Basieren Impfstoffe auf ethisch fragwürdigem Vorgehen?

"Impfstoffe absolut vertretbar"

Als im letzten Jahr die ersten Impfstoffe gegen COVID-19 zugelassen wurden, tauchte ein Gerücht auf. Manche von ihnen basierten angeblich auf Zelllinien von abgetriebenen Föten. Auch in der Katholischen Kirche wurden daraufhin kritische Stimmen laut. Doch was ist dran?

Ein Arzt zieht den Corona-Impfstoff Comirnaty von Biontech-Pfizer in eine Spritze / © Fabian Sommer (dpa)
Ein Arzt zieht den Corona-Impfstoff Comirnaty von Biontech-Pfizer in eine Spritze / © Fabian Sommer ( dpa )

DOMRADIO.DE: Mittlerweile weiß man, dass bei der Herstellung einiger Impfstoffe embryonale Zellen eingesetzt werden, allerdings von Embryos, die schon vor Jahrzehnten abgetrieben wurden, also lange bevor irgendjemand von Corona gesprochen hat. Wie würden Sie das moralisch einordnen?

Prof. Dr. Dr. Jochen Sautermeister (Lehrstuhlinhaber für Moraltheologie an der Universität Bonn): Ich glaube, dass es wichtig ist zu sehen, dass die mRNA-Impfstoffe, die wir haben, ob Biontech oder Moderna, alle synthetisch hergestellt werden und in so eine Art kleine Fettkügelchen gepackt werden. Das heißt, da sind gar keine Zellen von abgetriebenen Föten in der Herstellung. Den Vorwurf kann man also sehr schnell widerlegen. Der Vatikan, vor allem die Glaubenskongregation, hat sich mit der Frage beschäftigt, wie solche Impfstoffe zu beurteilen wären, die in der frühen Entwicklungsphase mit solchen Zelllinien entwickelt wurden. Und da kommt der Vatikan klar zu der Aussage, dass es sittlich erlaubt ist, wenn diese Impfstoffe klinisch sicher sind, wirksam sind, und redet von differenzierten Verantwortlichkeiten. Also das heißt, man muss da abstufen. In einer Güterabwägung im Hinblick auf Gemeinwohl und Gesundheitsschutz sind solche Impfstoffe absolut vertretbar.

DOMRADIO.DE: Der Vorwurf, dass also extra zur Herstellung dieser Impfstoffe Embryos abgetrieben wurden, ist ja definitiv widerlegt. Jetzt befürchten manche Leute, dass das in Zukunft aber passieren könnte, wenn es solche Technologien gibt. Was sagen Sie denen?

Sautermeister: Die Wissenschaften sind in der Impfstoffentwicklung so weit, dass man auf jeden Fall davon ausgehen kann, dass solche Vorgehensweisen eher nicht zu erwarten sind. Dass in der medizinischen Forschung extra Föten abgetrieben werden würden, nur um Zelllinien zu erhalten, mit denen dann Impfstoff-Forschung betrieben werden kann, das sind eher Vorstellungen und Szenarien, die aber nicht die Forschungspraxis abbilden.

DOMRADIO.DE: Jetzt protestieren manche Gruppen und sagen: Wenn eine Impfpflicht kommt, dann müssten wir uns mit einem Impfstoff impfen lassen, den wir persönlich moralisch verwerflich finden. Was würden Sie diesem Argument entgegnen?

Sautermeister: Ich glaube, grundsätzlich muss man zwei Dinge unterscheiden. Das eine ist sozusagen die moralische Pflicht zur Impfung oder die Frage der Gewissensfreiheit im Hinblick auf Impfungen. Und das andere ist die Frage der rechtlichen Verpflichtung. Und in dem Fall berufen sich solche Gruppen auf ihre Gewissensfreiheit. Gewissensfreiheit impliziert ja auch, dass man sich auch ein gut begründetes Urteil gebildet hat und das in moralischer Hinsicht dann auch gut zu überlegen ist. Und hier äußert sich auch die Glaubenskongregation und meint, wenn jemand zu dem Ergebnis kommt, dass er für sich die Impfungen nicht aus moralischen Gründen vornehmen möchte, dann ist auf andere Weise mit prophylaktischen Mitteln, Schutzmitteln und angemessenem Verhalten dafür zu sorgen, sich nicht und andere ebenfalls nicht zu gefährden. Dann könnte man sagen, die Verpflichtung, durch sein Verhalten alles dafür zu tun, nicht selber zu erkranken und vor allem nicht zum Risiko für andere zu werden, das Gemeinwohl im Blick zu behalten, ist umso höher einzuschätzen, wenn man sich nicht impfen lässt.

DOMRADIO.DE: Für Muslime ist es ja zum Beispiel problematisch Medikamente zu sich zu nehmen, die Alkohol enthalten oder irgendwelche Bestandteile des Schweins. Es gibt andere religiöse Vorschriften bei anderen Religion, die ähnliche Bedenken nach sich ziehen. Bei allem Verständnis für religiöse Vorschriften, kann man es sich in solchen Notsituationen leisten, darauf Rücksicht zu nehmen?

Sautermeister: Ich glaube, selbst bei dem Beispiel von Bestandteilen von Schweinen bei der Impfstoffherstellung, ist der Fall bei Muslimen nochmal vielschichtiger. Auch da gibt es viele Präparate, die möglich sind. Aber entscheidend ist in der pluralen Gesellschaft, dass wir uns hier auf die Grund- und Basisgüter beziehen und Werte, die ganz zentral sind. Das ist einerseits natürlich der Schutz der Würde und es ist auch der Schutz der Gesundheit, solidarisches Verhalten, dafür zu sorgen, dass das Gemeinwohl gesichert ist. Und wenn jetzt partikulare Gruppen hier sich sozusagen gegen solche Interessen stellen, ist es sehr verständlich und nachvollziehbar, dass ein Staat auch entsprechend darauf achtet, dass diese Grundwerte, die Menschenwürde und die Menschenrechte, und das schließt den Gesundheitsschutz mit ein, eben auch berücksichtigt werden.

DOMRADIO.DE: Wo ist denn die Aufgabe der Kirchen und anderer Glaubensgemeinschaften bei solchen ethischen Fragen, wie eben zum Beispiel der Entwicklung solcher Impfstoffe?

Sautermeister: Ich glaube zur ganz entscheidenden Aufgabe von Religion und Kirchen kommt hierzu zweierlei ins Bewusstsein. Erstens, Menschen leben nicht für sich alleine. Wir leben vielmehr in einer Art Solidargemeinschaft, in der wir Verantwortung für uns und andere haben und diesen Umstand im Blick behalten. Das Zweite ist, dass Aufgabe von Religion und Kirche ist, Spaltungen eigentlich zu überwinden und gerade dafür zu sorgen, dass wir einen sozialen Zusammenhalt haben. Warum? Weil wir in einer Welt leben, von der wir glauben, dass sie eben, theologisch gesprochen, religiös in Gottes Hand liegt und von Gott getragen ist. Also gerade zur Verantwortung aufrufen, nicht die Hände in den Schoss zu legen und dafür zu sorgen, dass ein Zusammenhalt bleibt, zum Wohl unserer Grundgüter und Grundrechte und gerade nicht dagegen zu agieren, das ist die Aufgabe der Kirchen und Religionsgemeinschaften.

Das Interview führte Hannah Krewer.

Moraltheologe Prof. Jochen Sautermeister / © Tomasetti (DR)
Moraltheologe Prof. Jochen Sautermeister / © Tomasetti ( DR )
Quelle:
DR
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