"Die Menschen haben Angst." Mit diesen Worten hat Pater Martin Maier am Montag gegenüber DOMRADIO.DE die derzeitige Situation in Venezuela beschrieben. Der Hauptgeschäftsführer des kirchlichen Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat steht nach eigenen Angaben mit den Projektpartnern vor Ort in einem engen Austausch. "Niemand traut sich, auf der Straße offen zu sprechen, schon gar keine Kritik am Regime zu äußern", so Maier.
Denn die Straßen und Plätze würden nach wie vor von sogenannten "Colectivos" kontrolliert, Schlägertrupps des Regimes. "In den Armenvierteln Petare und 23 de Enero, Hochburgen des Chavismus, durften am vergangenen Sonntag keine Gottesdienste stattfinden." Die Menschen würden befürchten, dass die Repression noch weiter steigen und ihre Situation noch dramatischer werde, weiß der Adveniat-Chef. "Deswegen kam es bereits zu Hamsterkäufen."
Zudem äußerte Maier die Befürchtung, dass angesichts der aktuell angespannten Lage in Venezuela noch mehr Menschen als bisher das Land verlassen. Als konkrete Gründe dafür sieht der Jesuit und Lateinamerika-Experte die Angst vor Repressionen durch das nach wie vor regierende Regime sowie vor weiteren Angriffen der USA. Doch nicht alle Menschen könnten es sich leisten, aus dem Land zu flüchten: "Es sind bereits mehr als acht Millionen Venezolanerinnen und Venezolaner infolge der schweren Staats- und Wirtschaftskrise nach dem Amtsantritt von Nicolás Maduro geflohen. Wer also die Möglichkeiten hatte, ist nicht mehr im Land." Ob es zu einer neuen Migrationsbewegung kommen werde, würden erst die nächsten Tage zeigen.
Adveniat setzt Hilfe in Venezuela fort
Adveniat arbeite direkt mit den kirchlichen Institutionen und den Pfarrgemeinden in Venezuela zusammen, betonte Maier. "Das war auch schon in den vergangenen Jahren der große Vorteil." Adveniat gelinge es deshalb bis heute, "Medikamente zu liefern, eine gesundheitliche und medizinische Basisversorgung in den Pfarrgemeinden aufrechtzuerhalten, den Unterhalt von Schwesterngemeinschaften und pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu sichern und Schulspeisungen der Partnerinnen und Partner vor Ort zu finanzieren".
Am Samstag hatten die USA im Rahmen mehrerer Militärschläge gegen Ziele in Venezuela Nicolás Maduro, den Präsidenten des Landes festgenommen und außer Landes gebracht. Inzwischen befindet sich der Sozialist, der Venezuela diktatorisch regiert hat, in einem Gefängnis in New York. Die USA werfen Maduro und seiner ebenfalls entführten Frau Cilia Flores zahlreiche Verbrechen im Bereich der Drogenkriminalität vor.
US-Präsident Donald Trump hatte angekündigt, dass die USA das lateinamerikanische Land in den kommenden Monaten lenken würden. Mitglieder der US-Regierung hatten diese Äußerung Trumps inzwischen relativiert. Die Amtsgeschäfte Maduros führt derzeit die bisherige venezolanische Vizepräsidentin Delcy Rodríguez weiter.
Die Reaktionen auf die Entführung Maduros gehen auseinander: Auf der einen Seite wurde die de-facto-Absetzung des sozialistischen Diktators etwa von Exil-Venezolanern euphorisch begrüßt. Auf der anderen Seite haben zahlreiche Staaten das Vorgehen der USA als Bruch des Völkerrechts scharf kritisiert. Zu diesen Ländern gehören unter anderem mit Venezuela verbündete Nationen, wie Russland oder China.
Unterdessen rief die Venezolanische Bischofskonferenz die Bevölkerung dazu auf, Ruhe zu bewahren. Der aktuell großen Unsicherheit müsse man mit "Hoffnung und intensivem Gebet" begegnen. "Wir solidarisieren uns mit allen Verwundeten und ihren Angehörigen", so die Oberhirten.