Bischof Fürst befürwortet Waffenlieferungen an die Ukraine

"Helfen, dass Notwehr möglich ist!"

Im Kontext des Katholikentages wird auch über die Frage von Waffenlieferungen diskutiert. Der gastgebende Bischof befürwortet diese, auch wenn das der christlichen Friedensethik von Pazifismus und Abrüstung widerspricht.

Bischof Gebhard Fürst / © Julia Steinbrecht (KNA)
Bischof Gebhard Fürst / © Julia Steinbrecht ( KNA )

DOMRADIO.DE: Rund 1.000 Menschen haben an diesem Freitag beim Katholikentag in Stuttgart bei einer Friedenskundgebung Solidarität mit der Ukraine gezeigt. Sie sagen, dass diese Demonstration Ihnen besonders wichtig war. Sind Sie zufrieden mit der Resonanz?

Dr. Gebhard Fürst (Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart): Wir wollten eine Botschaft aussenden, die unsere Kirchen und die Christen erreichen sollte und die auch bedeutet, dass wir für den Frieden beten müssen. Dieses Gebet muss in unsere Herzen und in unsere Hände gehen, damit wir aus dem Gebet, also aus der Gottesbeziehung heraus, auch den Menschen beistehen.

Bischof Gebhard Fürst

"Wir können die Menschen nicht im Stich lassen, wenn sie von einem brutalen Aggressor angegriffen und getötet werden."

Denn wir leben in einer Situation in Europa, in der es seit vielen Jahrzehnten wieder einen Krieg gibt, der der Ukraine durch den Einmarsch der russischen Armee aufgezwungen wurde. Daran können wir bei einem Katholikentag nicht vorbeigehen. Es muss eine Solidarität mit den Menschen dort geben. Die gibt es auch schon in weiten Teilen, denn wir können die Menschen nicht im Stich lassen, wenn sie von einem brutalen Aggressor angegriffen und getötet werden.

Und neben der Solidarität und der humanitären Hilfe in Form von Nahrungsmitteln und medizinischer Versorgung müssen wir die Ukrainer auch in die Lage versetzen, dass sie sich verteidigen können. Die Botschaft des Friedens muss auch heißen: Der Frieden ist uns so viel wert, dass jemand, der in Frieden leben will, sich auch verteidigen kann.

DOMRADIO.DE: Das heißt, Sie befürworten Waffenlieferungen an die Ukrainer.

Fürst: Ich bin der Meinung, dass die Ukraine sich verteidigen können muss und dazu gehören angemessene Werkzeuge, also Waffen.  

DOMRADIO.DE: Die christliche Friedensethik hat jahrzehntelang Pazifismus und Abrüstung gefordert. Jetzt werden diese Forderungen von der Realität überrollt. Muss dann nicht auch diese christliche Friedensethik neu gedacht werden?

Bischof Gebhard Fürst

"Aber tatsächlich müssen wir unsere Friedensethik nachjustieren. Wir müssen helfen, dass Notwehr möglich ist."

Fürst: Dass wir in Frieden leben wollen und nicht nur in Aufrüstung investieren und für einen Frieden arbeiten müssen, ist unbestritten. Aber tatsächlich müssen wir unsere Friedensethik nachjustieren. Wir müssen helfen, dass Notwehr möglich ist. Sonst machen wir uns der unterlassenen Hilfeleistung schuldig.

Das Interview führte Ina Rottscheidt.

Katholikentage

Katholikentage sind Treffen, bei denen sich die Kirche mit ihren Verbänden und Institutionen über mehrere Tage öffentlich präsentiert. Sie finden in der Regel alle zwei Jahre in wechselnden Städten statt.

Bei Katholikentagen diskutieren zehntausende Christen über kirchliche und gesellschaftspolitische Themen und feiern Gottesdienste. Veranstalter ist das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK); Gastgeber ist die jeweilige Diözese des Austragungsortes.

Flyer und Becher mit Bleistiften des 102. Deutschen Katholikentags in Stuttgart / © Gerhard Baeuerle (epd)

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