Bruder Paulus sieht auch in Krisenzeiten Hoffnungszeichen

"Hoffnung ist kein Denkprozess"

Viele Menschen empfinden die politische Weltlage mit ihren vielen Krisen und Konflikten als bedrückend. Der Seelsorger und Publizist Bruder Paulus erklärt, wie er damit umgeht und warum Hoffnung für ihn kein naiver Optimismus ist.

Autor/in:
Ina Rottscheidt
Symbolbild Friedenstaube / © LittlePerfectStock (shutterstock)
Symbolbild Friedenstaube / © LittlePerfectStock ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Die anhaltenden Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, die US-Intervention in Venezuela. Die NATO wackelt und die Nationalisten sind auf dem Vormarsch, ebenso der Klimawandel: Wir sind derzeit von multiplen Krisen umgeben. Viele Menschen erleben diese Situation als hoffnungslos. Sie auch?

Bruder Paulus Terwitte / © Bert Bostelmann (KNA)
Bruder Paulus Terwitte / © Bert Bostelmann ( KNA )

Bruder Paulus Terwitte (Autor, Kapuziner und Leiter des Kapuzinerklosters in Münster): In dieser Welt gab es schon immer Krisen, ein Blick in die Kirchengeschichte und die Weltgeschichte reichen. Immer schon waren die Menschen herausgefordert, zu reagieren auf das, was durch Entscheidungen der Mächtigen in Gang gesetzt wurde. Immer schon haben sie sich ohnmächtig gefühlt und mussten sich neu zurechtfinden in einer veränderten Welt. Im Verlauf der Menschheitsgeschichte sind wir also nicht allein mit der Lage, ich finde, das ist ein wichtiger Punkt.

Bruder Paulus

"Solange Kriege eine Nachricht wert sind, sind sie offenbar noch eine Abweichung von der Normalität."

DOMRADIO.DE: Ist es also eine Frage der Wahrnehmung, weil wir heute alle Nachrichten quasi in Echtzeit aus jeder Ecke der Welt erhalten?

Bruder Paulus: Die Logik der Medien, die ich sehr gut kenne, ist die, dass nur eine schlechte Nachricht eine Nachricht ist. Abweichungen von der Normalität werden vermeldet.

Das bedeutet aber auch: Solange Kriege eine Nachricht wert sind, sind sie offenbar noch eine Abweichung von der Normalität. Und normal ist eben, dass keine Kriege und keine Gewalt herrschen. Das halte ich mir vor Augen für die richtige Haltung für mein Leben: Ich schaue, auch in meinem persönlichen Leben: Wo ist Normalität? Und in Deutschland geht es uns heute – trotz allem – so gut wie schon lange nicht mehr. Und dann müssen wir sehen, was abweicht und wie uns das herausfordert, selbst tätig zu werden.

DOMRADIO.DE: Ist das die Basis für Hoffnung, auch in – scheinbar – hoffnungslosen Zeiten?

Bruder Paulus: Für mich ist Hoffnung nicht das Ergebnis eines Denkprozesses, sondern der Denkprozess macht mich erstmal realistisch. Und Hoffnung ist etwas, was Gott in mein Herz hineingestiftet hat, nämlich die Zusage, dass er uns alle und diese Welt so gewollt hat und dass dieser Wille nicht zurückgenommen wird.

Als Christ füge ich noch hinzu, dass das Leid und die Dunkelheit, die wir in dieser Welt erfahren haben, Gott selbst geteilt hat. Wir haben in den dunklen Stall von Bethlehem geschaut, wir werden ins Grab schauen an Ostern und wir werden dann sehen: Die Auferstehung und das Licht sind stärker als alles andere.

Und das ist das, was in meinem Herzen auch ist: Ich sehe in jeder Herausforderung, in jeder dunklen Wolke, in jeder schlechten Nachricht zwar die Dunkelheit, aber es ist in Gottes Hand. Und das ist alle ein Teil des kreativen Prozesses, den Gott in Richtung Auferstehung führt.

Bruder Paulus

"Der Glaube ist neben Hoffnung und Liebe eine der göttlichen Tugenden, die in jedem Menschen angelegt sind."

DOMRADIO.DE: Das heißt, der Glaube hilft beim Hoffen?

Bruder Paulus: Der Glaube ist neben Hoffnung und Liebe eine der göttlichen Tugenden, die in jedem Menschen angelegt sind. Im Herzen eines jeden Menschen steckt die Kraft seines Menschseins, die Fähigkeit zu vertrauen, dass Auferstehung und eine gute Entwicklung möglich sind.

Ich spreche in der Seelsorge mit vielen Menschen, ich war lange Notfallseelsorger und habe in der Hospizarbeit Sterbende und Trauernde begleitet. Und ich teile mit ihnen diese Not und dieses Leid, wie Gott es tut. Indem wir uns in der Not solidarisieren, das Gespräch nicht abbrechen, nicht die Isolation wählen, sondern unsere Schwächen und Ängste zeigen dürfen, kann die Hoffnung wieder ihr Werk tun.

DOMRADIO.DE: Hilft Beten dabei?

Bruder Paulus: Wenn Beten nicht auf das Aufsagen von Formeln reduziert wird! Ich bete zum Beispiel jeden Tag den Rosenkranz und lasse mich in den Rhythmus von Sprache hineinfallen und in die Zusage, dass der Herr mit mir ist, auch in der Stunde des Todes. Darin bin ich geborgen und zuversichtlich, dass sich darin sich etwas auftun wird, in dem ich bestehen werde. Nicht so, wie ich mir das wünsche, aber in einer ganz neuen Gestalt.

Bruder Paulus

"Ich bin da sehr zuversichtlich und hoffnungsfroh, weil Gott nicht aufhört, Neues zu schaffen."

DOMRADIO.DE: Und was ist Ihr Rat als Seelsorger an die Menschen in Sorge, was ist der erste Schritt da raus?

Bruder Paulus: Der erste Schritt ist, sich anzuvertrauen. Seelsorge ist die helfende Hand, die wir denen reichen, die zittern, die Angst haben, die im Dunkeln sind. Indem ich bei ihnen bin, dürfen sie schwach sein und dann kann der Keim der Hoffnung wachsen.

Ich sage als Seelsorger eigentlich ziemlich wenig, sondern ich zeige den Menschen: Du darfst dich bei mir sehen lassen, in deiner Not, in deiner Sünde, in deiner Verwirrung, in deinem Durcheinander. Ich würde mir sehr wünschen, dass unsere Gottesdienste auch Orte wären, in denen es für das alles mehr Raum gibt, in denen wir nicht nur Halleluja singen, sondern auch miteinander klagen.

Und zugleich sollte dieses "da sein" die Berufung eines jeden Christen sein. Ich besuche oft Gemeinden, die mir erzählen: "Es geht alles zu Ende, es ist alles weniger!" Dann sage ich: "Liebe Leute, wenn als Christen das Ende sehen, dann sehen wir auch schon das Leuchten der Auferstehung." Und das ist eigentlich ein Grund zur Freude. Sonst wäre unser ganzes Reden vom Tod und von der Auferstehung Jesu sinnlos. Aber das haben viele nicht so auf dem Schirm. Aber ich bin da sehr zuversichtlich und hoffnungsfroh, weil Gott nicht aufhört, Neues zu schaffen.

Das Interview führte Ina Rottscheidt.

Quelle:
DR

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