"Der Alltag für Christen ist ein täglicher Kampf ums Überleben", sagt Pater Fadi Azar. Verfolgung, Diskriminierung und eine immer größere Unsicherheit prägten das Leben der christlichen Minderheit. Der Franziskaner lebt und arbeitet in der syrischen Stadt Aleppo. Am Wochenende war er auf Einladung des katholischen Hilfswerks "Kirche in Not" in Köln zu Gast und berichtete dort eindringlich über die Lage in seiner Wahlheimat.
Christen würden in Syrien nicht nur wirtschaftlich an den Rand gedrängt, sondern auch gezielt eingeschüchtert. "Christen werden an ihren Kirchen verfolgt und an ihren Arbeitsplätzen diskriminiert", berichtet Azar. Gottesdienste könnten vielerorts nur noch unter Polizeischutz stattfinden. "Wir wollen unseren Glauben frei ausüben, ohne bewacht zu werden, ohne Angst zu haben, dass jemand hereinkommt und sich in die Luft sprengt."
Angst vor Anschlägen
Die Bedrohung ist real: Erst im Juni 2025 hatte sich ein Selbstmordattentäter in der St.-Elias-Kirche in Damaskus in die Luft gesprengt und dabei mindestens 20 Menschen getötet. Später reklamierte der IS die Tat für sich. Seitdem herrsche große Angst unter den Christen, erzählt der Franziskaner. Erst kürzlich sei ein Islamist in die griechisch-katholische Kathedrale in Damaskus eingedrungen und habe vorne am Altarraum laut aus dem Koran rezitiert und öffentlich zum Übertritt zum Islam aufgerufen. Besonders traumatisch sei ein vereitelter Selbstmordanschlag an Weihnachten gewesen. "Wenn es keine Polizisten gegeben hätte, wäre es zu einem großen Massaker gekommen", sagt Azar. Die Angst um das eigene Leben und das der Kinder sei allgegenwärtig.
Die Ursachen sieht der Ordensmann in dem jahrelangen Bürgerkrieg, der dem Sturz des Assad-Regimes vorausging: "Der IS hat seine islamistische Ideologie verbreitet, den Hass auf alle, die anders sind als sie selbst, anders als der Islam. Der Hass ist in den Köpfen. Das aufzulösen, braucht viel Zeit!" Nicht nur Christen, auch andere Minderheiten wie Drusen, Kurden und Alawiten leben in Sorge.
Wofür steht der Präsident?
Zwar betont Interimspräsident Ahmed al-Scharaa, andere Religionen und Minderheiten schützen zu wollen, er gibt sich betont gemäßigt und ist gefragter Gesprächspartner im Westen. Doch in der Vergangenheit war er dschihadistischer Kämpfer. Fadi Azar ist misstrauisch: "Ich bin nicht überzeugt", sagt er. Und auch viele andere Christen würden al-Scharaa nicht vertrauen. "Das Problem ist nicht der Schutz einzelner Kirchen, sondern die Ideologie in den Köpfen der Menschen", warnt er. Viele Christen und auch gemäßigte Muslime seien nicht überzeugt, dass ihre Rechte langfristig gesichert würden.
Neben der Angst vor Gewalt belasten Armut und Mangel den Alltag. Strom und Wasser seien knapp, das Leben teuer, die Einkommen extrem niedrig. Erst Anfang des Jahres lieferten sich in Aleppo syrische Regierungstruppen schwere Gefechte mit kurdischen Kämpfern. Viele Christen sähen deshalb keinen anderen Ausweg mehr als die Flucht. "Sie sagen uns: Vater, wir brauchen keine wirtschaftliche Hilfe mehr. Helfen Sie uns, das Land zu verlassen – für unsere Kinder", erzählt der Franziskaner.
Mehr Sozialarbeiter als Seelsorger
Er und seine Mitbrüder im Land helfen, wo sie können: "Wir müssen an der Seite der Menschen stehen", sagt Bruder Fadi. Die Kirche sei oft der einzige Ort, an dem Bedürftige Unterstützung erhielten, ungeachtet ihrer Religion oder Herkunft. Dabei würden Geistliche zunehmend zu Sozialarbeitern. Und Bischöfe zu wichtigen politischen Vermittlern, wenn es um den Schutz der Religionen geht.
Besonders dramatisch ist der Blick in die Zukunft: Lebten vor Beginn des Bürgerkrieges 2011 noch rund 1,5 Millionen Christen in Syrien, sind es heute nur noch schätzungsweise 300.000. Studien gehen davon aus, dass es dort in wenigen Jahrzehnten kaum noch Christen geben wird. "Das wäre ein großer Verlust für das ganze Land", sagt Azar. Christen hätten über Jahrhunderte Schulen, Krankenhäuser und das gesellschaftliche Leben geprägt.
Ende der Geschichte
Und es wäre das Ende einer 2000-jährigen Geschichte: Die Bekehrung des Paulus soll der Überlieferung zufolge auf dem Weg nach Damaskus stattgefunden haben. Und in dem christlich geprägten Dorf Maalula sprechen die Menschen bis heute Aramäisch, die Sprache Christi. "Das ist auch unser Land, wir sind keine Gäste", sagt der Franziskaner.
Doch auch Fadi Azar hat schon darüber nachgedacht, zu gehen. Als Palästinenser mit jordanischen Wurzeln wurde er 2015 von Kardinal Pizzaballa, dem Kustos des Heiligen Landes, für drei Monate nach Syrien geschickt. Es wurden elf Jahre. Doch letztes Jahr wäre Bruder Fadi gerne gegangen: "Aber sie sagten zu mir: 'Fadi, wir brauchen dich hier!' und ich würde mich schuldig fühlen. Aber ehrlich gesagt ist es für mich innerlich ein Kampf, ein täglicher Kampf!"
Und so machen er und seine Mitbrüder weiter, auch wenn es ihnen persönliche Opfer abverlangt. Er hofft auf die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft und er weiß auch: "Die Geschichte lehrt uns, dass die Christen in den letzten 2000 Jahren immer wieder verfolgt wurden: während des Römischen Reiches, während des Osmanischen Reiches, unter islamischer Herrschaft. Aber wir haben überlebt!" Seine Hoffnung schöpft er aus dem Glauben: "Meine Energie kommt von Gott. Von den Menschen, die für mich beten, und von den Menschen, die mich brauchen."