"Aufdecken und erinnern" – diese beiden Worte können als Motto für den Umgang mit sexuellem Missbrauch stehen. Seitdem der kirchliche Missbrauchsskandal 2010 mit dem Aufdecken entsprechender Vergehen an der Berliner Jesuitenschule Canisius-Kolleg in Berlin begann, lassen Prävention und Aufarbeitung von Missbrauch die Kirche nicht los. Gleichzeitig stellt sich nach 16 Jahren der Beschäftigung mit diesem Thema und der Veröffentlichung zahlreicher diözesaner und deutschlandweiter Studien die Frage, wie an das Leid der Missbrauchsopfer erinnert werden soll.
Im Erzbistum Paderborn wird heute Abend ein künstlerisch gestaltetes Mahnmal angesichts der sexualisierten Gewalt in der Kirche präsentiert, dem im Dom der Pader-Stadt eine ganze Kapelle gewidmet ist. In der Brigidenkapelle wird fortan das Mahnmal mit dem Titel "memory – AUFDECKEN + ERINNERN" die Menschen ins Gedächtnis rufen, die unter Missbrauch im Raum der Kirche leiden. Gestaltet wurde der Gedenkort vom Künstler Christoph Brech. Der Münchner konnte sich mit seinem Entwurf im vergangenen Jahr bei einem vom Erzbistum Paderborn, dem Metropolitankapitel und der Betroffenenvertretung in der Erzdiözese ausgelobten Wettbewerb gegen sieben weitere Künstlerinnen und Künstler durchsetzen.
"Aufdecken und erinnern" – das trägt das Mahnmal im Paderborner Dom nicht nur in seinem Namen. Herzstück des Gedenkorts in der mittelalterlichen Kapelle in der Nähe des Ausgangs aus dem Dom ist ein großer Tisch, der an ein Memory-Spiel erinnert. Dort sollen die Besucherinnen und Besucher des Mahnmals selbst tätig werden und auf dem Tisch angebrachte Platten aufdecken. Unter drehbaren Feldern befinden sich Paare von Texten und Bildern, die Betroffene als persönliche Zeugnisse eingebracht haben.
"Et gallus cantavit – Und der Hahn krähte"
Wer die farbig zusammengehörigen Felder aufdeckt, bringt die individuellen Geschichten und Gedanken der Betroffenen ans Licht. Die Felder kippen nach dem Anheben automatisch zurück – ein Hinweis auf die Verletzlichkeit der Erinnerung, aber auch auf all das, was noch verborgen ist, so das Erzbistum. Das mittlere Feld kann nicht umgedreht werden, denn es soll für diejenigen Fälle stehen, die noch im Dunkeln sind. Die Oberseiten der Felder tragen die Inschrift "Et gallus cantavit – Und der Hahn krähte".
Das passt zu der Altarwand der Brigidenkapelle: Dort ist als Teil des Gedenkortes der sogenannte "Hahnen-Hymnus" des heiligen Ambrosius von Mailand angebracht. Er thematisiert die biblisch überlieferte Verleugnung des von den Römern gefangenen Jesus durch seinen Jünger Petrus – noch ehe am Morgen der Hahn dreimal krähte. Der Verrat sei Aufforderung zu einer Transformation von Schuldbekenntnis, Heilung und Versöhnung, so das Erzbistum. An der Außenseite im Osten des Doms ist das Mahnmal durch die Leuchtschrift "memory" sichtbar. Eine Lichtlinie führt von dort zum zentralen Gedenkort in der Kapelle, die der heiligen Birgitta gewidmet ist – Schutzpatronin unter anderem für das Lernen und Heilen.
Die Betroffenenvertretung im Erzbistum sieht in dem Mahnmal "eine konkrete Handlungsaufforderung". Es sei "Denk-mal" und "Mahn-mal" und rufe als "Mach-mal" zu Interaktion und Auseinandersetzung mit dem Leid Betroffener auf. Der Paderborner Erzbischof Udo Markus Bentz betonte, der Gedenkort hole "die Menschen, die sexuellen Missbrauch erleiden mussten, in den Raum unserer Bischofskirche und macht ihre Stimmen hörbar". Das Mahnmal solle auch die Schuld der Täter aufzeigen und das Versagen der Institution Kirche im Umgang mit sexualisierter Gewalt bekennen.
Missbrauch als Teil der Wirklichkeit "unserer Kirche"
In wenigen Tagen, am 12. März, wird deshalb auch eine unabhängige Studie zu Missbrauch im Erzbistum Paderborn veröffentlicht, die von Wissenschaftlern der Universität in der Domstadt im Auftrag der Erzdiözese erstellt wurde. Die Untersuchung nimmt die Zeit von 1941 bis 2002 in den Blick. Das Erzbistum hat dazu Dialogveranstaltungen in seinen Regionen mit Vertretern der Betroffenen angekündigt. Das Thema Missbrauch sei ein Teil der Wirklichkeit "unserer Kirche", erklärte Bentz. Es sei wichtig, darüber gemeinsam zu reden.
Auch in anderen deutschen Diözesen wird langsam eine Gedenkkultur an Missbrauch im Raum der Kirche etabliert: Am kommenden Sonntag wird im Passauer Dom ein Mahnmal enthüllt, das an sexuellen, gewalttätigen und geistlichen Missbrauch erinnert. Im Münchner Liebfrauendom gibt es seit Februar vergangenen Jahres ein Mahnmal gegen das Vergessen von Missbrauch.
Es heißt "Heart", in Anlehnung an Psalm 147,3: "Wer heilt die zerbrochenen Herzen?" Es befindet sich in einer Stele in der Krypta der Kathedrale. Unter anderem im Erzbistum Köln gibt es mit dem Projekt "Purpurbuchen" auch dezentrale Gedenkorte in den Pfarrgemeinden. Mit einer entsprechenden Gedenktafel wird durch die Bäume an Missbrauch erinnert – eine bleibende Aufgabe für die Kirche.