Münsteraner Bischöfe haben bei Missbrauchsfällen versagt

Blick in eine dunkle Vergangenheit

Ehemalige und noch aktive Kirchenverantwortliche haben nach einer Studie im Bistum Münster große Fehler im Umgang mit Missbrauchsfällen begangen. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden an diesem Montag der Öffentlichkeit vorgestellt.

St.-Paulus-Dom in Münster / © Chi_Chirayu (shutterstock)
St.-Paulus-Dom in Münster / © Chi_Chirayu ( shutterstock )

Ehemalige und heute aktive Bischöfe haben nach einer Studie im Bistum Münster große Fehler im Umgang mit Missbrauchsfällen begangen.

Michael Keller (Amtszeit 1947-1961), Joseph Höffner (1962-1969), Heinrich Tenhumberg (1969-1979) und Reinhard Lettmann (1980-2008) hätten verurteilte Geistliche immer wieder in der Seelsorge eingesetzt und damit weitere Taten ermöglicht, heißt es in der am Montag von der Universität Münster vorgestellten Untersuchung.

Weihbischof Heinrich Tenhumberg, Leiter des katholischen Büros in Bonn und Bundeskanzler Ludwig Erhard im Jahr 1966 / © N.N. (KNA)
Weihbischof Heinrich Tenhumberg, Leiter des katholischen Büros in Bonn und Bundeskanzler Ludwig Erhard im Jahr 1966 / © N.N. ( KNA )

Die Zahl der Missbrauchsbeschuldigten liegt deutlich höher als in einer früheren Studie.

Bischof Genn anfangs zu milde

Dem aktuellen Bischof Felix Genn (72) bescheinigen die Autoren um die Historiker Thomas Großbölting und Klaus Große Kracht zwar, den Umgang mit Missbrauchsfällen den Regeln der Deutschen Bischofskonferenz angepasst zu haben. Gleichwohl habe der seit 2009 amtierende Oberhirte eine längere Phase gebraucht, um seiner Verantwortung für Intervention und Prävention gerecht zu werden.

Bischof Felix Genn / © Guido Kirchner (dpa)
Bischof Felix Genn / © Guido Kirchner ( dpa )

In seinen ersten Jahren sei der Bischof Missbrauchstätern, sofern sie Reue zeigten, kirchenrechtlich nicht immer mit der gebotenen Strenge begegnet. Genn habe eingeräumt, gegenüber Beschuldigten "zu sehr als Seelsorger und zu wenig als Dienstvorgesetzter gehandelt zu haben".

Vorwurf gegen Bischof Overbeck

Ein Vorwurf in einem Fall trifft auch den heutigen Essener Bischof Franz-Josef Overbeck, der früher Weihbischof in Münster war. Overbeck habe 2009 als Übergangsleiter des Bistums entschieden, den Fall eines beschuldigten Mitarbeiters nicht der Missbrauchskommission vorzulegen. Die Vorwürfe gegen den heute noch lebenden Geistlichen aus dem Jahr 1997 seien damit nicht vollständig aufgearbeitet.

Bischof Franz-Josef Overbeck / © Harald Oppitz (KNA)
Bischof Franz-Josef Overbeck / © Harald Oppitz ( KNA )

Die Untersuchung zählt nach Auswertungen von Akten und Betroffenen-Interviews 610 Betroffene und 196 Beschuldigte zwischen 1945 und 2020. Damit liegt die Zahl der Beschuldigten um ein Drittel höher als in der 2018 vorgestellten MHG-Studie der Bischofskonferenz.

Katholische Kirche eine "Täterorganisation"

Die Gründe seien, dass Zeitraum und Methoden variierten und sich weitere Betroffene gemeldet hätten. Missbrauchsvorwürfe betreffen 4,1 Prozent aller Priester zwischen 1945 und 2020. 40 Prozent der Beschuldigten seien Mehrfachtäter. Neun von zehn Beschuldigten hätten keine strafrechtlichen Konsequenzen erfahren.

Teils seien Täter in andere Bistümer oder ins Ausland versetzt worden, so die Forschenden. Die Flucht in andere Staaten sei durch kirchliche Netzwerke wie Caritas International gelungen. Höffner habe beim Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) Kontakte ins Ausland geknüpft.

"Die katholische Kirche ist Täterorganisation", sagte Großbölting.

Die Historiker Thomas Großbölting (l) und Klaus Große Kracht, sprechen bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der Studienergebnisse zum Missbrauch im Bistum Münster / © Guido Kirchner (dpa)
Die Historiker Thomas Großbölting (l) und Klaus Große Kracht, sprechen bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der Studienergebnisse zum Missbrauch im Bistum Münster / © Guido Kirchner ( dpa )

Auch Laien hätten einen Priester als "heiligen Mann" betrachtet und zur Vertuschung beigetragen. Er kritisierte, dass die Aufarbeitung nur durch Druck von außen erfolgt. Neben den inzwischen umgesetzten Maßnahmen zur Prävention und Aufklärung müsse im Bistum nun auch eine Debatte über die Machtstrukturen folgen. Betroffene beklagten immer wieder auch Defizite in der Kommunikation des Bistums mit ihnen.

Das Bistum Münster hatte die am 1. Oktober 2019 begonnene Studie in Auftrag gegeben und den Forschenden Unabhängigkeit zugesichert.

Anders als andere Diözesen entschied sich Münster gegen ein juristisch angelegtes Gutachten wie in Köln oder München, sondern beauftragte das Team aus vier Historikern und einer Ethnologin. Sie übergaben die Studie nach der Medienpräsentation Genn, der zur Wahrung der Unabhängigkeit zuvor keine Ergebnisse erfahren sollte.

Genn will sich später äußern

Der Bischof dankte neben dem Forscherteam auch den Betroffenen, dass sie ihr Leiden offenbart hätten. Die Studie sei nicht das Ende der Aufklärung. Weiter betonte Genn, dass er persönliche und institutionelle Verantwortung übernehmen wolle: "Ich war und bin Teil des kirchlichen Systems, das sexuellen Missbrauch möglich gemacht hat." Am Freitag will sich der Bischof vor Journalisten über Konsequenzen äußern.

Mit Blick auf die Veröffentlichung richtete das Bistum eine Telefon-Hotline für Missbrauchsbetroffene ein. Auch Menschen, die Angaben zu Fällen sexualisierter Gewalt machen wollen, können sich ab Montag für eine Woche unter (02 51) 49 56 25 2 melden.

Bistum Münster

Münster: Außenansicht vom Dom St. Paulus / © David Inderlied (dpa)
Münster: Außenansicht vom Dom St. Paulus / © David Inderlied ( dpa )

Das Bistum Münster ist mit etwa 1,92 Millionen Katholiken die nach Mitgliedern zweitgrößte Diözese Deutschlands. Das an die Niederlande angrenzende und bis an die Nordsee reichende Bistum ist auf einer Fläche von 15.000 Quadratkilometern in fünf Regionen gegliedert. Vier von ihnen liegen in Nordrhein-Westfalen. Hinzu kommt der eigenständige Offizialatsbezirk Oldenburg in Niedersachsen. Seit 29. März 2009 leitet Bischof Felix Genn das Traditionsbistum.

Autor/in:
Andreas Otto und Annika Schmitz
Quelle:
KNA