Ausstellung in Kölner Kirche verschafft Missbrauchsbetroffenen Gehör

Gegen das Vergessen

Kunst kann viel, zum Beispiel die Erinnerung an einen Menschen wachhalten. In der Kölner Kirche St. Gertrud wird dem Missbrauchsbetroffenen Ingo Erven deswegen eine Ausstellung gewidmet. Er ist vor einem Jahr verstorben.

Autor/in:
Hilde Regeniter
Taufbecken im Innenraum der Kirche Sankt Gertrud in Köln / © Julia Steinbrecht (KNA)
Taufbecken im Innenraum der Kirche Sankt Gertrud in Köln / © Julia Steinbrecht ( KNA )

DOMRADIO.DE: Wer war Ingo Erven? Wofür steht er?

Peter Otten (Pastoralreferent St. Agnes): Ingo Erven war ein großartiger Mensch, herzenswarm, ein großer Koloss, kraftvoll und empathisch. Er war jedoch auch sehr verletzt durch das, was er erlebt hat. Am Schluss ist er sehr krank geworden. Studierende der Hochschule Düsseldorf haben seine Geschichte erzählt und bei uns in St. Gertrud eine wunderbare Ausstellung gemacht.

DOMRADIO.DE: Die Ausstellung heißt "DIE MAUER". Warum?

Otten: Weil Ingo sein Leben und das Leben anderer Betroffener oft als ein Rennen gegen eine Mauer empfunden hat: das Nichtfertigwerden mit dem eigenen Schmerz, das Nichtgehörtwerden von dem, was ihm passiert ist, sich immer wieder mit anderen solidarisieren, aber dann ins Leere rufen und kein Echo bekommen. 

In Interviews und auch in vielen Gesprächen mit mir hat er gesagt, er empfinde viel von dem wie eine Mauer. Das hat der Ausstellung den Titel gegeben.

Kirche Sankt Gertrud in Köln / © Julia Steinbrecht (KNA)
Kirche Sankt Gertrud in Köln / © Julia Steinbrecht ( KNA )

DOMRADIO.DE: Wie ist diese Mauer dargestellt?

Otten: Es ist eine feine Plane, auf die Steine gemalt sind. Unten sind wenige schwarze Steine und es werden mehr, je höher die Plane nach oben gezogen ist. Am Fenster entlang kommen immer mehr schwarze Steine hinzu. Menschen, die selber betroffen sind oder Menschen kennen, die betroffen sind, schreiben die Namen dazu. 

Die Ausstellung macht zum zweiten Mal bei uns Station. Beim ersten Mal sind unglaublich viele Namen dazugeschrieben worden, das heißt, die Mauer soll immer voller werden. Das ist der Sinn.

Peter Otten

"Kein Mensch interessiert sich für die Menschen, die von der Gewalt betroffen sind."

DOMRADIO.DE: Ingo Ervens Stimme ist auch zu hören. Ist es das Hauptziel, der Stimme der Betroffenen mehr Gehör zu verschaffen?

Otten: Ich finde, das Thema sexuelle Gewalt und Missbrauch ist leider ein bisschen in den Hintergrund getreten. Schauen wir uns die Epstein-Fälle an. Es wird viel über die Täter gesprochen, aber kein Mensch interessiert sich für die Menschen, die von der Gewalt betroffen sind. 

Ingo ist vor einem Jahr nach schwerer Krankheit gestorben. Mir war es persönlich ein großes Anliegen, seine Stimme und seine Geschichte zum Klingen zu bringen, einmal, weil er ein großartiger Mensch war, und weil jeder, der bei uns in der katholischen Kirche so etwas erlebt hat, Aufmerksamkeit verdient. Sie verdienen, dass ihre Geschichten, so schmerzhaft und schlimm sie auch sind, nicht vergessen werden.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

Mehr Informationen zur Ausstellung "DIE MAUER":
22. Februar–08. März, 15:00–19:00 Uhr
Semesterprojekt "Antibrand" im Fach Ausstellungsarchitektur der Hochschule Düsseldorf 

Quelle:
DR

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