Die Benediktiner im niederbayerischen Kloster Rohr wollen die in ihrem Gymnasium und Internat von Mitbrüdern ausgeübte sexualisierte Gewalt wissenschaftlich aufarbeiten lassen. Das kündigte der Administrator des Klosters und Abt von Scheyern, Markus Eller, am Freitag in Regensburg an. "Das ist lange überfällig, und ich bin froh, dass wir nach einer längeren Zeit der Vorbereitung, aber auch mancher Versäumnisse endlich heute diesen Schritt gehen." Das Projekt solle dazu beitragen, etwas Licht in den dunklen Teil der Geschichte zu bringen. Betroffene, Angehörige und Zeitzeugen werden gebeten, sich zu melden und zur Aufklärung beizutragen.
Die historisch-wissenschaftliche Studie unter Leitung der Münchner Historikerin und Erziehungswissenschaftlerin Annette Eberle ging demnach im Januar an den Start. Untersucht werden soll der Zeitraum seit Eröffnung des Gymnasiums im Jahr 1947 bis zur Gegenwart; parallel dazu das Internat, das 2011 geschlossen wurde. Die bisher bekannten Vorfälle hätten sich zwischen den 1950er bis in die 2000er Jahre hinein ereignet. Laut dem Abt haben sich bisher rund 20 Betroffene gemeldet.
Interviews, Dialog- und Schreibwerkstatt
Wie Robert Köhler vom Ausschuss für unabhängige Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bereich von Ordensgemeinschaften bei der Deutschen Ordensobernkonferenz sagte, hat, wer dies wollte, auch eine Anerkennungsleistung erhalten. Seinen Worten zufolge begleitet sein Gremium mittlerweile bundesweit 18 Ordensgemeinschaften dabei, entsprechende Vorkommnisse aufzuarbeiten.
Eberle, Professorin an der Katholischen Stiftungshochschule München, betonte, die Untersuchung setze auf die Beteiligung der Betroffenen. Neben vertraulich geführten Interviews würden ihnen auch Angebote für eine Dialog- und Schreibwerkstatt gemacht. Die Ergebnisse sollen unter anderem der Prävention sowie einer Erinnerungskultur dienen. Die Wissenschaftler erhoffen sich Aufklärung darüber, wie Bemühungen zur Aufdeckung behindert worden seien und wie es dazu gekommen sei, dass solch missbräuchliche Machtstrukturen sich fortgesetzt hätten.
Abt: "Ich will das alles wirklich wissen"
Eller sagte, als heutiger Administrator bedauere er die schrecklichen Taten und den nicht korrekten Umgang mit Betroffenen zutiefst. Wie das alles habe geschehen können, werde nun erforscht: "Ich will das wirklich wissen, um diese schlimme Sprachlosigkeit meiner Ordensgemeinschaft zu überwinden und den Betroffenen damit besser als bisher gerecht zu werden. Ihr Leid soll endlich gesehen werden und entsprechende Konsequenzen sollen folgen." Weiter erklärte der Abt, dass die Rohrer Klostergemeinschaft inzwischen sehr klein sei. Die Schulträgerschaft werde daher in den nächsten Jahren auslaufen. Ein neues Gymnasium in staatlicher Trägerschaft habe seinen Betrieb in der Unterstufe schon aufgenommen.
Nach den Worten von Eller wurden 1976, 2002 und 2003 Fälle sexuellen Missbrauchs durch drei Mitbrüder angezeigt. In der Folge seien die Beschuldigten verurteilt worden. 2010 habe das Kloster Rohr weitere Meldungen über Missbrauchsfälle erhalten, die alle zur Anzeige gebracht worden seien. Die Verfahren seien jedoch wegen Verjährung oder Tod der Beschuldigten eingestellt worden.