krieg, sondern die Gegenwart von Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe. Wer für den Frieden arbeitet, muss sich für Gerechtigkeit einsetzen, für die Wahrheit eintreten und die Liebe leben". Die Berufung eines Christen, so Woelki weiter, bestehe darin, sich von dem Frieden Christi erfüllen und sich von ihm als Boten und Werkzeug dieses wahren Friedens in den Dienst nehmen zu lassen. Der Friede des Menschen mit Gott, der Friede des Menschen mit sich im eigenen Herzen, der Friede der Menschen untereinander, all das gehöre zusammen. 

Angesichts der unzähligen Konflikte weltweit spricht Woelki von "Zerreißproben" – auch für die Bundeswehr – und ruft abschließend noch einmal dazu auf, als Christen den Beitrag zu leisten, der Christen möglich ist: nämlich für Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit zu beten und anderen zum Segen zu werden, "damit der Frieden weltweit auch eine Chance hat". 

Militärseelsorge in Deutschland

Nach dem Soldatengesetz hat jeder Soldat und jede Soldatin Anspruch auf Seelsorge und ungestörte Religionsausübung.

Bislang leisten in der Bundeswehr die evangelische und die katholische Kirche sowie die jüdische Gemeinschaft eine vertraglich vereinbarte Militärseelsorge für die Soldaten und deren Angehörige.

Die Bundeswehr hat ein Nachwuchsproblem / © Monika Skolimowska (dpa)
Die Bundeswehr hat ein Nachwuchsproblem / © Monika Skolimowska ( dpa )
Quelle:
DR

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