Leeres Zimmer auf einer Intensivstation
Leeres Zimmer auf einer Intensivstation

17.04.2020

Klinikmanager fordert behutsame Wiederaufnahme von Behandlungen "Viele Operationen sind nicht beliebig verschiebbar"

Für eine behutsame Wiederaufnahme von zurückgestellten Krankenhausbehandlungen plädiert der stellvertretende Vorsitzende des Katholischen Krankenhausverbandes Deutschlands, Ingo Morell. Viele Krankenhäuser in Deutschland hätten mittlerweile freie Kapazitäten.

KNA: Herr Morell, seit Mitte März haben die Krankenhäuser in Deutschland planbare Operationen und Eingriffe verschoben. Lässt sich das weiter aufrecht erhalten?

Morell (Stellvertretender Vorsitzender des Katholischen Krankenhausverbandes Deutschlands (kkvd)): Es ist eine surreale Situation. Aus Angst vor einer großen Welle an Corona-Patienten haben wir nicht notwendige Operationen und Behandlungen abgesagt. Doch zum Glück ist diese große Welle in den allermeisten Regionen bislang ausgeblieben. Das bedeutet aber, dass es in vielen Häusern mittlerweile Leerstand gibt. Viele Kliniken melden inzwischen Belegungsrückgänge in der Größenordnung von 30 Prozent und mehr. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft berichtet von 150.000 freien Krankenhausbetten und cirka 10.000 freien Intensivplätzen.

KNA: War der Aufruf von Gesundheitsminister Spahn also ein Fehler?

Morell: Im Nachhinein ist man immer schlauer. Die Bilder aus Italien und Frankreich haben uns ja vor Augen geführt, was passieren kann. Und die Situation kann auch bei uns ganz schnell kippen. Schauen Sie nach Sankt Augustin bei Bonn, wo plötzlich in einem Pflegeheim viele Bewohner und auch Angehörige des Personals an Corona erkrankt sind. Da brauchen Sie dann plötzlich doch viele Krankenhauskapazitäten, wenn auch regional begrenzt.

KNA: Andererseits gibt es auch Patienten mit anderen schweren Erkrankungen, die eine OP oder Krankenhausbehandlung bräuchten...

Morell: Viele Operationen sind nicht beliebig verschiebbar. Wir dürfen, auch aus ethischen Gründen, wegen potenzieller Corona-Patienten nicht die Interessen und Bedürfnisse anderer Kranker missachten.

KNA: Also zurück zum Normalbetrieb?

Morell: Das geht natürlich auch nicht. Aber ich plädiere für eine behutsame Wiederaufnahme von zurückgestellten Behandlungen. Das gilt insbesondere für solche Fälle, in denen intensivmedizinische Maßnahmen absehbar nicht benötigt werden. Damit würde den berechtigten Interessen von Patienten, die sonst vielleicht noch Monate auf ihre Eingriffe warten müssten, Rechnung getragen. Die Kliniken haben sich ja mittlerweile auf eine mögliche Welle von Corona-Patienten eingestellt, ihre Beatmungskapazitäten erhöht und mehr Intensivbetten bereitgestellt. Sie könnten viel schneller reagieren als noch vor vier Wochen.

KNA: Dreht das Personal in vielen Krankenhäusern mittlerweile Däumchen?

Morell: Nein. Es ist eine angespannte Stimmung. Die psychische und körperliche Belastung in der gegenwärtigen Situation ist für alle hoch. Ärzte und Pflegekräfte machen eine tolle Arbeit, da kann man nur Danke sagen. Schließlich haben auch sie Angst vor Ansteckung, weil sie eine besondere Risikogruppe sind.

KNA: Trotzdem gibt es Erwägungen zu Kurzarbeit auch in Krankenhäusern...

Morell: Dazu sehe ich, zumindest was Ärzte und Pflegekräfte angeht, wegen des Schutzschirms der Bundesregierung für die Kliniken derzeit keinen Anlass. Denkbar ist Kurzarbeit allerdings für Nebenbetriebe wie Beratungsstellen oder Physiotherapie sowie für Leihkräfte, die Belastungsspitzen ausgleichen sollen. Was den Schutzschirm angeht, fahren wir, bezogen auf den Bereich der Gemeinnützigen Gesellschaft der Franziskanerinnen zu Olpe, allerdings auch auf Sicht. Viele Detailfragen sind ungeklärt. Wir schauen von Monat zu Monat. Ich rechne für dieses Jahr mit einem Defizit.

KNA: Wenn es dennoch in einzelnen Kliniken oder Arbeitsbereichen freie Kapazitäten gibt: Kann man sich dann gegenseitig aushelfen und beispielsweise Pflegekräfte aus Krankenhäusern in Heimen einsetzen? Die Deutsche Stiftung Patientenschutz etwa schlägt Freiwilligenpools für Corona-Notlagen vor.

Morell: Darauf eine zweigeteilte Antwort. Das ist einerseits schwierig, weil es in Deutschland ziemlich starre Grenzen zwischen ambulantem und stationärem Bereich im Gesundheitssystem und erst recht zwischen dem Bereich der Alten- und Gesundheitspflege gibt. Eine Krankenpflegerin aus dem Krankenhaus kann nicht einfach in einem Altenheim aushelfen, ein niedergelassener Arzt nicht einfach im Krankenhaus einspringen. Da gibt es viele Hindernisse, was die Finanzierung und das Rechtliche angeht.

KNA: Und andererseits?

Morell: Ich beobachte in dieser Krise, dass solche Grenzen plötzlich stark aufweichen. Zumindest für eine Zeit. Als in Sankt Augustin so viele Corona-Erkrankungen in dem Heim auftraten, dass das Heim geschlossen werden musste, haben auch die umliegenden Krankenhäuser vorübergehend Bewohner aufgenommen - obwohl sie gar nicht ins Krankenhaus gehörten.

Ein anderes Beispiel: Das Kinderhospiz in Olpe hat derzeit wegen Corona keine jungen Patienten. Viele der dort arbeitenden Intensivpflegekräfte sind aber bereit, in umliegenden Krankenhäusern auszuhelfen. Sie werden derzeit geschult, um auch Erwachsene beatmen zu können. Das ist wirklich beispielhaft. Ob die Krise langfristig dafür sorgt, dass die viel zu starren Grenzen im Gesundheitswesen sich auflösen, vermag ich nicht zu sagen.

KNA: Vor der Krise gab es auch eine heftige Debatte über die Zahl der Krankenhäuser in Deutschland. Insbesondere Gesundheitsökonomen und Stiftungen forderten eine Verringerung. Sorgt die Krise für einen Bewusstseinswandel?

Morell: Natürlich sieht die Welt aus der Perspektive der Krise anders aus. Forderungen etwa der Bertelsmann Stiftung, die Zahl der Krankenhäuser von knapp 1.400 auf weniger als 600 zu senken, kann man wohl vergessen. Wir werden eine Debatte darüber bekommen, wie viel wirtschaftliches Denken im Gesundheitswesen angemessen ist und ob nicht der Daseinsvorsorge ein höherer Stellenwert zugemessen werden muss - etwa beim Erhalt von Krankenhäusern in ländlichen Regionen. Das heißt nicht, dass man jedes bestehende Krankenhaus in Deutschland erhalten muss. Aber die Erfahrungen aus der aktuellen Krise dürfen wir in den zukünftigen Diskussionen nicht vergessen.

Das Interview führte Christoph Arens.

(KNA)

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