Wassertreten: Der bekanntest Aspekt des Kneippens
Wassertreten: Der bekanntest Aspekt des Kneippens
Thomas Hilzensauer
Thomas Hilzensauer
Statue von Sebastian Kneipp am 15. März 2021 in Bad Wörishofen
Statue von Sebastian Kneipp am 15. März 2021 in Bad Wörishofen

17.05.2021

Experte spricht über den Sinn des Kneippens und Kritik daran "Viele Leute kneippen, ohne es zu ahnen"

Am 17. Mai würde Sebastian Kneipp 200 Jahre alt. Das Gesundheitsprogamm des katholischen Priesters aus dem Allgäu, das Kneippen, hat sich über seinen Tod im Jahr 1897 hinaus erhalten. Was es damit auf sich hat, erklärt Thomas Hilzensauer

KNA: Wenn jemand noch nie gekneippt hat - warum sollte er nun damit anfangen?

Thomas Hilzensauer (Bundesgeschäftsführer des Kneipp-Bundes): Nehmen wir das Wassertreten, den wohl bekanntesten Aspekt des Kneippens. Jetzt im Frühjahr werden die Kneipp-Becken draußen wieder mit Wasser gefüllt. Wer da durchgeht, kräftigt sein Immunsystem, was die körpereigenen Abwehr- und Selbstheilungskräfte steigert. In Pandemie-Zeiten ist das wichtiger denn je.

KNA: Kneippen schützt vor Corona?

Hilzensauer: Natürlich nicht direkt. Aber wer vital ist, dürfte weniger anfällig für eine Infektion sein oder diese leichter überstehen.

KNA: Sie haben das Wassertreten einen Aspekt genannt. Was ist Kneippen noch?

Hilzensauer: Kneipp hat es selbst nie so formuliert, aber was er an altem Volkswissen zusammengeführt und weiterentwickelt hat, ist eine ganzheitliche Gesundheitspflege auf fünf Säulen. Zur Heilkraft des Wassers - des kalten wie des warmen - kommen noch Heilpflanzenanwendungen, gesunde Ernährung, Bewegung sowie Ordnung, also Ausgeglichenheit der Seele. Hinter diesen Säulen steht eine Riesenpalette an Anwendungsmöglichkeiten. Dass diese individuell einstellbar sind, ist eine Stärke des Systems. Denn jeder Körper reagiert anders.

KNA: Welche Anwendungen gibt es neben dem Wassertreten?

Hilzensauer: Im Bereich Ordnung etwa Entspannungsangebote aus Elementen von autogenem Training, Yoga und Qigong. Wichtig ist auch die Suche nach kraftgebenden Strukturen. Das kann ein Spaziergang sein, ein Gebet oder ein Kirchgang. All das soll beruhigen, aber auch die Konzentration auf einen geregelten Tagesablauf ermöglichen, in dem es etwa Mahlzeiten und Schlaf immer zur gleichen Zeit gibt, damit der Körper sich darauf einstellen kann. Ich selbst mag als regelmäßige Übung gern den "Espresso des Kneippianers": ein kaltes Armbad, das nach der Mittagspause anregt. Ähnlich wirkt ein kalter Gesichtsguss, der hilft gegen Kopfschmerzen.

KNA: Wer recherchiert, stößt rasch auch auf Schnee- oder Morgentautreten. Klingt das bloß esoterisch?

Hilzensauer: Das ist nicht esoterisch, sondern praktisch. Davon werden die Füße warm - ein Effekt, den man sofort merkt. Das ist doch Beweis genug für die Wirksamkeit.

KNA: Mit Verlaub: Tautreten oder Armbad sind ja keine Raketenwissenschaft. Wozu braucht es Kneipp-Fachleute?

Hilzensauer: Wir hören oft: "Das kenne ich von meiner Großmutter." Das kann gut sein, denn wie gesagt: Kneipp hat nichts Neues erfunden, sondern Altes neu betrachtet, verfeinert und verbunden. Das geht bis heute so weiter, insofern ist das Kneippen ein Prozess. Und insofern kneippen viele Leute, ohne es zu ahnen, wenn sie sich etwa nach dem Duschen kalt abbrausen. Profis wie in zertifizierten Kneipp-Hotels sind trotzdem nötig. So bekommen Kurpatienten ja größere Anwendungen wie Vollgüsse, bei denen der Körper schon mal heftig reagiert. Das muss von therapeutisch geschultem Personal überwacht werden. Und schon bei kleinen Anwendungen gibt's oft Fehler.

KNA: Welche?

Hilzensauer: Durch die Wassertret-Anlagen laufen viele Menschen einfach durch. Besser wäre der Storchengang. Und hinterher soll man sich nicht abtrocknen, sondern abstreifen. So werden die kalt gewordenen Hautstellen stärker durchblutet. Außerdem sollte man nicht direkt nach dem Wassertreten ein Armbad nehmen, was viele tun. Stattdessen gehören zwischen Anwendungen immer Pausen, damit sich die Körperreaktionen nicht gegenseitig aufheben. Und wer warm-kalte Wechselduschen nicht morgens, sondern abends praktiziert, muss damit rechnen, dass ihm das Einschlafen schwerer fällt.

KNA: Heute bieten schon Kindergärten das Kneippen an. Kritiker halten das für "Förderitis". Was entgegnen Sie?

Hilzensauer: Dass man mit dem Kneippen nicht früh genug beginnen kann. Es geht ja schlicht um ein gesundes Leben, wozu etwa eine bewusste Ernährung zählt. Und was Wasser-Anwendungen angeht: Davon gibt's in Kindergärten natürlich nur sanfte. Keinem Kind wird ein eiskalter Kübel über den Kopf gekippt. Alles ist freiwillig, kein Kind wird zur Teilnahme gezwungen. Aber Kinder haben doch immer Spaß mit Wasser. Und aus den von uns zertifizierten Einrichtungen wissen wir: Dort sind die Kinder gesünder als anderswo.

KNA: Dafür gibt es keine wissenschaftlichen Belege.

Hilzensauer: Richtig, das ist ein Erfahrungswert. Wir planen dazu gerade eine Studie. Eine solche hat für zertifizierte Senioreneinrichtungen schon ergeben, dass die Menschen dort ein besseres Immunsystem haben. Und bei den Kneipp-Kitas spricht doch das Wachstum schon für sich: von 0 auf 475 in 20 Jahren, Tendenz steigend.

KNA: Eine 2020 veröffentlichte Auswertung der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den Effekten des Kneippens ergab: "Die Kneipp-Therapie scheint bei zahlreichen Beschwerdebildern in verschiedenen Patientenkollektiven positive Effekte zu bewirken." Euphorie klingt anders, oder?

Hilzensauer: Ja, es mangelt beim Kneippen auf jeden Fall an aussagekräftigen Studien. Das wollen wir nachholen. Aber dafür brauchen wir Geld. Leider gibt es in dem Bereich keine großen Sponsoren oder Förderungen. Um das Thema anzuschieben, haben wir unter anderem schon eine Stiftungsprofessur für Naturheilkunde an der Berliner Charite mitfinanziert.

KNA: Wie steht es um die Zukunft des Kneippens?

Hilzensauer: Wir müssen gegen den doch etwas verstaubten Charakter des Kneippens ankämpfen. Unsere Zukunftsaufgabe ist es, bekannt zu machen, dass dahinter mehr steckt als ein paar Spritzer kaltes Wasser - nämlich ein komplettes Gesundheitssystem für jeden, das weder viel Zeit noch Geld erfordert. Wir wollen mit dem Kneipp-Gedanken die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung stärken.

Christopher Beschnitt
(KNA)

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