Weißer Rauch in Würzburg: Die deutschen Oberhirten haben entschieden, wer in den kommenden sechs Jahren an der Spitze der Bischofskonferenz stehen wird. Die Wahl ist auf Heiner Wilmer gefallen, den Bischof von Hildesheim. Der 64-jährige Ordensmann aus Norddeutschland galt in den vergangenen Wochen als einer der Favoriten für die Nachfolge von Georg Bätzing. Der Limburger Bischof leitete die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) seit 2020, hatte aber im Januar angekündigt, nicht für eine zweite Amtszeit als Vorsitzender zur Verfügung zu stehen.
Wilmer wurde vor allem wegen seiner "romanità" als ein möglicher DBK-Vorsitzender gehandelt – also seiner guten Kenntnisse der römischen Kurie und der italienischen Sprache. Denn der auf einem Bauernhof geborene Emsländer studierte nach seinem Ordenseintritt bei den Herz-Jesu-Priestern im Alter von 19 Jahren mehrere Jahre an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. In die Nähe des Vatikan kehrte er 2015 zurück, als Generaloberer seines Ordens.
Dort blieb Wilmer bis zu einer Wahl zum Bischof von Hildesheim im Jahr 2018. Papst Franziskus soll den Ordensgeistlichen so sehr geschätzt haben, dass er ihn 2023 sogar zum Präfekten des Glaubensdikasteriums befördern wollte. Dazu soll es jedoch aufgrund der Intervention konservativer Kirchenmänner nicht gekommen sein, wie gemunkelt wird. Franziskus entschied sich schließlich für einen Landsmann, den heutigen Kardinal Víctor Manuel Fernández.
Doch Wilmers Kontakte in den Vatikan sind weiterhin sehr gut: In den vergangenen Jahren war der Ordensmann mehrfach zu Gesprächen in Rom. Er hat im November auch schon Papst Leo XIV. in Privataudienz getroffen. Ein guter Draht in den Vatikan ist für die Kirche in Deutschland besonders wichtig, denn während des Synodalen Wegs kam es immer wieder zu Unstimmigkeiten mit der Kurie. Die Wogen konnten erst durch persönliche Treffen vor Ort geglättet werden.
Machtmissbrauch steckt "in der DNA der Kirche"
Derzeit steht noch die Bestätigung der Satzung für die Synodalkonferenz – ein Gremium, das den kirchlichen Reformprozess verstetigen soll – durch den Vatikan aus. Die Bischöfe beschäftigen sich bei der laufenden Vollversammlung in Würzburg auch damit. Die gute Beziehungen Wilmers nach Rom werden in Zukunft sicherlich weiterhin hilfreich sein.
Zudem gilt Wilmer als einer der Vermittler in der Bischofskonferenz. Angesichts der zunehmenden Polarisierung zwischen reformwilligen und beharrenden Kräften im deutschen Episkopat war für die Spitze der DBK ein Kandidat gesucht worden, der die Fähigkeit besitzt, Brücken zu bauen. Das scheinen die deutschen Bischöfe Wilmer zuzutrauen. Denn zum einen ist der Hildesheimer Bischof eindeutig ein Unterstützer des Synodalen Wegs und fordert kirchliche Reformen. Er ist mit Blick auf den verpflichtenden Zölibat für Diözesanpriester und neue Ämter für Frauen in der Kirche offen für Veränderungen. Auch die Segnung homosexueller Paare hält er für möglich. Er machte zudem Schlagzeilen mit der Äußerung, dass der Missbrauch von Macht "in der DNA der Kirche" stecke.
Zum anderen besitzt Wilmer als erster Ordensmann an der Spitze der DBK und Autor mehrerer Bücher zu spirituellen Themen wie Hoffnung oder Sinnsuche ein eindeutig geistliches Profil. Er hat sich in den vergangenen Monaten und Jahren eher wenig zu den Reformdebatten geäußert – und wenn, dass in einer wertschätzenden und unpolemischen Weise. In den Medien erklingt Wilmers Stimme gegenwärtig eher zu sozialen Themen, denn in der Bischofskonferenz war er bislang Vorsitzender der Kommission VI, die sich mit gesellschaftlichen Fragen befasst.
Dazu passt die erste Ansprache Wilmers, in der er an das Leid des russischen Angriffskriegs in der Ukraine erinnerte, dessen aktuelle Phase heute vor vier Jahren begann. Gleichzeitig setzte der neue Vorsitzende auch einen geistlichen Akzent: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen seiner Gnade", zitierte Wilmer aus dem Lukasevangelium. Seine Erklärung: "Diese beiden Sätze sind mein Kompass." Diese klaren Worte dürften wohl besonders bei eher traditionell eingestellten Oberhirten auf Zuspruch treffen.
Ein eher bodenständiger Typ
Gleichzeitig offenbarte sich bei der ersten Pressekonferenz Wilmers als DBK-Chef auch, was für ihn und die Bischofskonferenz zu einem Problem werden könnte: Der neue Vorsitzende wirkt medial oft steif und eher nicht locker. Seine Antworten auf die Fragen der Journalistinnen und Journalisten trägt er bedächtig und ruhig vor, erscheint dadurch aber alles andere als lebhaft. Hinzu kommt Wilmers eindeutig norddeutsche Sprachfärbung, die vom Plattdeutschen herrührt, mit dem der Hildesheimer Bischof auf dem Bauernhof seiner Familie aufgewachsen ist – was beim ersten Zuhören etwas irritierend wirken kann.
Wer Wilmer einmal getroffen hat, merkt schnell, dass er scheinbar gegensätzliche Eigenschaften vereint: Der Hildesheimer Bischof ist promovierter Fundamentaltheologe und wirkt sehr intellektuell. Gleichzeitig ist er ein eher bodenständiger Typ, der Einfachheit liebt. Vor einigen Jahren ließ er durchblicken, wie er vom stressigen Alltag eines Bischofs entspannt: Er tauscht seine Anzughose gegen Jeans und wandert mehrere Stunden einfach drauflos, um den Kopf freizukriegen.
Wandern war Wilmer in seinem Bistum auch mit jungen Gläubigen. Als ausgebildeter Lehrer und ehemaliger Leiter einer Schule seines Ordens ist ihm der Kontakt zu Jugendlichen wichtig. Sie möchte er für Gott und den Glauben begeistern. "Die Kirche ist attraktiv", formulierte Wilmer diese Haltung in seiner ersten Ansprache vor der Presse.
Wilmer bringt viel Leitungserfahrung mit an die Spitze der DBK – in Schule, Ordensgemeinschaft und Bistum. Doch wie wird er die Bischofskonferenz führen? Die Aufgabe des Vorsitzenden erfordert viel Fingerspitzengefühl, die Qualitäten eines Moderators und auch einiges an Durchsetzungsvermögen. Als Bischof versteht sich der Hildesheimer Oberhirte nicht als Herrscher, wie er einmal in einem Interview gesagt hat. Ein Bischof sei eher mit einem "Spielmacher" vergleichbar, der Möglichkeitsräume aufschließt und Menschen miteinander vernetzt. Ein schönes Bild, besonders mit Blick auf die Deutsche Bischofskonferenz.