Münsteraner Studie schockiert Betroffenenbeiratssprecher

"Der Weg gelingt oder die katholische Kirche scheitert"

Die neueste Missbrauchsstudie, die aus dem Bistum Münster kommt, schockiert. Zunehmend wird klar, welchen Umfang sexualisierte Gewalt in der Kirche in der Vergangenheit einnahm. Doch welche Konsequenzen werden gezogen?

 Übergabe der Studie zu Macht und sexuellem Missbrauch in Münster
 / © Lars Berg (KNA)
Übergabe der Studie zu Macht und sexuellem Missbrauch in Münster / © Lars Berg ( KNA )

DOMRADIO.DE: Sind Sie bereits abgestumpft angesichts der immer neuen Meldungen zu sexualisierter Gewalt oder schockieren Sie die Ergebnisse der Missbrauchsstudie von Münster nach wie vor?

Johannes Norpoth (Sprecher des Betroffenenbeirates bei der Deutschen Bischofskonferenz): Wieder schockiert mich die Zahl, weil wenn man sich die Ausgangsstudien in den letzten Jahren angeguckt hat, dann ist aber einfach damit zu rechnen. Wenn die MHG-Studie schon von einem unfassbar großen Dunkelfeld ausgeht, dann müssen bei den folgenden Diözesan-Studien die Zahlen höher sein. Jedes Einzelschicksal, jedes Opfer sexualisierter Gewalt in unserer Kirche schockiert mit dem jeweiligen individuellen Schicksal, mit dem individuellen Leid und den Problemen, die sich über Generationen und über Jahrzehnte hinweg für die Betroffenen darstellen. Das schockiert immer wieder und wird auch nie aufhören zu schockieren.

DOMRADIO.DE: Wie bewerten Sie den wissenschaftlichen Ansatz der Münsteraner Studie, das Thema nicht juristisch zu betrachten?

Studie: Flächendeckender Missbrauch im Bistum Münster

Die Zahl der beschuldigten Priester und Missbrauchsopfer im Bistum Münster ist nach einer Studie der Universität Münster deutlich höher als bekannt. Laut der über zwei Jahre dauernden Forschungsarbeit eines fünfköpfigen Teams gab es von 1945 bis 2020 fast 200 Kleriker und bekannte 610 minderjährige Opfer von sexuellem Missbrauch. Damit sind 4,17 Prozent der Priester betroffen. Die Dunkelziffer ist erheblich höher. Die Forscher gehen von 5000 bis 6000 Opfern aus.

Studienergebnisse zum Missbrauch im Bistum Münster / © Guido Kirchner (dpa)

Norpoth: Ich sage das ein bisschen aus meiner eigenen Profession. Ich bin von Haus aus Soziologe. Insofern finde ich diese soziologisch-historisch begründeten, methodisch angelegten Studien sehr, sehr gut, weil sie eine Ursachenforschung machen und über Fallstudien darstellen, in welchen Systemen und in welchen Strategien Kirche in diesen Fragestellungen in den letzten Jahrzehnten gehandelt hat. Und das wird an dieser Stelle sehr, sehr deutlich, auch in der gesamten Breite des Milieus Kirche, weil die Studie nicht nur den Klerus, sondern auch die klerikale Basis in den Fokus dieser Studie genommen hat.

Das ist schon eine deutliche Weitung der bisherigen Studieninhalte und macht noch mal deutlich, wie die Problemlagen in unserer Kirche angesetzt sind und wo die Hebel für die Zukunft anzusetzen sind.

DOMRADIO.DE: Bei der Vorstellung jeder der Studien aus den verschiedenen Bistümern gibt es bundesweite Schlagzeilen. Aber gleichzeitig scheint der Effekt auch immer geringer zu werden und es gibt den Vorwurf, dass trotzdem nicht genügend passiert. Wie beurteilen Sie die Entwicklung?

Norpoth: Das Problem ist tatsächlich die Frage, was genau muss überhaupt passieren? Da gibt es unterschiedlichste Anforderungen und Forderungen. Die einen fordern dringend und schnellstmöglich die systemischen Ursachen der sexualisierten Gewalt in der Kirche anzugehen.

Man muss das natürlich noch einmal dazusagen, dass sexualisierte Gewalt grundsätzlich kein exklusives katholisches Problem ist. Die Fallhöhe, die katholische Kirche an dieser Stelle immer wieder mitmacht, die ist die größtmögliche, die man sich vorstellen kann. Weil wenn die, die für sich in Anspruch nimmt, die moralsetzende Institution auf diesem Globus zu sein, die aber so mit Menschen umgeht, mit Menschenleben und mit Leid umgeht, dann ist die Fallhöhe nun die Maximale.

Das ist sicherlich noch mal eine andere Situation. Aber es gibt auch immer die Frage: Welche Konsequenzen werden woraus gezogen? Die einen fordern, die systemischen Ursachen anzugehen, im Moment entspricht das dem Synodalen Weg. Die anderen fordern personelle Konsequenzen. Ich kann die Forderung nach personellen Konsequenzen durchaus nachvollziehen.

Wir haben aber in den letzten zwölf Monaten als Betroffene sehr, sehr schmerzhaft feststellen müssen, dass Vergehen im Umgang mit Missbrauchsopfern und mit Missbrauchstaten nicht dazu geführt haben, dass Bischöfe des deutschen Episkopats aus dem Bischofsstand, aus der Tätigkeit entlassen worden sind, oder aber die selbst eingereichten Rücktrittsgesuche angenommen worden sind. Da muss man wohl Vermögenswerte schädigen, damit das in Rom auf auf etwas hellere Ohren trifft als das, was wir jetzt immer wieder erleben. Insofern ist das ein sehr, sehr zweischneidiges Schwert. Da stumpft man schon auch als Betroffener ab, weil man einfach sagt, ja Gott, was sollen sie denn noch anstellen, bevor Rom reagiert?

Studienergebnisse zum Missbrauch im Bistum Münster / © Guido Kirchner (dpa)
Studienergebnisse zum Missbrauch im Bistum Münster / © Guido Kirchner ( dpa )

DOMRADIO.DE: Es klingt aber schon so ein bisschen resigniert, in Richtung Bischöfe. Die Bischöfe müssen also gar keine personellen Konsequenzen mehr anbieten, weil ohnehin nichts dabei rauskommt. Sie sollten sich lieber auf das konzentrieren, was sie verändern können?

Norpoth: Ich komme ja aus dem Ruhrgebiet. Insofern würde man jetzt hier sagen: Ja, das ist auch so. Man stelle sich vor, die deutschen Bischöfe treten jetzt in Gänze zurück. Das wäre sicherlich ein sehr, sehr deutliches Signal. In der Kirche von Chile haben wir ja so etwas schon einmal erlebt. Wenn man sich dann allerdings das deutsche Staatskirchenrecht anguckt, dann stellt man auf einmal fest, dass mindestens in den folgenden zwölf Monaten sich diese Kirche in diesen Fragestellungen keinen Millimeter bewegen wird. Und damit ist Betroffenen leider überhaupt nicht geholfen.

Insofern ist es sicherlich die Wahl zwischen Pest oder Cholera, das mag man unterschiedlich bewerten, aber mir sind Menschen lieber, die mit Reue und mit Tatkraft drangehen, um die Ursachen abzuschaffen, aber auch das Leid zu lindern. Es ist mir lieber als Menschen, die sich die sich zurückziehen und damit aus ihrer Gestaltungsmacht heraustreten.

DOMRADIO.DE: Schauen wir noch mal kurz auf den Synodalen Weg. Sie selber sitzen ja in der Synodalversammlung. Da gibt es auch eine Debatte, in der viele vorwerfen, dass am Ende doch nichts herauskommt, was an dem Grundproblem der sexualisierten Gewalt, was ja der Anlass gewesen ist, etwas ändern würde. Was müsste da aus Ihrer Sicht konkret passieren?

 Dritte Synodalversammlung
 / © Julia Steinbrecht (KNA)
Dritte Synodalversammlung / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Norpoth: Wir haben eine ganze Reihe von Themen, die auf dem Synodalen Weg angegangen werden, angefangen von Macht und Gewaltenteilung. Die ersten positiven Effekte sehen wir gerade in Paderborn. Da hat der Erzbischof seinen Rücktritt eingereicht und das Domkapitel will Laien an der Auswahl des Bischofs beteiligen.

Interessant ist, dass der Erzbischof zu Paderborn seinen Rücktrittsgesuch nach Rom schickt, ein Jahr vor Erreichen der Altersgrenze und wenige Wochen vor Veröffentlichung der Paderborner Missbrauchsfälle. Das sind schon ganz spannende und interessante Zeitzusammenhänge. Aber das ist eine Maßnahme.

Die Frage der der Geschlechtergerechtigkeit ist eine dringende und wichtige Frage. Es gibt aber auch wichtige Fragen in der Priesterausbildung. Wie gehen auch Priester mit mit der eigenen Sexualität um, sprich katholische Sexualmoral.

All die Dinge greifen systemisch ineinander und sind schlicht und ergreifend anzugehen. Und ja, katholische Kirche lernt gerade mit synodalen Strukturen umzugehen. Das ist sicherlich nicht einfach, aber der Weg gelingt entweder oder die katholische Kirche scheitert. Das muss man schlicht und ergreifend so sehen. Ich bin der festen Überzeugung, dass wenn dieser Synodalen Weg scheitert, scheitert die katholische Kirche in ihrer aktuellen Verfasstheit innerhalb weniger Jahre.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

Quelle:
DR