Chefredakteur blickt auf Pressekonferenz mit Bischof Genn

Wie geht es weiter im Bistum Münster?

Anfang der Woche hat die Universität Münster eine wissenschaftliche Studie über den sexuellen Missbrauch im Bistum Münster vorgelegt. Nun hat Bischof Genn über die Konsequenzen gesprochen. Wie geht es weiter?

Bischof Felix Genn spricht auf der Pressekonferenz zur Studie zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Münster / © Guido Kirchner (dpa)
Bischof Felix Genn spricht auf der Pressekonferenz zur Studie zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Münster / © Guido Kirchner ( dpa )

DOMRADIO.DE: Am Montag gab es ja schon ein großes Medieninteresse. Ich nehme an, das war heute auch so. Was gibt es von der heutigen Pressekonferenz zu berichten?

Ingo Brüggenjürgen / © Harald Oppitz (KNA)
Ingo Brüggenjürgen / © Harald Oppitz ( KNA )

Ingo Brüggenjürgen (DOMRADIO.DE-Chefredakteur): Es gibt nach wie vor ein sehr breites Interesse der Öffentlichkeit und der Medien. Über 40 Journalisten waren vor Ort, dazu noch zahlreiche Vertreter online. Die Öffentlichkeit hat hier nach wie vor den kirchlichen Missbrauch nicht aus dem Blick verloren und schaut genau hin. Und für diese kritische Begleitung hat der Bischof auch gedankt und hat gesagt, sonst wäre man gar nicht so weit kirchlicherseits.

Man braucht also die Öffentlichkeit, man braucht den Dialog mit den Betroffenen, man braucht den Druck der Medien. Und der Bischof hat deutlich gemacht: Münster hat verstanden, er hat verstanden. Er will sich bewegen, er will sich weiter bewegen. In Münster ist nicht alles bestens, so hat er gesagt, und es wird auch nie ganz erledigt sein.

DOMRADIO.DE: Wie hat sich Bischof Genn denn geäußert? Was hat er zum Beispiel zu seiner eigenen persönlichen Schuld bei der Aufarbeitung gesagt?

Brüggenjürgen: Ja, allen seiner Vorgänger im ganzen Untersuchungszeitraum ist ja attestiert worden, dass sie sich schuldig gemacht haben. Auch Bischof Genn waren von den Wissenschaftlern Fehler bescheinigt worden. Er selber hat auch noch mal gesagt, er sei zu lange zu milde gewesen, habe zu sehr den Seelsorger in sich im Blick gehabt und als Personalverantwortlicher nicht genügend durchgegriffen. Er hat gesagt, er habe für sich auch an Rücktritt gedacht, habe aber nach eigenem Eindruck selber, sofern er das beurteilen könne, nicht vertuscht und nicht dazu beigetragen, dass sexueller Missbrauch weiter verübt werden konnte.

Ansonsten hat er sich umfänglich hinter den Untersuchungsbericht der Wissenschaftler gestellt, hat ihnen gedankt und betont, er sei bereit, die nötigen Schritte in Münster zu unternehmen. Stichwort Macht: Er will Macht abgeben, er will den Gremien mehr Macht geben. Und er will sich freiwillig dann auch verpflichten, den Empfehlungen der Gremien zu folgen. Stichwort Sexuallehre: Darüber müsse man sprechen, hat er gesagt. Die müsse angepasst werden, das müsse offen und transparent passieren, das müsse endlich geändert werden. Stichwort Priesterbild: Auch hier gelte es nachzusteuern, damit so was nicht wieder vorkommen kann. Jede Form von Klerikalismus müsse ein Ende haben. Der Bischof war hier ganz deutlich.

DOMRADIO.DE: Jahrzehntelang wurde im Bistum Münster, so heißt es ja in der Studie, von den kirchlichen Verantwortungsträgern vertuscht und versetzt. Das System, aber nicht die Opfer wurden da geschützt. Was hat der Bischof dazu gesagt?

Brüggenjürgen: Der Bischof hat neben seiner persönlichen Schuld natürlich auch das Versagen der Institution, das Versagen des Systems deutlich gemacht. Er hat gesagt, das System habe schwere Schuld auf sich geladen, die Kirche habe Schuld auf sich geladen. Er könne sich selber auch nicht erklären, warum man menschlich und moralisch so versagt hat. Wir erinnern uns, die Wissenschaftler haben Anfang der Woche von einer "Täterorganisation" gesprochen. Bischof hat gesagt, er sei "Teil einer Organisation, aus der die Täter kamen und kommen". Er war "ein Teil des Systems, das sexuellen Missbrauch möglich gemacht hat".

Er hat gesagt, er möchte auch diese institutionelle Verantwortung übernehmen. Es brauche ein ganz geändertes kirchliches Verhalten, ein Eingeständnis von Fehlern der Verantwortungsträger, echte Reue und vor allen Dingen Umkehr. Und nicht nur Worte, sondern auch Taten. Das hat Felix Genn hier seinen Mitbrüdern auch ins Stammbuch geschrieben.

DOMRADIO.DE: Welche Konsequenzen will denn Bischof Genn für sein Bistum umsetzen?

Brüggenjürgen: Eine ganze Reihe von Maßnahmen finden sich in dem mehrseitigen Papier, dass der Bischof heute der Öffentlichkeit vorgestellt hat. Viele der Dinge sind in Münster auch schon begonnen worden. Ganz konkret bleibt die Bischofsgruft im Münsteraner Paulusdom zu. Bischof Genn dazu – da liegen seine Vorgänger beerdigt: "Ich werde die Toten ruhen lassen, aber ich werde im Dialog mit den Betroffenen mich darum bemühen, wie wir deutlich machen können, dass sie versagt haben."

Also entsprechende Anzeigen, Informationen oder was auch immer man sich dort einfallen lässt, so lange bleibt die Bischofsgruft geschlossen. Domkapitular Theodor Buckstegen wird aus dem Amt als Domkapitular entpflichtet. Werner Thissen, langjähriger Generalvikar von Münster und Erzbischof von Hamburg, hat signalisiert, dass er Fehler gemacht hat. Er hat das zugegeben. Sein Titel als Ehrendomkapitular in Münster wird geprüft. Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe von Dingen, die die Verwaltung angehen muss.

Eine Aufarbeitungskommission wird auch hier eingerichtet und auch unabhängige Ansprechpartner werden ergänzt um weitere Kräfte im Bereich der Sexuallehre, damit man da weiter nach vorne kommt. Aber auch extra ab 2023 gibt es jemanden, der sich einzig und alleine darum kümmern wird, dass die Dekrete, also die Maßnahmen, die der Bischof anordnet, dann auch entsprechend verfolgt werden, sodass es auch eine Kontrolle gibt bei denen, die Missbrauch getan haben. Man versucht hier wirklich, das System in Münster zu verändern, damit Missbrauch dauerhaft verhindert werden kann.

DOMRADIO.DE: Im Blick auf das System in Deutschland oder auch in der Weltkirche: Wie will sich denn Bischof Genn da für Veränderungen starkmachen?

Brüggenjürgen: Ich habe den Bischof gefragt, wie er in dem Zusammenhang denn die Kritik des Heiligen Vaters und anderer am Synodalen Weg empfindet. Er hat diese Kritik ganz deutlich zurückgewiesen und hat gesagt: Nein, es brauche diesen Synodalen Weg. Beim Synodalen Weg bemühe man sich gerade in den Punkten Priesterbild, Macht, Klerikalismus und Sexuallehre entgegenzusteuern.

Da wird Bischof Genn sich einbringen. Das hat er deutlich gemacht. Er will auch im Rahmen der Bischofskonferenz seine Stimme erheben und auch in Rom dafür sorgen, dass diese Position einer geänderten Kirche und eines geänderten kirchlichen Verhaltens auch in Rom verstanden wird.

DOMRADIO.DE: Welches Fazit kann man mit Blick auf die Pressekonferenz der Universität und jetzt der heutigen Pressekonferenz mit dem Bischof ziehen?

Brüggenjürgen: Die Wissenschaftler haben am Anfang der Woche einen beachtlichen Bericht hier vorgelegt, der weit über die rein juristischen Betrachtungen in anderen Bistümern hinausgeht. Das ist ein ganzheitlicher Bericht, weil er historische und anthropologische Bezüge mit einarbeitet.

Der Bischof stellt sich voll und ganz hinter diesen Bericht und ist bemüht, jetzt die nötigen Konsequenzen einzuleiten und die nötigen Schritte zu tun. Der Bischof hat verstanden, er bewegt sich und versucht, sein Bistum zu bewegen und die Mitbrüder mitzunehmen. Er versucht zu retten, was, wie wir denken, vielleicht kaum noch zu retten ist. Man könnte in diesem Zusammenhang vielleicht sagen: Der Bischof braucht jetzt auch die Unterstützung der Bischofskonferenz, er braucht Rom – und Münster müsste eigentlich überall sein.

Das Interview führte Florian Helbig

Studie: Flächendeckender Missbrauch im Bistum Münster

Die Zahl der beschuldigten Priester und Missbrauchsopfer im Bistum Münster ist nach einer Studie der Universität Münster deutlich höher als bekannt. Laut der über zwei Jahre dauernden Forschungsarbeit eines fünfköpfigen Teams gab es von 1945 bis 2020 fast 200 Kleriker und bekannte 610 minderjährige Opfer von sexuellem Missbrauch. Damit sind 4,17 Prozent der Priester betroffen. Die Dunkelziffer ist erheblich höher. Die Forscher gehen von 5000 bis 6000 Opfern aus.

 Studie zu Macht und sexuellem Missbrauch in Münster
 / © Lars Berg (KNA)
Studie zu Macht und sexuellem Missbrauch in Münster / © Lars Berg ( KNA )
Quelle:
DR
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