Polnische Sicherheitskräfte umringen Migranten an der Grenze zu Belarus
Polnische Sicherheitskräfte umringen Migranten an der Grenze zu Belarus

21.10.2021

Bischof Bode für Handeln gegen Vorgänge in Belarus und Polen "Erschütternd und beschämend"

Die katholische und die evangelische Kirche haben ein gemeinsames Wort zu den Herausforderungen durch Migration und Flucht veröffentlicht. Bischof Franz-Josef Bode erläutert den Inhalt und übt Kritik an der Migrationspolitik Europas.

DOMRADIO.DE: Ihr Thema könnte nicht aktueller sein. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie diese Bilder aus Belarus und Polen sehen?

Dr. Franz-Josef Bode (Bischof von Osnabrück): Ich finde sie wirklich erschütternd und beschämend. Sie erinnern an 2015. Dass hilflose Menschen politisch instrumentalisiert werden, ist schon ein Skandal, gegen den sich auch die Völkergemeinschaft richten muss.

Wir dürfen bei all dem die Grundwerte Europas nicht verraten. Man kann nicht einfach an den Außengrenzen Zäune bauen. Ich denke, es muss einfach eine gemeinsame Anstrengung Europas werden, damit jetzt wieder neu umzugehen. Das ist eine Herausforderung, das wissen wir alle.

Aber wir können auch an der Würde jedes einzelnen Menschen nicht vorbei. Das ist ein Dilemma, das weiß ich. Aber wir müssen als Kirchen - glaube ich - immer wieder darauf verweisen, dass auch die europäische Politik sich da einiger wird, wie das geschehen kann.

Das ist schon eine erschütternde Geschichte zurzeit.

DOMRADIO.DE: Die katholische und evangelische Kirche haben ein gemeinsames Wort zu den Herausforderungen durch Migration und Flucht veröffentlicht. Was ist da Ihr zentraler Punkt in diesem gemeinsamen Wort?

Bischof Bode: Der zentrale Punkt ist die Orientierung aller Migrationspolitik und Migrantenbegleitung an der Würde des Menschen. Ich glaube, bei all den disparaten Herausforderungen, politische, ethische und religiöse, muss der Mensch immer im Mittelpunkt bleiben, der von Gott her geschaffen und anerkannt ist.

Das ist überhaupt immer wieder die Botschaft der Kirchen und der Religionen. Das schließt ja schon die Vielfalt der Menschen ein, dass jeder auch einzeln von Gott gewollt ist und in dieser Vielfalt. Die Bibel selber ist Migrationsliteratur, und da legt sich einfach nahe, dass Migration ein wichtiges Thema aller Vollzüge der Kirche ist in der Verkündigung, im Gottesdienst, natürlich im Dienst an den Menschen, im Dienst an der Gemeinschaft.

Ich selber erlebe in Bremen unsere Kirche, die katholische Kirche, als Migrantenkirche aus 120 Nationen. Und ich denke, wir müssen auch über das Geschehen von Integration immer wieder neu nachdenken. Die Begleitung der Menschen in diesen prekären Situationen damals war eine große Willkommenskultur, auch gerade unter kirchlich Engagierten und da dürfen wir nicht nachlassen.

Das Ziel ist, das ist auch Inhalt dieses Papiers, dass es langfristig auch um mehr Partizipation und um Einbürgerung geht. Diese Fragen sind in diesem Papier unter diesem Aspekt der Menschenwürde dargestellt.

DOMRADIO.DE: Haben Sie eine Antwort auf die Frage gefunden, wie man Migration menschenwürdig gestalten kann?

Bischof Bode: Es sind viele Vorschläge natürlich darin gemacht und auch viele Dinge angesprochen. Es ist ein ziemlich umfangreiches Papier. Das bleibt schwer und kommt konfliktiv. Aber ich denke mal, zwischen Aufnahme weniger und Aufnahme aller liegen noch sehr viele Möglichkeiten dazwischen.

Wir bauen uns manchmal auch so Popanze auf, hätte ich beinahe gesagt, vor denen man dann Ängste entwickelt. Wir müssen auch mehr darauf schauen, dass es eine Bereicherung sein kann - kulturelle, religiöse, menschlich und auch fachliche.

Wir brauchen auch Menschen, die mit ihren vielfältigen Möglichkeiten Gesellschaft mitgestalten. Die Frage ist, was Integration bedeutet. Wir müssen alles tun, dass irgendwelche populistischen Angstschemen bekämpft werden und wir wirklich auch auf die einzelnen Menschen sehen.

Denn wer den einzelnen Migranten oder die Geflüchtete kennenlernt, der ist meistens anderer Meinung darüber, als wenn man über die Mengen spricht. Es geht eigentlich um den Blick auf die Einzelnen und das wird in dem Papier unter ethischen, politischen, religiösen Gesichtspunkten sehr breit angegangen.

DOMRADIO.DE: Das letzte Ökumenische Wort zu dem Thema ist 25 Jahre alt. Damals ging es noch um die Frage, ob Deutschland ein Einwanderungsland ist. Warum hat es so lange gedauert, bis es jetzt dieses neue gemeinsame Papier gab?

Bischof Bode: Es hat ja sehr viele Fragen danach gegeben. Es geht immer um diese Frage, ob wir Einwanderungsland sind. Das denke ich, sind wir wohl. Und es hat sich in unserem Bewusstsein erst langsam auch entwickelt, dass wir eigentlich immer mehr auch mit diesem Begriff der Vielfalt von Menschen und der Vielfalt der Kulturen in unserem Land leben.

Das ist eine sehr wichtige Aufgabe der Zukunft, das auch anzunehmen und zu gestalten.

DOMRADIO.DE: Eine neue Ampelkoalition in Berlin könnte große Änderungen in der Flüchtlingspolitik mit sich bringen. Gibt es da in Ihrem Papier konkrete Wünsche oder Appelle an die nächste Bundesregierung?

Bischof Bode: Die sind ja jetzt nicht direkt auf die Bundesregierung gemünzt, weil das Papier ja nicht an eine bestimmte Koalition gerichtet und auch schon vor Längerem entstanden ist. Ein paar Punkte, die ich mir selber aus dem Papier heraus wünschen würde: Kampf gegen Populismus und Rassismus muss in der politischen Situation sein.

Positive Religionsfreiheit, nicht nur negative, dass wir irgendwie absolut neutral sind, sondern dass die Religionen auch ihr Leben leben können. Die Zusammenarbeit mit den Kirchen würde ich mir doch sehr wünschen, weil es auch sehr viel Expertise bei den Kirchen gibt. Seit vielen Jahrhunderten geht Kirche ja auch damit um.

Ich würde sehr dafür plädieren, dass man den Wert der Familie im Auge hat. Was, wenn es um Zusammenführung geht? Ich denke, dass die europäische Flüchtlingspolitik unbedingt mehr geeint werden muss, dass man politisch dafür eintritt und die internationale Zusammenarbeit einfach wächst.

Und ich denke mal, dass auch die Klimapolitik ein ganz wichtiges Thema ist, weil ja viele Migranten aus Klimagründen kommen. Das wird auch ein eigenes Thema sein. Das sind so Punkte, möchte ich mal sagen, die ich jetzt so dem Papier entnehme - ich persönlich - , die ich auch an die neue Regierung richten würde, wenn ich diesen Wunsch so sagen darf.

Das Interview führe Hannah Krewer.

(DR)

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