DOMRADIO.DE: Sie leben als aktive Katholikin im Spannungsfeld zwischen Glaube und Politik. Wie erleben Sie den 104. Deutschen Katholikentag in Würzburg?
Julia Klöckner (Präsidentin des Deutschen Bundestages): Ich sehe das nicht als besonderes Spannungsfeld an, am Ende ist ja unser ganzes Leben ein Spannungsfeld. Als Politikerin ist man ja nicht nur eindimensional. Ich bin gläubige Katholikin, getauft, Kirchensteuerzahlerin. Ich bin engagiert, war schon als Jugendliche kirchlich aktiv. Insofern erlebe ich den Katholikentag als eine große Debattenplattform und Bekenntnisplattform. Gleichgesinnte kommen zusammen und vielleicht infizieren sie ja den einen oder anderen positiv.
DOMRADIO.DE: Das Motto des Katholikentages ist "Hab Mut, steh auf!" Das Engagement für die Demokratie ist ein ganz wichtiges Thema hier. Wie sehen Sie das als Präsidentin des Deutschen Bundestages?
Klöckner: Das ist ein ganz wichtiger Punkt, denn letztlich machen Demokratie nicht andere für uns. Da ist jeder und jede von uns gefragt. Politik wird genauso wenig nur von Politikern gemacht wie Kirche nur vom Pfarrer oder vom Papst. Bei der Demokratie sind wir alle gefragt, denn wir alle sind ein Teil des Ganzen.
Das heißt auch, dass wir Meinungen aushalten müssen. Nicht immer ist der andere unchristlich, nur weil er etwas anderes vertritt. Man muss zuhören, hinhören. Jesaja 43 – wir waren gerade im Familiengottesdienst – sagt: "Ich habe dich beim Namen genannt." Jeder hat einen Namen, deshalb auch eine eigene Würde.
DOMRADIO.DE: Welche Rolle sollten die Kirchen für Sie im politischen Dialog spielen?
Klöckner: Das kann man gar nicht voneinander trennen. Wir haben viele Kolleginnen und Kollegen, die selbst engagierte Kirchenmitglieder sind oder kirchliche Funktionen haben und zugleich gewählte Politiker sind.
Der Dialog ist da immer wichtig, keine Frage. Wir haben aber alle unterschiedliche Funktionen. Schwierig wird es, wenn der eine glaubt, des anderen Aufgabe oder Position übernehmen zu müssen.
Wir kämpfen alle – Parteien wie auch Kirchen – mit Mitgliederschwund. Ich glaube, dass es bei der jüngeren Generation im Moment wieder eine Suche nach Kirche gibt, wenn wir zum Beispiel nach Frankreich schauen oder nach England. Gerade die Generation Z sucht dort gerade nach einem Halt. Dort werden im Moment mehr Jugendliche und Erwachsene getauft. Trotzdem müssen wir alle selbstkritisch bleiben und prüfen, wo wir alle gerade stehen.
DOMRADIO.DE: Sie kommen gerade aus dem Gottesdienst, Sie haben die Bibel zitiert, Sie sind gläubige Katholikin. Welche Rolle spielt für Sie dieser spirituelle Impuls – auf dem Katholikentag, aber auch generell für die Gesellschaft?
Klöckner: Der darf nicht untergehen! Ich habe manchmal den Eindruck, dass man gerne eine Bewegung hätte und nutzen möchte, für eine persönliche Überzeugung im Innerweltlichen. Wenn das Transzendente verloren geht, wird das eine Hülle. Ich sage öfters, dann haben wir eine NGO neben der anderen. Aber Kirche ist da mehr. Gerade das Spirituelle, das über den Tag hinausleitet, das über das innerweltliche Bekenntnis hinaus geht, danach suchen die Menschen doch. Gerade in Zeiten der Krisen und Kriege. Der Glaube bringt da Zuversicht und die Gewissheit, das alles Irdische am Ende auch begrenzt ist.
Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.