"Ich saß auf einem Steine", so beginnt das wohl bekannteste Gedicht des spätmittelalterlichen Minnesängers Walther von der Vogelweide. Darin erzählt er, wie er auf einem Stein sitzend mit ängstlicher Sorgfalt darüber nachdenkt, wie man auf der Welt leben sollte.
Walther von der Vogelweide liegt in Würzburg begraben und so beginnen wir den Tag, an dem die Deutsche Bischofskonferenz einen neuen Vorsitzenden wählt, im Morgengrauen mit einer kurzen Stippvisite an seinem Grab. Direkt hinter der Neumünsterkirche liegt es – im Lusamgärtchen. Jemand hat frische Blumen auf den steinernen Sarkophag gelegt. Ob das einer der Bischöfe war, die seit gestern hier tagen? Immerhin hat der Würzburger Bischof Franz Jung einen umfangreichen Aufsatz über das Hohe Lied der Liebe im Alten Testament der Bibel geschrieben. "Die Zeit ist zum Singen da", heißt sein Text.
Es soll Frühling werden, meldet der Wetterbericht, 20 Grad und Sonnenschein. In der Frühmesse im Würzburger Neumünster ist davon nichts zu merken. Es ist eisig. Fast alle Bischöfe beginnen hier ihren Sitzungstag mit einer gemeinsamen Eucharistiefeier. Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki predigt. Er beschwört die Einheit der Weltkirche. Die Einheit der Apostel sei das Fundament der Kirche und somit der Zusammenhalt der Apostel der Kern aller Synodalität.
Einheit, Vielfalt, Zusammenhalt und wie weit darf Widerspruch gehen, das ist die atmosphärische Wolke, die über dem Bischofstreffen schwebt. Der neue Vorsitzende muss ein diplomatischer Kopf sein, einer, der Brücken baut, der für alle Bischöfe spricht – besonders aber für die Menschen in der Welt.
Journalisten stehen auf dem Parkplatz und schielen durch die Fenster
Nach dem Frühstück wird gewählt. Eine spannende Wahl, denn es gibt keinen eindeutigen Favoriten. Gestern haben sich die Fotografen auf den Paderborner Erzbischof Udo Markus Bentz gestürzt und schon einmal viele Fotos von ihm gemacht. Er kann nichts dafür, dass er so hoch gehandelt wurde.
Der Sitzungssaal liegt in der ersten Etage, ist aber von außen einsehbar und so stehen ein gutes Dutzend Journalisten auf dem Parkplatz vor dem Haus und schielen durch die Fenster. Pressesprecher Matthias Kopp ist zu sehen, wie er mit der Wahlurne durch die Reihen läuft und Stimmzettel einsammelt. Jetzt schon zum dritten Mal. Also gibt es drei Wahlgänge. Für die ersten beiden ist eine Zweidrittelmehrheit nötig. Die scheint nicht zustande gekommen zu sein. Für den dritten Wahlgang reicht die einfache Mehrheit.
Lange ist nichts zu sehen. Der Magdeburger Bischof Gerhard Feige steht am Rednerpult, aber der wird es nicht sein, er wäre zu alt, heißt es. Feige hält einen Vortrag, wahrscheinlich um die Zeit der Auszählung zu überbrücken. Ganz schön spannend machen die es. Jetzt! Ein Klopfen auf allen Tischen. Jemand ruft. Ich sehe einen mit Sonnenbrille und Glatze nach vorne gehen. Quatsch! So einen mit Macron-Brille gibt es unter den Bischöfen nicht.
Es ist so weit, schnell in den Pressesaal, dort kommt er gleich durch die Tür. Welch ein Gedränge. 15 Kamerateams und 83 Journalisten – knieend, sitzend, stehend – warten auf den großen Augenblick. Der scheidende Vorsitzende, Bischof Georg Bätzing, geht voran, dann folgt die wiedergewählte Generalsekretärin Beate Gille und dann er – der neue Vorsitzende: Es ist der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer.
Ein Akzent, der auffällt
Bravo. Eine gute Wahl. Viele Journalisten nicken sich zu, Wilmer scheint viele Sympathiepunkte bei den Medien gesammelt zu haben. "Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden den Menschen seiner Gnade", beginnt Wilmer sein erstes Statement als neuer Vorsitzender. Der Bischof ist ein frommer Ordensmann, er gehört zu den Herz-Jesu-Priestern.
Was gleich auffällt: sein norddeutscher Akzent, denn er ist im Emsland geboren und aufgewachsen. Mit "Schmackes" will er das Evangelium verkünden, verspricht er, "mit einer steifen Brise im Haar". Und sogleich will man von ihm alles wissen. Wie er zur Frauenweihe steht? Wie er den Reformkurs des Synodalen Wegs findet? Wie er die zerstrittene Bischofskonferenz einen will? Und, und, und… "Der Heilige Geist lebt nicht nur im Konsens, sondern auch im Widerspruch", sagt der neue Vorsitzende. Und: "Ich bin ein Pilger auf dem Weg, das Evangelium in Hand und die Menschen im Blick." Kurz und knapp antwortet er, er sei kein Schwafler, norddeutsch eben, da wird nicht herumgetütert. "Die Gläubigen vor Ort sind gut drauf", beschreibt er seine Stimmungslage, "davon lasse ich mich als Bischof anstecken". Dann noch ein Foto für alle und gut is`– erst einmal.
Im Pressearbeitsraum wird nun analysiert, prognostiziert, kommentiert, fleißig getippt. Stillarbeit. Eine Stimmung wie bei einer Abiklausur, sehr konzentriert. Und während sich die Journalisten um eine Einordnung bemühen, wird drinnen im Tagungsraum der Bischöfe weiter beraten. Unter Vorsitz des neuen Vorsitzenden Heiner Wilmer, der gleich in den ersten Stunden seiner Amtszeit eine harte Nuss zu knacken hat.
Es geht um die Abstimmung zur umstrittenen Synodalkonferenz, die mit Zweidrittelmehrheit auf den Weg gebracht werden soll. Puh, das wird eine heftige erste Bewährungsprobe. Vielleicht sollten die Bischöfe zuvor einen kleinen Nachmittagsspaziergang machen – zum Grab von Walther, und wie der Dichter die Beine übereinanderschlagen und mit Sorgfalt in sich gehen darüber, weshalb und wie wir leben sollten.