So vereinbart NRW-Minister Liminski seinen Glauben und die Politik

Christen machen "die Welt menschlicher"

Nathanael Liminski, Medienminister in NRW, war zu Besuch bei DOMRADIO.DE. Dabei verriet er, woher er seine Hoffnung zieht und wie er die Konflikte zwischen seinem christlichen Glauben und seinem politischen Handeln in Einklang bringt.

Autor/in:
Ina Rottscheidt
Minister Nathanael Liminski zu Gast bei DOMRADIO.DE. / © Julian Kendziora (Staatskanzlei NRW)
Minister Nathanael Liminski zu Gast bei DOMRADIO.DE. / © Julian Kendziora ( Staatskanzlei NRW )

DOMRADIO.DE: Herr Liminski, es scheint so, als wären wir derzeit von mehr Krisen denn je umgeben: Die Kriege in Nahost und in der Ukraine, das Agieren der USA, die NATO ist geschwächter denn je, jetzt droht Trump auch noch Grönland. Wie besorgt sind Sie persönlich? 

Nathanael Liminski (Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Internationales sowie Medien des Landes Nordrhein-Westfalen): Ich kann verstehen, dass viele Menschen den Eindruck haben, diese Zeit sei besonders geprägt von Krisen, Konflikten und Kriegen. Umso wichtiger ist es, dass sie natürlich auch die gegenteilige Erfahrung machen, dass Politik, die sie selbst gewählt haben, funktioniert und dass der Staat seiner Grundfunktion nachkommt. 

Das versuchen wir hier in Nordrhein-Westfalen, und das gelingt mal mehr, mal weniger – aber ich glaube, insgesamt schon. Das ist auch wichtig, damit wir die Fliehkräfte nicht zu groß werden lassen, sowohl was die Gegner von außen angeht, aber natürlich auch die von innen, die versuchen, mit der Wut und dem Zorn politisch zu wirtschaften und nicht wirklich Lösungen beizutragen. 

Nathanael Liminski

"Ich ziehe Hoffnung aus meinem Glauben. Aus der Gewissheit, als Politiker nur für die vorletzten Antworten zuständig zu sein und nicht für die letzten."

DOMRADIO.DE: Woraus ziehen Sie persönlich Hoffnung? 

Liminski: Ich persönlich ziehe Hoffnung zum einen aus meinem Glauben. Aus der Gewissheit, als Politiker nur für die vorletzten Antworten zuständig zu sein und nicht für die letzten. Das ist keine Flucht aus der Verantwortung, sondern das ist auch ein Stück weit einfach, auf dem Boden zu bleiben und natürlich selbst zu erleben, dass das, was ich tue, auch eine Wirkung hat und etwas verändern kann. Das ist auch ein Privileg politischer Ämter, das ich erleben darf. Das ist natürlich auch mit viel Arbeit verbunden und manchem Opfer, aber das tue ich gern. 

DOMRADIO.DE: Wie oft lassen Sie sich in Ihrem politischen Alltagsgeschäft von Ihrem Glauben, Ihren Überzeugungen und Ihren christlichen Werten leiten? 

Minister Nathanael Liminski zu Gast / © Julian Kendziora (Staatskanzlei NRW)

Liminski: Ich glaube, der christliche Glaube prägt das Menschenbild und damit auch das Bild von einer Gesellschaft, sicherlich auch das Verhältnis von Staat und einzelnen Bürgern. Das ist etwas, wobei die "Grundierung" eine ganz relevante Rolle spielt. In Einzelfragen ist das seltener der Fall, als man landläufig meint. 

Nicht jede Frage ist ein Glaubenskonflikt oder eine Gewissensentscheidung, sondern häufig einfach eine Güterabwägung: Was ist gut für Land und Leute? Das ist der Maßstab, den ich auch in meinem Amt anzuwenden habe, und dem versuche ich gerecht zu werden.

Nathanael Liminski

"Mit Blick auf die Migrationspolitik streiten in mir ein Stück weit der Christ Nathanael Liminski und der Konservative und Amtsträger Nathanael Liminski."

DOMRADIO.DE: Aber manche politischen Entscheidungen sind eben doch Gewissensentscheidungen, Stichwort Migrationspolitik oder damals die Corona-Politik. Wie oft sehen Sie als Politiker, der gleichzeitig ein gläubiger Mensch ist, dass die Realpolitik mit Ihren persönlichen, christlichen Werten kollidiert? Der Christ würde beispielsweise zu den Migranten, die zu uns kommen, sagen: Lasst sie alle zu uns kommen, denn sie sind Geschöpfe Gottes, wir müssen sie aufnehmen und mit Würde behandeln. Die CDU sagt hingegen: Es geht nicht, nicht alle können hier rein. Wie oft stehen Sie da vor einem Dilemma? 

Liminski: Es ist schon so, dass gelegentlich mein Anspruch, aus dem christlichen Maximum, aus dem christlichen Optimum, aus dem christlichen Ideal heraus, und die Realität kollidieren. Sowohl die Realität im Land als auch die Realität des eigenen Tuns. Dann ist mir wichtig, zu vermitteln: Was wollte ich, was würde ich gerne, wonach strebe ich? Diese Haltung zum Ausdruck zu bringen. Und gleichzeitig zu erklären, warum all das vielleicht nicht geht. 

Nathanael Liminski,Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Internationales sowie Medien des Landes Nordrhein-Westfalen / © Beatrice Tomasetti (DR)
Nathanael Liminski,Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Internationales sowie Medien des Landes Nordrhein-Westfalen / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Minister Nathanael Liminski bei einem Gottesdienst im Kölner Dom.

Mit Blick auf die Migrationspolitik etwa streiten dann in mir, ein Stück weit der Christ Nathanael Liminski und der Konservative und Amtsträger Nathanael Liminski der sehen muss: Was kann dieses Land leisten, versus was würde man gerne, dass dieses Land leisten kann? Das ist dann sozusagen der Konflikt, den man aushalten muss und den man auch erklären kann. 

Wichtig ist, dass man persönlich erläutert, was einen antreibt. Es kann insofern schon noch dem christlichen Anspruch gerecht werden, in der Frage, wie Sie darüber reden. Dass Sie zum Beispiel den einzelnen Menschen mit seiner Würde im Blick behalten und auch so behandeln, und ihn nicht als Masse oder als Problem objektiviert behandeln. Dann bleibt es christlich, trotz Konflikten. 

DOMRADIO.DE: Die Mitgliedszahlen der Kirchen in Deutschland schrumpfen beharrlich. Es gibt eine immer geringere gesellschaftliche und politische Relevanz der Kirchen. Kirchen werden auch immer seltener von der Politik bei großen moralischen und ethischen Fragen und Entscheidungen als Ratgeber einbezogen, im Vergleich zu früher. Bedauern Sie das, oder muss man das einfach auch als eine gesellschaftliche Entwicklung hinnehmen, im Zuge der Säkularisierung? 

Minister Nathanael Liminski zu Gast / © Julian Kendziora (Staatskanzlei NRW)

Liminski: Zum einen gibt es natürlich eine starke Diversifizierung von Meinungen und Perspektiven. Durch die Digitalisierung werden auch die Perspektiven aus der ganzen Welt hereingeholt, durch das Internet, durch soziale Netzwerke, sodass die Vielfalt der Meinungen, der Einschätzungen, der Bewertungen natürlich rasant zugenommen und damit natürlich die Bedeutung Einzelner abgenommen hat. 

Das andere ist, dass natürlich die Bindungskraft nachlässt, wenn es weniger Mitglieder und Kirchgänger gibt. Das gehört einfach zur Wahrheit dazu. Deswegen muss sich die Kirche im Dritten selbst die Frage stellen: Wie sehr gelingt es ihr, die Botschaft relevant für heute und für jeden Einzelnen zu übersetzen in diese Zeit? 

Nathanael Liminski

"Christen sind ja nicht Christ für sich selbst, um sich gut zu fühlen oder um irgendeinen Leistungskatalog zu erfüllen, sondern am Ende, um diese Welt menschlicher zu machen."

Mit Kirche meine ich aber nicht nur die Bischöfe und die hauptamtlichen Strukturen, sondern Jede und Jeden selbst. Denn auch die Laien sind Kirche. Das dann zu übersetzen und zu vermitteln, im persönlichen Gespräch, auch durch das Zeugnis, im Internet, in sozialen Netzwerken, und damit anderen ermöglichen, sich selbst das zu eigen zu machen, das ist der große Auftrag dieser Zeit. 

Wichtig ist mir, immer wieder daran zu erinnern: Wir tun das ja nicht für uns selbst. Christen sind nicht Christen für sich selbst, um sich gut zu fühlen oder um irgendeinen Leistungskatalog zu erfüllen. Sondern, am Ende, sind sie da um diese Welt menschlicher zu machen und auch anderen den Weg zu eröffnen. Das ist der Grund für die Weitergabe des Glaubens.

Ich halte das im Übrigen für sozusagen das erste Gebot, das nicht für sich zu behalten, wenn man das als Schatz und Hoffnung erlebt hat, erleben durfte, sondern das dann auch weiterzugeben. 

DOMRADIO.DE: Wo sehen Sie die katholische Kirche in 50 Jahren? 

Liminski: Ich hoffe, dass die katholische Kirche in 50 Jahren noch mehr für sich selbst erkannt hat, worin ihr "unique selling point" für diese Welt und für die Menschen in dieser Welt und in dieser Zeit liegt, und den vielleicht noch besser als heute vermittelt bekommt. Das ist aber ein ständiges Ringen. 

Nathanael Liminski

"Es hängt am Ende auch nicht nur am Bodenpersonal, sondern diese Kirche hat einen Grund, warum es sie gibt und warum sie geschaffen worden ist."

So war es im Übrigen auch durch all die Jahrhunderte hindurch, und insofern können wir uns auch ein Stück weit darauf verlassen, dass auch andere Generationen vor diesem Konflikt standen. Man glaubt immer, in der aktuellen Generation sei es am allerschwersten. Aber wir haben gleichzeitig auch so viele Chancen wie keine andere Generation. Wir haben so viel kumuliertes Wissen wie keine andere Generation vor uns. Wir haben so viele technische Möglichkeiten wie keine andere Generation vor uns. 

Wenn wir so die Perspektive wechseln, dann mache ich mir um die Zukunft der Kirche am Ende keine Sorgen. Dies liegt auch daran, dass es eine Zusage vom Stifter dieser Kirche gibt. Es hängt am Ende auch nicht nur am Bodenpersonal, sondern diese Kirche hat einen Grund, warum es sie gibt und weshalb sie geschaffen worden ist. Darauf müssen wir uns verlassen, ohne uns darauf auszuruhen. 

Das Interview führte Ina Rottscheidt.

Quelle:
DR

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