DOMRADIO.DE: Wie erleben Sie Ihren Alltag, wenn Sie gleichzeitig sehen, was in Syrien passiert?
Nalin Ciftci (HÁWAR.help): Ich muss sagen, dass es meine Arbeit bei HÁWAR.help ist, darüber zu informieren. Das macht es ein Stück weit einfacher, weil ich das Gefühl habe, etwas tun zu können.
Ich habe zum Beispiel zwei Freunde verloren, die gekämpft haben. Ich arbeite jeden Tag mit diesen Themen und sehe täglich schreckliche Bilder. Es heißt, dass man mit der Zeit abgehärtet werde, aber das stimmt nicht, wenn es um die eigenen Leute geht. Dann ist es emotional sehr belastend. Ich versuche, den Alltag weiterzuführen, während ich weiß, dass die eigene Familie, die eigene Gemeinschaft gerade ihr Zuhause verliert.
DOMRADIO.DE: Sie arbeiten mit der Nichtregierungsorganisation HÁWAR.help zusammen und informieren über die Lage vor Ort. Wie stellen Sie sicher, dass die Informationen, die Sie teilen, verlässlich sind?
Ciftci: Das ist ein wichtiger Punkt. Gerade in den sozialen Medien kursieren viele Propaganda-Videos und Falschinformationen. Social Media ist leider ein Raum, in dem Fake News schnell verbreitet werden. Bei HÁWAR.help arbeiten wir deshalb eng mit den Menschen vor Ort zusammen, zum Beispiel aus Rojava (Region im Nordosten Syriens und Name der demokratischen Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien, Anm. d. Red.).
Unsere Quellen stammen häufig aus erster Hand. Trotzdem prüfen wir sie. Das heißt nicht, dass uns keine Fehler passieren, aber wir gehen sorgfältig mit der Thematik um. Uns ist wichtig, Informationen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und insbesondere Minderheiten zu Wort kommen zu lassen, da sie am stärksten gefährdet sind. Jedes Video, jedes Foto und jede Information, die wir erhalten, wird hinterfragt: Ist das Material aktuell? Woher stammt es? Lässt es sich verifizieren? Wir bekommen täglich sehr viele Hinweise aus unterschiedlichen Quellen. Die Prüfung ist aufwendig, aber notwendig, um verantwortungsvoll zu informieren.
DOMRADIO.DE: In der Region Rakka (Ar-Raqqa) in Syrien haben Kurden ursprünglich mit arabischen Stämmen zusammengearbeitet. Später kam es dort zu Brüchen und Gewalt. Wie bewerten Sie diese Erfahrung?
Ciftci: Rojava gilt als Region, in der unterschiedliche Minderheiten friedlich zusammenleben. Dieses Zusammenleben ist Teil eines politischen und gesellschaftlichen Systems, das nicht nur den Schutz von Minderheiten vorsieht, sondern auch Frauenrechte und feministische Prinzipien in den Mittelpunkt stellt. Konzepte wie "Jin, Jiyan, Azadî" (Kurdisch für "Frau, Leben, Freiheit") haben hier ihren Ursprung.
Umso beunruhigender sind die aktuellen Umbrüche und Spannungen zwischen Kurden, Arabern und anderen syrischen Bevölkerungsgruppen. Man darf nicht vergessen, dass die kurdischen Gebiete über Jahre hinweg kaum sicher waren. Städte wie Kobane wurden erst 2015 vom sogenannten Islamischen Staat befreit. Auch wenn vieles davon international kaum wahrgenommen wurde, herrschten in der Region immer wieder Chaos und Unsicherheit. Dass diese Gebiete nun erneut angegriffen werden, gefährdet die ohnehin fragile Stabilität.
DOMRADIO.DE: Immer wieder hört man, dass der sogenannte Islamische Staat keine relevante Terrorgruppe mehr sei. Wie nehmen Sie diese Aussage angesichts der aktuellen Konflikte wahr?
Ciftci: Ich bin selbst Jesidin. 2014 musste ich miterleben, wie mein eigenes Volk nahezu ausgelöscht wurde. Ein Problem ist, dass wir Probleme oft nicht mehr wahrnehmen, wenn sie aus der Öffentlichkeit verschwinden. Gerade jetzt wurden IS-Kämpfer aus Gefängnissen durch die syrische Übergangsregierung und die HTS-Milizen freigelassen. Deshalb finde ich Aussagen, wie der IS sei kein Problem mehr, extrem gefährlich. Besonders für Jesidinnen und Jesiden in der Diaspora ist es eine psychische Belastung, zu hören, dass der Terror vorbei sei, und gleichzeitig zu sehen, was in Rojava geschieht. Beides gleichzeitig wahrzunehmen, ist schwer auszuhalten.
DOMRADIO.DE: Wie stark beeinflusst die Situation in Syrien dein eigenes Identitätsgefühl und auch dein Gefühl von Heimat in Deutschland?
Ciftci: So widersprüchlich es klingt, dieser Krieg hat auch eine Seite, die Hoffnung gibt. Gerade jetzt sehen wir, dass alle Kurden zusammenhalten. Auf den Demonstrationen stehen Menschen unterschiedlicher Minderheiten und Religionen nebeneinander. Wir zeigen der Welt, dass wir diese Zeit gemeinsam durchstehen.
2014 und 2015 waren schlimme Jahre. Heute bin ich älter und beschäftige mich stärker mit der Thematik. Dadurch nehme ich alles noch viel intensiver wahr.
In der Diaspora fühlen sich viele Kurden im Stich gelassen. Damals haben wir den entscheidenden Beitrag im Kampf gegen den IS geleistet. Jetzt, wenn wir Hilfe brauchen von den westlichen Menschen, von anderen Minderheiten oder vielleicht auch aus anderen Ländern, wie zum Beispiel von unserer deutschen Bundesregierung, werden wir im Stich gelassen.
DOMRADIO.DE: Zur Zeit finden in Deutschland und auch weltweit Demonstrationen statt. Was fordert ihr von westlichen Staaten und auch von kurdischen Organisationen, damit sich etwas ändert?
Ciftci: Die Schwäche vieler dieser Demonstrationen ist, dass sie oft nur von Kurden für Kurden organisiert werden. Man trifft auf den Straßen vor allem Menschen aus der eigenen Community. Deshalb richtet sich mein Appell auch an andere. Viele fragen sich, was sie schon ausrichten könnten. Aber auf die Straße zu gehen und so Solidarität zu zeigen, ist schon der erste Schritt. Den Menschen zu zeigen, dass sie nicht allein sind, mag für Einzelne nur ein kleiner Akt sein, aber für uns Minderheiten und besonders für die Kurden bedeutet es unglaublich viel.
Hinzu kommt, dass über die Lage kaum berichtet wird oder vieles verzerrt dargestellt wird. Zum Beispiel hört man immer wieder, dass IS-Kämpfer aus Gefängnissen geflohen seien. Tatsächlich wurden ihnen aber die Türen geöffnet. Solche Fakten klar zu benennen und den Menschen zu zeigen, dass sie nicht allein sind, ist immens wichtig.
DOMRADIO.DE: Welche Rolle spielt der interreligiöse Dialog zwischen Kurden, Christen, Jesiden und Drusen in der aktuellen Lage?
Ciftci: Er ist extrem wichtig. Kurdistan und besonders Rojava sind bekannt für das Zusammenleben unterschiedlicher Gruppen. Dort stehen Moscheen, Kirchen und Jesiden-Tempel in Koexistenz. Für Extremisten, Faschisten oder Dschihadisten sind wir als einzelne Minderheiten oft nur Opfer. Umso wichtiger ist es, dass die Minderheiten zusammenhalten und sich gegenseitig unterstützen.
Das Interview führte Carolina Graef Alarcón.