Fragen und Antworten zur Corona-Pandemie auf dem Kontinent

Afrika vor schwierigen Entscheidungen

Nach China, Europa und den USA könnte Afrika das neue Corona-Epizentrum werden. Zwischen 300.000 und drei Millionen Leben stünden auf dem Spiel, warnte zuletzt die UNO. In vielen Ländern des Kontinents sehen Experten bald "schwierige Entscheidungen" zu treffen.

Coronavirus in Südafrika: Ein medizinischer Mitarbeiter erklärt einem Patienten den Coronavirus-Test / © Themba Hadebe (dpa)
Coronavirus in Südafrika: Ein medizinischer Mitarbeiter erklärt einem Patienten den Coronavirus-Test / © Themba Hadebe ( dpa )

Was ist das besondere Problem in Afrika?

"Anders als in Europa und den USA sind viele von Afrikas Gesundheitssystemen fragil und unzureichend ausgestattet", sagt Keymanthri Moodley, Direktorin des Zentrums für Medizinethik und Recht an der Universität Stellenbosch. Es fehle an Ärzten, Pflegern und Geräten. Während in öffentlichen Krankenhäusern in Europa durchschnittlich 4.000 Intensivbetten für eine Million Einwohner bereitstünden, seien es laut WHO in Afrika bloß 5. Im Südsudan gebe es Berichten zufolge ganze vier Beatmungsgeräte für elf Millionen Einwohner.

Könnten weiter entwickelte Staaten wie Südafrika besser auf einen Anstieg der Corona-Fälle reagieren, so würden andere mit dem "katastrophalen Unvermögen" ihrer Gesundheitsbehörden konfrontiert, warnt der Bioethiker Kevin Behrens. "Hier wird es viel öfter zu Entscheidungen darüber kommen, welchen Patienten eine Behandlung vorenthalten wird, als in reicheren Ländern."

Worauf darf eine solche Entscheidung beruhen?

"Eine legitime Entscheidungsgrundlage ist der Gesundheitszustand. Wir müssen versuchen, mit den wenigen Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen, das bestmögliche Ergebnis zu erzielen", sagt Behrens. Wenngleich umstritten, sei es "vernünftig und moralisch gerechtfertigt", auch das Alter zu berücksichtigen. "Wir gehen davon aus, dass jüngere Menschen länger leben. Wenn wir sie behandeln, werden dementsprechend mehr Lebensjahre gerettet", so der Leiter des Steve-Biko-Zentrums für Bioethik in Johannesburg. Auch Professorin Moodley betont, dass "kein Einzelfaktor" eine solch schwierige Entscheidung tragen dürfe. Neben Vorerkrankungen und Alter sollte die Überlebenswahrscheinlichkeit nach der Behandlung abgewogen werden.

Wer sollte entscheiden?

Anders als im Westen gehören in Afrikas unterfinanzierten Gesundheitssystemen Entscheidungen zwischen Leben und Tod zum Alltag. Jahrzehntelange Engpässe bei Intensivbetten, Beatmungs- und Dialysegeräten sowie Spenderorganen hätten die Gesundheitsarbeiter auf dem Kontinent "geübt und strapazierbar gemacht", so Moodley. Dieses Wissen müsse in die Aufnahmekriterien von Corona-Patienten einfließen. Dennoch fordert Bioethiker Behrens klare Richtlinien für Ärzte. "Im Idealfall entscheidet nicht der Behandelnde, sondern eine unabhängige Expertengruppe darüber, wer versorgt werden soll."

Wird Wohlstand eine Rolle spielen?

Weil die öffentliche Gesundheit versagt, greifen Reiche und Mittelschicht in vielen afrikanischen Ländern auf privaten Krankenschutz zurück. Die Sorge ist groß, dass diese Zwei-Klassen-Medizin über das Weiterleben eines Corona-Patienten entscheiden könnte. "Zugleich sehe ich diese Krise als Chance, nun solidarisch und mitfühlend zu handeln", so Behrens. Südafrika, das Land mit den größten Einkommensunterschieden weltweit, sei Vorreiter. Hier arbeiteten private und staatliche Kliniken in der Pandemie zusammen, um Armen und Reichen die gleichen Chancen einzuräumen - "unabhängig davon, ob sie für ihre Behandlung zahlen können".

Was bedeutet die Misere in Afrika für die Staatengemeinschaft?

Das Zentrum für Medizinethik und Recht in Kapstadt ist die einzige Einrichtung ihres Fachgebiets in Afrika, die direkt mit der WHO zusammenarbeitet. Allerdings hätten seit Ausrufung des Gesundheitsnotstands im Januar keine Beratungen zwischen den Organisationen über die ethischen Fragen der Krise stattgefunden, berichtet Direktorin Moodley. "Ich gehe davon aus, dass die Pandemie das WHO-Personal außerordentlich auf Trab hält." Dabei muss sich die Weltgemeinschaft wichtige Fragen stellen, etwa über den gerechten Zugang zu einem Impfstoff.

Ethikexperte Behrens sieht trotz des weltweiten wirtschaftlichen Rückgangs reiche Länder nach wie vor in der Verantwortung: "Als globales Problem fordert diese Pandemie eine globale Lösung." Doch er ist optimistisch, was die Zusammenarbeit während Corona zwischen Industrie- und Entwicklungsländern angeht. "Ich habe die Hoffnung, dass westliche Staaten erkennen, dass die Verwundbarsten dieser Welt unverhältnismäßig stark von den Auswirkungen des Virus betroffen sein werden - und dass unsere gemeinsame Menschlichkeit ein Grund zur Hilfestellung ist."

Autor/in:
Markus Schönherr
Quelle:
KNA
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