DOMRADIO.DE: Sie waren vier Tage in Syrien: Wie ergeht es den Christen dort? Welche Begegnung ist Ihnen am eindrücklichsten in Erinnerung?
Bertram Meier (Bischof von Augsburg, Vorsitzender der Kommission Weltkirche bei der DBK): Es ist sehr schwierig, darauf eine eindeutige Antwort zu geben, denn die Lage ist komplex. In Syrien gibt es eine große Vielfalt christlicher Kirchen, viele davon sind in der Hauptstadt Damaskus. Deshalb haben wir in den vergangenen Tagen vor allem dort die kirchlichen Verantwortungsträger getroffen.
Wenn Sie nach der Situation der Christen fragen: Es gibt diejenigen, die - so paradox es klingen mag - Assad nachtrauern, denn unter ihm erging es den Christen nicht so schlecht. Die Mehrheit blickt allerdings in die Zukunft und will wissen: Wie wird die Gesellschaft unter den neuen Machthabern, unter dem neuen Präsidenten aussehen? Wohin wird das Land steuern? Wird es eine muslimische Staatsform geben? Ein Erzbischof sagte mir, er fürchte, dass die Christen nur noch eine Art Gaststatus hätten und geduldet würden. Darum herrscht unter den Christen eine gewisse Angst.
Es wird darauf ankommen, dass die Christen nicht klein beigeben, dass sie, auch wenn sie eine kleine Herde sind, Profil zeigen, nach dem Motto: Uns gibt es auch und wir wollen das künftige Syrien mitgestalten.
DOMRADIO.DE: Sie haben auch die St. Elias Kirche in Damaskus besucht, auf die im vergangenen Sommer ein Anschlag verübt wurde, bei dem über 20 Menschen getötet wurden. Wie sehr wirkt das bei den Menschen nach?
Bischof Meier: Wir haben mit dem Pfarrer gesprochen, der damals die Heilige Messe zelebrierte, als der Islamist den Selbstmordanschlag verübte. Aber auch darauf müssen wir differenziert blicken: Wir haben im Gespräch erfahren, dass es durchaus ein Miteinander gibt. Wir haben zum Beispiel mit der Sozialministerin gesprochen, der einzigen christlichen Ministerin im jetzigen Kabinett. Sie hat den interreligiösen Dialog sehr im Blick. Den interreligiösen Dialog gibt es, wenn auch nicht so sehr von oben verordnet, aber an der Basis, wo Christen und Muslime friedlich zusammenleben und gemeinsam versuchen, der Gesellschaft ein friedliches Gesicht zu geben.
Auf der anderen Seite gibt es Extremisten, die dieses friedliche Miteinander gefährden und die politische Instrumentalisierung der Religion anheizen.
DOMRADIO.DE: Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa sagt, er wolle die Freiheit der Religionen und Minderheiten schützen. Er ist ein ehemaliger Dschihadist, jetzt aber auch ein gefragter Gesprächspartner im Westen. Glauben Sie ihm?
Bischof Meier: Ich nehme ihm den guten Willen ab. In den Gesprächen, die wir geführt haben, klang immer wieder durch, dass der jetzige Präsident eine etwa zehnjährige Entwicklungsphase durchlaufen hat, hin zu mehr Öffnung und Toleranz.
Auf der anderen Seite haben wir beobachtet, dass es zum Beispiel in Moscheen wieder eine sehr klare Trennung zwischen Männern und Frauen gibt. In Restaurants wird der Alkoholausschank nicht gerne gesehen. Was angeprangert wird, ist das Thema Wahlen: Wann wird es freie Wahlen geben? Und wie viele Abgeordnete werden dann tatsächlich per Wahl bestimmt und wie viele vom Präsidenten und seinem Regierungsapparat? Wohin die Reise geht, ist noch nicht klar.
DOMRADIO.DE: Sie waren auch in Maalula, einer der ältesten christlichen Gemeinden Syriens. Im Alltag wird dort teilweise noch Aramäisch gesprochen, die Sprache Jesu. Das Dorf wurde 2013 von Dschihadisten überfallen, Kirchen wurden geplündert und Nonnen wurden verschleppt Was hält man dort von dem neuen Regime?
Bischof Meier: Das war ein sehr eindrückliches Erlebnis, denn wir haben dort das griechisch-orthodoxe Kloster der Heiligen Thekla besucht, ebenso wie das Kloster der Heiligen Sergius und Bacchus aus dem 4. Jahrhundert, eines der ältesten Klöster der Welt. Dort haben wir das Urgestein der christlichen Spiritualität betreten. Und gleichzeitig sind Christen dort nur noch eine verschwindende Minderheit. Früher machten sie 70 Prozent der Bevölkerung aus. Das muss uns schon zu denken geben.
Aber sie halten diese Klöster und Heiligtümer am Leben, vor allem die Ordensschwestern. Im Kloster der Heiligen Sergius und Bacchus ist es ein einziger Mönch, der die Fahne hochhält und ausharrt. Christen sind bei diesen Heiligtümern im wahrsten Sinne des Wortes die Wächter, aber auch die "Verlebendiger". Das freut mich sehr und ich habe einen großen Respekt vor dem, was sie tun.
Wir haben in Maalula auch eine aramäische Familie besucht: Was mich sehr bewegt hat, war, als die Familie zum Abschluss das Vaterunser in der Sprache Jesu, in Aramäisch, gebetet hat. Das geht unter die Haut. Und als Bischof war ich dann eingeladen, der Familie den Segen zu geben.
DOMRADIO.DE: Die Zahl der Christen in Syrien ist seit Beginn des Bürgerkriegs 2011 drastisch von rund 1,5 Millionen auf geschätzte 400.000 gesunken. Was würde es für das Land bedeuten, wenn es irgendwann keine Christen mehr gäbe?
Bischof Meier: Christen stellen einen großen Teil der Bildungselite. Viele von ihnen sind gut ausgebildete Fachkräfte, sprechen Fremdsprachen und möchten studieren. Und dass sie in so einem Land mit einer galoppierenden Inflation nicht bleiben wollen, wundert nicht. Ich denke, wir können die jungen Leute nicht zwingen, im Land zu bleiben. Aber ich wünsche mir, und das tun auch die Bischöfe in Syrien, dass gerade die christliche Elite, die junge Generation sagt: Die Heimat ist uns wichtig, wir bringen unsere Fähigkeiten da ein und helfen mit, das Land wieder aufzubauen.
Das Interview führte Ina Rottscheidt.